09
Sep

BIG-Appetizer: Boris Schmidt

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir das Interview mit Boris Schmidt aus BIG #88 für euch.

„Auf diesem Level wird sanktioniert“

Boris Schmidt, Ex-Schiri-Legende und aktueller Leiter der BBL-Referees, über die unglücklichen Entscheidungen der Kollegen in der Finalserie Bayern gegen ALBA

Boris, wenn ich behaupten würde, die Schiedsrichter hätten im ersten Finale der BBL zwischen Bayern und ALBA das Spiel entschieden – würdest du zustimmen?

Nein. Ich würde aber sagen, sie hatten einen zu großen Einfluss auf das Ergebnis des Spiels.

Die Nominierung der Schiedsrichter soll bei den Verantwortlichen bereits vor der Partie für Irritationen gesorgt haben. Du bist der Mann, der in der BBL die Schiedsrichter ansetzt, deshalb die einfache Frage: Warum war Robert Lottermoser nicht in der Halle?

Eigentlich wissen alle Verantwortlichen, die länger dabei sind, wie Playoff-Schiedsrichter nominiert werden. Wir haben nicht ein Endspiel, sondern mindestens drei und maximal fünf. In den Halbfinal-Spielen kommen in der Regel zwölf von 28 BBL-Schiris zum Einsatz. Abhängig davon, wie die Halbfinals laufen, werden dann drei Schiris gestrichen. Das heißt, es werden maximal neun fürs Finale nominiert.

Und die sollen dann auch zum Einsatz kommen?

Richtig. Im Finale gibt es mindestens drei Spiele, also werden insgesamt neun Schiris gebraucht. Und da ist es nicht zwingend, dass Robert Lottermoser oder Anne Panther als auserkorene Leistungsträger im ersten Spiel dabei sein müssen. Etwas anderes ist es beim Pokal-Endspiel, da gibt es nur eine Partie. Da haben zum Beispiel Lottermoser und Panther gleichzeitig gepfiffen.

Der Basketballfan, der sich mit der Schiedsrichterei nicht ständig beschäftigt, fragt sich natürlich, warum nicht einfach die drei besten Schiedsrichter alle fünf Finalspiele pfeifen.

Das kann man sich fragen. Aber darauf gibt es einfache Antworten. Erstens: Andere machen es auch nicht anders. In der NBA, in Spanien, in anderen europäischen Spitzenligen – überall pfeift eine Auswahl an Schiedsrichtern die wichtigsten Spiele. Wenn ich mir die Spitzenspiele in der Fußball-Bundesliga anschaue, dann pfeift da auch nicht ein und derselbe Schiedsrichter, es ist nicht immer Felix Brych oder früher Markus Merk. Wir tanzen also in keiner Weise aus der Reihe. Zweitens, und das ist noch wichtiger: Weil es für einen Schiedsrichter eine riesige Motivation ist, in den Playoffs das Halbfinale oder sogar das Finale zu leiten. Und wir brauchen viel Motivation, wenn wir viele gute Schiris haben wollen.

Ist es nicht zu riskant, ohne die drei besten Schiedsrichter in solche Alles-oder-nichts-Spiele zu gehen?

Nein, es ist eine Notwendigkeit. Denn es würde ja bedeuten, dass sonst niemand dazu in der Lage wäre, solche Spiele zu leiten. Und das ist aus mehreren Gründen nicht der Fall. Zum einen ist die Leistungsdichte bei den Schiedsrichtern, die für das Finale nominiert sind, sehr hoch. Die können das alle und haben es in der Saison auch nachgewiesen. Zum anderen haben wir eine 18er-Liga mit insgesamt 34 Spieltagen. Wir brauchen also allein 27 Schiedsrichter für einen Spieltag, die auf diesem Niveau pfeifen können. Dabei ist völlig klar, dass das Leistungsniveau bei 30 Schiedsrichtern nicht gleich sein kann, aber sie sollen alle besser werden. Die Motivation, große Spiele zu pfeifen, ist dabei ganz entscheidend.

Du würdest heute wieder so ansetzen?

