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30
Mai

BIG-APPETIZER: LET’S TALK ABOUT

Auf unserer Website präsentieren wir Euch regelmäßig einen BIG-Appetizer, um euch Appetit auf unser aktuelles Magazin zu machen. Diesmal: Das Intensiv-Interview aus unserer Reihe „Let’s Talk About“ mit Bogdan Radosavljevic, geführt und geschrieben von David Nienhaus.

Beginnen möchte ich meine Episode heute mit dem Ende. Bogdan Radosavljevic und ich geben uns nach dem Gespräch die Hand, Fistbumb, Umarmung, wie es so üblich ist unter Basketballern. Oder besser: üblich war.

Das Gespräch mit dem Hamburger Center habe ich vor der Corona-Pandemie geführt. Gefühlt vor einer Ewigkeit, doch wirklich lange liegt es eigentlich nicht zurück. Lang genug dennoch, um darauf hinzuweisen, dass vor ein paar Wochen noch alles anders war. Eine andere Welt. Seitdem musste eine Ausgabe von BIG umgeplant werden, diese kleine Interview-Rubrik pausierte und das Interview mit Radosavljevic zum Thema Heimat wurde verschoben.

Auch wenn die Welt inzwischen eine andere ist, die Wertewelt von Bogdan Radosavljevic bleibt bestehen: Heimat und Familie sind zwei wichtige Anker im Leben des 26-Jährigen. Deshalb verfolgt ihr nun ein Gespräch, dass trotz Corona vielleicht aktueller und passender denn je ist.

 Bogdan, passt dein Leben in eine Kiste?

Als ich von Berlin nach Hamburg gezogen bin, hat meine ganze Wohnung in ein Auto gepasst. Mir reicht ein Koffer und ein Handgepäck für die erste Woche. Mehr brauche ich nicht. 

Bogdan Radosavljevic fährt einen großen, schnellen Wagen. Autos sind sein Hobby. Er ist aber ein bisschen genervt von der Parkplatzsuche in Hamburg.

Was ist für dich Heimat?

Das ist schwer zu beantworten. Heimat ist da, wo ich herkomme – in meinem Fall also Serbien. Heimat ist aber auch dort, wo meine Familie ist. Da meine Familie, also meine Frau und mein Sohn, immer bei mir sind, habe ich meine Heimat immer bei mir, egal wo ich gerade bin. Ich habe aber natürlich auch noch meine Familie in Nürnberg, in Serbien, in Tübingen – deshalb ist eine klare Definition des Begriffs Heimat für mich schwer. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen: Serbien, Tübingen und dort, wo meine Familie ist.

Deine sportliche Heimat ist in dieser Saison Hamburg. Das passt ja gut.

Zum Zeitpunkt des Interviews hatte Boggy einen Punkteschnitt von 19 PPG. 

Es passt einfach alles. Es gibt nichts zu meckern. Normalerweise findet ein Spieler immer irgendein Haarinder Suppe – nicht jeder Spieler sagt es dann auch. Aber ich bin ein Typ, der geradeheraus sagt, was er denkt. Mir hat es geholfen, dass ich mich von Beginn an wohlgefühlt habe –sportlich, aber auch familiär. Und Hamburg ist wirklich eine schöne Stadt. 

Wir sitzen in einem Hamburger Szene-Restaurant. Instagrammable Bowls, healthy Wraps und chillige Musik. Bogdan Radosavljevic bestellt sich Protein-Food.

War es in deiner Karriere schon mal anders? Hattest du irgendwo Anlaufprobleme bei einem neuen Klub?

Nein, noch nie. Ich bin nicht der Typ für solche Probleme. Ich komme mit allem klar. Meine Frau ist genauso unkompliziert. In meinen ersten anderthalb Wochen in Italien hatte ich beispielsweise keine Wohnung und musste viermal das Hotel wechseln.

Viermal in anderthalb Wochen? Was war da los?

Ich war zuerst in einem Hotel, das dann auch unsere Gegnermannschaft gebucht hatte. Das war nicht erlaubt, also musste ich vorübergehend in ein Hotel eines Sponsors. Dort waren dann keine Kapazitäten mehr, also war ich zwei weitere Nächte in einem Airbnb und danach wieder in einem anderen Hotel. Die Wohnung, die mir dann später gestellt wurde, war im Stil der 60er-Jahre eingerichtet – mit Teppich an der Wand und so. (lacht) Ich glaube, ich habe schon alles erlebt, mich überrascht gar nichts mehr.

Wie ist das Hotelleben für dich?

Ach, so ein Hotelleben hat schon nützliche Vorteile: Das Frühstück wird vorbereitet, mein Zimmer wird immer aufgeräumt, ich habe einen Parkplatz. (lacht)

Und für dich und deine Familie?

Wir machen es grundsätzlich so, dass ich in der ersten Woche immer alleine in die neue Stadt gehe. Meine Frau und mein Sohn bleiben dann in Tübingen, wo wir ein Haus bei ihren Eltern haben. Erst wenn alles geklärt ist und ich eine feste Wohnung habe, kommt meine Familie nach. Wir wollen nicht mit dem Kleinen in einem Hotelzimmer wohnen und ihn dem ganzen Stress aussetzen. Für mich ist es nicht schwer, mich dieser Situation anzupassen.

Wie sind diese Situationen für deine Frau Jenny?