Sicher. Wir schauen uns nach jedem Spieltag an, wer einen Sprung macht. Wir entwickeln den Kader. Unsere Schiris sind extrem jung, das Durchschnittsalter liegt bei etwa 33 Jahren. Trotzdem haben die meisten schon viele Spiele gepfiffen. Und wenn der Kader im Großen und Ganzen so zusammenbleibt, vielleicht die nächsten zehn Jahre, dann wird mit der wachsenden Erfahrung, die auf jedem Niveau wichtig ist, auch das Leistungsniveau insgesamt steigen. Wenn wir allerdings eine hohe Fluktuation haben, aus unterschiedlichsten Gründen, Familie, Beruf, und viele vor dem 50. Lebensjahr aufhören, dann müssen wir den Kader immer wieder ergänzen. Neue Kollegen kommen hoch motiviert dazu, aber die Erfahrung kann dadurch insgesamt natürlich nicht wachsen. Und Erfahrung kann gerade in kritischen Situationen den Ausschlag hin zum Positiven geben.

War mangelnde Erfahrung im ersten Finalspiel, nach dem es extrem viele Diskussionen gegeben hat, möglicherweise das Problem?

Das glaube ich nicht. Wenn es in der Crunchtime eines engen Spiels zu deutlichen Fehlentscheidungen kommt, gibt es immer Diskussionen. Und dann geht es schnell in die Richtung, dass gefragt wird: Wie kann das passieren? Und: Warum hat dieser und nicht der vermeintlich bessere Schiedsrichter gepfiffen?

Ist da nichts dran?

Was in diesem Spiel passiert ist, hätte auch jedem anderen Schiedsrichter passieren können. Und es ist auch schon passiert. Im einzigen Spiel, das nach Protest wiederholt werden musste (Anm. d. Red.: Ludwigsburg gegen Bayern im Playoff-Viertelfinale 2014), hat Anne Panther einen Fehler gemacht. Anne war danach raus. Und Robert Lottermoser ist in diesem Jahr auch schon gesperrt worden, weil ihm in der Crunchtime eines Hauptrundenspiels ein Fehler unterlaufen ist. Fehler passieren. Niemand kann sich davon frei machen. Diejenigen, die behaupten, es gebe den fehlerlosen Schiedsrichter, denen sage ich: Den gibt’s nicht. Man kann sagen, dem einen passiert es vielleicht nicht so oft wie einem anderen, aber das sind Mutmaßungen. Es ist ärgerlich, vor allem wenn es in einer solchen Phase des Spiels passiert. Aber zu sagen, wenn Anne Panther oder Robert Lottermoser gepfiffen hätte, wäre das nicht passiert, ist Unsinn. Es hätte genauso passieren können. Oder etwas anderes.

Im „Pfiff der Woche“ der BBL-Webredaktion wurden die beiden Situationen aufgeschlüsselt. Es wurde klargestellt, dass beide Foulentscheidungen nicht korrekt waren.

Richtig. So war es ja auch.

Steve Bittner gab Landry Nnoko auch noch ein technisches Foul, als der sich beschwerte. Hätte ein Boris Schmidt das Technische weggelassen?

Es ist schwierig, darüber zu spekulieren. Es hat sicher auch etwas mit der Persönlichkeit zu tun. Ich habe mir die Szene noch mal angesehen. Es ist eine heftige Reaktion von Nnoko gegen Steve Bittner. Und wenn ich in diesem Moment sozusagen im Kopf gehabt hätte: Okay, wir haben Crunchtime und da ist vielleicht was falsch gelaufen. Und wir haben auch das Lamentieren der Münchner Spieler bis zu diesem Zeitpunkt immer zugelassen. Vielleicht hätte ich es dann weggelassen. Aber ich kann nicht sagen, es wäre richtig, das wegzulassen. Das, was Nnoko da gemacht hat, ist eines technischen Fouls würdig. Ärgerlich ist, dass das Lamentieren der Münchner Spieler zuvor bei x Entscheidungen in der ersten Halbzeit nicht unterbunden wurde. Das ist viel ärgerlicher als das technische Foul, dafür gibt es maximal einen Freiwurf und einen Punkt, wenn er ihn trifft.

BIG schrieb nach dem Spiel auf Facebook, für Schiri Steve Bittner sei die Saison beendet. So kam es dann auch. War das eine Sanktion?

Nein.

Aber die gibt es.

Die gibt es, ja. Zum einen ist es eine Art Schutz. Der Schiedsrichter wird aus den kommenden Spielen herausgenommen, um nicht sofort wieder Angriffspotenzial zu bieten, wenn er kurz zuvor einen deutlichen Fehler gemacht hat. Zum anderen ist es ein Signal, durch das die Verantwortung, die diese Aufgabe mit sich bringt, deutlich wird. In bestimmten Situationen wird auf diesem Level sanktioniert, das muss jedem klar sein.

Wie genau läuft das ab?

Entscheidend ist, ob der Schiedsrichter einen Fehler gemacht hat, der nach unserer Einschätzung Auswirkungen auf den Spielausgang hatte. Es gibt Situationen, in denen ein Fehler in den letzten Sekunden ein enges Spiel sogar entscheidet.

Wie bei Bayern gegen ALBA?

Wie gesagt, bei 1:50 Minuten vor Schluss würde ich das nicht sagen, sondern eher, dass er großen Einfluss auf den Ausgang des Spiels hatte. Während der Hauptrunde wird das von einem Führungskreis analysiert, der aus fünf Personen besteht. Meine Aufgabe ist es, das aufzuarbeiten, Stellungnahmen einzuholen und diesem Führungskreis dann einen Vorschlag zu unterbreiten. Diesem wird dann zugestimmt oder eben nicht. Wenn nicht zugestimmt wird, wird weiterdiskutiert: zu hart, zu weich, mehr Spiele Sperre, weniger Spiele oder gar keine Sanktion. Und es kommt vielleicht ein anderes Ergebnis heraus. Als Manager des Schiedsrichterreferats muss ich das Ganze vorbereiten und absegnen lassen.

Und in den Playoffs?

Da wird das Verfahren einfacher. Wenn wir einen Fehler als folgenschwer einstufen, dann ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass dieser Schiedsrichter noch mal zum Einsatz kommt. Aber das ist auch davon abhängig, ob in den anderen Spielen nicht noch viel größere Fehler gemacht wurden. Es gab auch in den Vorjahren immer mal wieder Probleme, besagte Spielwiederholung zum Beispiel, nach der die Playoffs für alle beteiligten Schiedsrichter beendet waren. Dann hatten wir vor zwei Jahren die Situation, dass John Patrick bei Ludwigsburg gegen Ulm mit zwei Technischen spieldisqualifiziert wurde, was in dieser Situation überhaupt nicht angebracht war. Auch das war ein Viertelfinalspiel, auch diese drei Schiedsrichter sind im Anschluss nicht mehr zum Einsatz gekommen. Wir sehen uns das sehr genau an und entscheiden dann, ob es angebracht ist, diesen Schiedsrichter in dieser Situation noch mal zu bringen. Eines ist aber sehr wichtig.

Nämlich?

Das Herausnehmen muss überhaupt nicht bedeuten, dass es sich um einen schlechten Schiedsrichter handelt. Auch gute Schiedsrichter machen Fehler. Völlig normal! Hast du das Endspiel um den spanischen Pokal gesehen?

Ja, das war krass. Es gab mehrere und zum Teil haarsträubende Fehlentscheidungen.

Ich stelle mir vor, wie über unsere Schiedsrichter diskutiert worden wäre, wenn das bei uns passiert wäre. Und das waren nicht irgendwelche Schiedsrichter. Ich kenne alle drei, weil ich mit allen schon gepfiffen habe. Die haben alle einen internationalen Ruf, pfeifen teilweise EuroLeague, haben schon Top-Spiele gepfiffen. Gestandene Leute. Und trotzdem ist das passiert, und zwar allen dreien.

Das Foul an Singleton war wirklich unglaublich, ein absichtliches Foul vor dem Dunk. Kein Pfiff.

Und in der Finalserie zwischen Real Madrid und Barcelona, im vierten Spiel, ganz zum Schluss, beim letzten Freiwurf, läuft ein Spieler aus dem Dreipunktebereich rein, der die Linie beim Rebound eigentlich erst dann überschreiten darf, wenn der Ball den Ring berührt hat. Nicht wenn der Ball die Hand verlassen hat, wie bei Spielern, die in der Zone stehen. Der Spieler sprintet viel zu früh rein, holt sich den Rebound, macht ihn rein und sein Team gewinnt das Spiel. Eine klare Regelübertretung, die nicht gepfiffen wurde. Eigentlich ganz einfach, aber keiner hatte seine Aufmerksamkeit darauf gerichtet. Da kann man zum Beispiel deutlich sagen, dass dadurch das Spiel mit entschieden wurde. Hätte der Schiedsrichter gepfiffen, hätten sie das Spiel nicht gewonnen. Das waren Spitzenschiedsrichter in einer Finalserie in Spanien!