Riesen Respekt an Jenny – aber auch an alle anderen Frauen, die alleine mit Kindern zurechtkommen. Wir haben ja nur ein Kind, und das ist schon sehr viel Arbeit. Ich kenne aber auch Spieler, die zwei Kinder haben. Wenn die mal fünf Tage auf einem Auswärtstrip sind – da kannst du dir vorstellen, was da los ist. Ich würde bekloppt werden und wäre überfordert.

Hörst du Klagen von deiner Frau, wenn du unterwegs bist?

Nein. Sie macht gut mit. Sie wusste ja von Beginn an, worauf sie sich einlässt. Aber sie war so verliebt in mich, dass sie nicht Nein sagen konnte. (lacht) Nee, im Ernst. Sie war sofort bereit, mit mir auf diese Reise zu gehen. Danke! Ich habe großen Respekt davor und empfinde das nicht als Selbstverständlichkeit.

Es gibt den spießbürgerlichen Traum vom Haus mit Vorgarten, Hund und Familie wie klingt das für dich?

Das ist cool. Und tatsächlich ist es bei uns genauso – in Tübingen. Das Haus ist neu gebaut, die Eltern meiner Frau wohnen auch dort. Es ist wunderbar, den Sommer in unserem großen Garten zu verbringen, mit Pool und zwei Hunden, die dort rumlaufen. Das ist unser eigenes Reich, das ist unsere Heimat und wichtig für uns. 

Zum Zeitpunkt des Gesprächs war noch nicht abzusehen, dass Boggy dort mit seiner Familie sehr viel Zeit verbringen wird.

Du bist vielleicht kein Welten-, aber ein Deutschland-Bummler. Sieben deiner acht Profistationen in den vergangenen zwölf Jahren waren bei Vereinen in der Basketball Bundesliga. Würdest du gerne auch mal langfristig bei einem Klub bleiben?

Für die Familie wäre es schon schön, wenn ich irgendwo länger bleiben könnte. Wenn ein Spieler ungebunden ist, sind so viele Vereinswechsel nicht schlimm. Ich hatte bislang durchaus das Glück, immer längerfristige Verträge zu haben – in Berlin, München, Tübingen. Es ist schön, wenn man irgendwo sesshaft werden kann, man muss aber auch damit klarkommen, wenn dem nicht so ist. Unser Ziel ist es, immer länger an einer Station zu bleiben.

Ist es schwer, sich mit einem neuen Klub, einer neuen Stadt zu identifizieren? Oder ist es nur ein Job wes Brot ich ess, des Lied ich sing?

Nein, es ist nicht nur ein Job. Sobald ich irgendwo unterschreibe und angekommen bin, identifiziere ich mich voll und ganz mit der Situation. Es ist dann wie ein neue Familie. Diese Menschen sehe ich jeden Tag, vielleicht sogar häufiger als meine Frau und meinen Sohn. Mitspieler, Trainer, das Team drumherum – du isst, spielst, duschst und schläfst mit diesen Leuten. Das sind in der Regel alles gute Menschen, deshalb ist es für mich mehr als nur ein normaler Job. Natürlich wird es intensiver, je länger ich in einer Stadt, bei einem Klub bin. Manchmal wird es sogar echte Liebe.

Echte Liebe kann es nicht werden, wenn du wie in Italien nur einen Zweimonatsvertrag unterschreiben kannst, oder?

Das war besonders und aufregend. Ich wurde als Ersatz für einen verletzten Spieler geholt – für einen Monat. Allerdings kam er schon nach zwei Wochen wieder zurück zur Mannschaft. Der Trainer und das Team waren aber so zufrieden mit mir, dass sie mit mir noch einen Monat verlängert haben. Sie wollten mich sogar als sechsten Ausländer verpflichten – was in Italien extra kostet. Sie sagten mir, wenn ich einen neuen Klub finde, kann ich sofort gehen. Aber es war ein cooler Verein und eine spannende Zeit, auch wenn ich nur Champions League spielen durfte und nicht in der italienischen Liga.

Im Vergleich zu Deutschland war es in Italien ...

… megageil! Ausländische Spieler genießen ein hohes Ansehen, müssen aber auch produzieren. Und das Wetter: ganz im Süden, direkt am Strand, das ganze Jahr durch tolles Wetter. Ein Traum. Es ist ein ganz anderes Leben. Morgens mit Meer, Strand und Sonne aufzuwachen, statt mit Regen und grauen Wolken wie in Berlin oder Hamburg.

 Boggy guckt raus aus dem Fenster auf den Gänsemarkt. Der Himmel ist bedeckt. Er grinst. 

Die Zeit in Italien war einfach gut – auch wenn sie kurz war. Die Menschen sind sehr nett, alle sind verrückt nach Basketball, weil Brindisi die einzige Mannschaft im Süden ist. Alles dreht sich nur um Happy Casa – das macht das Leben als Profisportler natürlich viel leichter. Auch der Basketball ist anders, weniger strukturiert, mehr Eins-gegen-eins, viel physischer.

Eine Spielweise, die dir liegt.

Ja, absolut. Das lag mir sehr. Etwas mehr Physis würde ich mir auch in Deutschland wünschen. Die Referees haben mehr durchgehen lassen, weniger kleine Fouls gepfiffen, auch mal einen Schubser ignoriert.


Seine „katastrophale“ Wohnungssuche in Hamburg, Restaurant-Tipps von Instagram und seine bewegende Kindheit in Serbien – all das lest ihr im vollständigen Interview, das ihr in unserem aktuellen Magazin findet. Erhältlich entweder ab jetzt am Kiosk oder als Download über bit.ly/iKioskBIG



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