Was die Fehler im ersten BBL-Finalspiel nicht besser macht.

Nein, aber darum geht es auch nicht. Sondern zu sagen: Das passiert nur uns, nur den Deutschen, und die anderen Schiedsrichter-Nationen sind weiter. Da sage ich: Weiß Gott nicht. Die Deutschen sind zurzeit in einer exzellenten Situation. Ich werde international gefragt: Wie macht ihr das in Deutschland eigentlich, dass ihr so gute Schiedsrichter ranbekommt? Lottermoser, Panther, Fritz und Reiter pfeifen auch in der EuroLeague und im EuroCup. Steve Bittner und Carsten Straube sind beide in der BCL (Basketball Champions League, d. Red.) im Einsatz. Straube war im Februar beim Intercontinental Cup in Rio de Janeiro, als einziger europäischer Schiedsrichter, und ist für die WM in China nominiert. Alles junge Schiedsrichter, die nachkommen, keine, die 40, 50 sind und zum Ende ihrer Karriere die Erfahrung haben. Straube ist Jahrgang 1984, also Mitte 30. Bittner ist sogar noch unter 30, Jahrgang 1991, extrem jung, und macht sich gut. Er hat jetzt einen Fehler gemacht, das passiert. Es ist aber auch anderen in ihrer Laufbahn passiert, vor allem als sie noch jünger waren. Außerdem war es hier ja auch kein Einzelner. Martin Matip, der auch zuständig war, hat ebenfalls nicht gepfiffen. Man kann jetzt nicht alles auf Bittner abwälzen.

Gerade solche Drucksituationen sind eine besondere Herausforderung. Was müssen Leute mitbringen, um in diesen Situationen locker zu bleiben?

Das kann nicht jeder. Da braucht man die richtigen Eigenschaften. Und Erfahrung. Wenn du viele Spiele auf diesem Niveau pfeifst und oft in solchen Situationen bist, wird die Herausforderung kleiner. Nicht dass man sich weniger konzentrieren müsste. Aber du kennst solche Situationen, und dann ist es, glaube ich, einfacher, damit einen Tick souveräner und lockerer umzugehen. Du brauchst oft diese Situationen, und vielleicht brauchst du auch diese Situationen, in denen du Fehler machst. Denn aus Fehlern lernst du am meisten. Ärgerlich ist es immer dann, wenn der Fehler, der dir unterläuft, Auswirkungen hat. Wie im ersten Spiel im Finale. Die gleiche Situation im ersten Viertel, und kein Hahn hätte danach gekräht. Manchmal sitzt du als Schiedsrichter in der Kabine und denkst: Mein verfluchter Fehler, aber Gott sei Dank hat er keine Auswirkungen gehabt! Weil das Team, das dabei vielleicht benachteiligt wurde, das Spiel gewonnen hat. Diese Situationen gibt es im Übrigen oft.

Zum Beispiel?

Im zweiten Finale in Berlin haben Panther, Fritz und Madinger gepfiffen. München war weggezogen, ALBA kam durch zwei Dreier von Giffey und Wagner wieder heran. Beide Dreier wurden aus Schrittfehler-Situationen heraus geschossen, die hätten gar nicht zählen dürfen. Hätte München das Spiel verloren, sage ich dir, hätte München sich gemeldet und gesagt: Was ist hier los? Bevor Giffey den Dreier schießt, bekommt er den Assist von Hermannsson. Der springt eigentlich hoch, will schießen und landet wieder, und man fragt sich: Ist er mit dem Fuß abgehoben oder nicht? Ja, ist er, es war ein Schrittfehler, wurde aber nicht gepfiffen. München flippt auch völlig aus, versteht nicht, warum das nicht gepfiffen wird. Und Giffey kriegt den Ball, schießt den Dreier und trifft. Der hätte nicht zählen dürfen, wenn vorher der Schrittfehler gepfiffen worden wäre. Und Wagner steht vor der Münchner Bank, kriegt den Ball aus einer sehr schwierigen Situation, geht ein Stück zurück, und dieses Zurückgehen ist ein klarer Schrittfehler. Er schießt und trifft. Darüber hat kein Mensch diskutiert. Verständlich. Aber die Diskussion wäre eine andere gewesen, hätte München das Spiel verloren.

Hattest du den Eindruck, dass Bittner den Fehler hinterher eingesehen hat?

Ja, natürlich.

Er hat also direkt im Anschluss schon gesagt: So ein Mist.

Nein, nicht direkt im Anschluss, weil seine Wahrnehmung im Spiel anders war. Das ist ein Punkt. Das ist eine Erklärung dafür, warum er Nnoko das Technische gegeben hat. Wenn die Wahrnehmung so ist, dass man weiß, scheiße, jetzt ist mir hier was passiert, was nicht hätte passieren dürfen, dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man für so eine Reaktion das Technische pfeift. Seine Wahrnehmung im Spiel war aber, dass er das Foul an Nnoko in der Luft nicht so gesehen hat. Ein leichter Kontakt, ja, aber er hat das nicht zwingend als Foul gesehen. Als er das dann aber im Video gesehen hat, hat er natürlich auch gleich gesagt: Ja, keine Frage, Mist. Und darüber ist ein Schiedsrichter überhaupt nicht glücklich. Weder Bittner noch irgendein anderer, dem das passiert.

Sind die BBL-Schiris selbstkritisch genug?

Ja, sind sie. Manche sind vielleicht sogar zu selbstkritisch, haben einen zu hohen Anspruch an sich. Im Basketball, wo das Spiel so schnell ist, gibt es für einen Schiedsrichter kein fehlerloses Spiel. Du findest in jedem Spiel eine Szene, in der der Schiedsrichter nach den Regeln etwas falsch gemacht hat. Ich habe kein Spiel erlebt, in dem ich fehlerfrei war, und ich glaube, auch kein anderer. Das Entscheidende ist, welche Fehler passieren, wann diese Fehler passieren und welche Auswirkungen sie haben. Deshalb ist es wichtig, dass solche Fehler in einer Crunchtime nicht passieren und dass man sich damit auseinandersetzt. Dass man guckt, welche Spieler sind die Key-Player, warum kommen welche Spieler rein. Die ganze Spielanalyse ist für einen Schiedsrichter oder ein Schiedsrichterteam natürlich extrem wichtig, damit möglichst alle drei auf einem Level sind.

Hast du den Eindruck, dass die Vereine undankbar sind, wenn es darum geht, den Stand der Schiedsrichterei zu beurteilen?

Ich denke, der Blickwinkel ist einfach ein anderer, und ich glaube auch, dass viele Personen im Management oder im Trainerstab wissen, wie intensiv die Schiedsrichter sich auf solche Spiele vorbereiten und sie auch nachbereiten. Und es gibt welche, die das nicht tun. Manchmal ist es schwer, das transparent zu machen. Wir tun das; es gibt jedes Jahr einen Headcoach-Sportworkshop, bei dem die 18 Headcoaches zusammenkommen und wo wir über bestimmte Sachen diskutieren, wo wir deutlich machen und rüberzubringen versuchen, wie die Ansetzungspolitik ist, warum die Kaderzusammensetzung so aussieht, wie bestimmte Sachen gepfiffen werden und wie wir die Spiele vor- und nachbereiten. Aber überall dort, wo es um Geld geht, in den Profiligen, Wirtschaftsligen mit Wirtschaftsunternehmen, ob im Basketball oder im Fußball, ist der Druck enorm. Die Schiedsrichter können noch so gut sein, es wird immer Diskussionen geben. Es ist aber natürlich hilfreich, wenn sich die andere Seite, also Trainer, Vereine, auch mal in die andere Situation hineinversetzt oder damit beschäftigt oder auch mal nachfragt. Das tun viele, deshalb gibt es hinter den Kulissen auch keinen großen Disput. Aber das hängt von den Personen ab. Es gibt auch Funktionsträger in Vereinen, Coaches, Manager, bei denen es, sage ich, wenig Einsicht gibt. Die sich zu diesem Thema und zu Schiedsrichtern grundsätzlich negativ äußern. Das ist nicht hilfreich, aber nicht zu ändern. Und wenn Schiedsrichter professionell damit umgehen, dann stört das auch nicht weiter. Die Motivation eines Schiedsrichters ist nicht, es jedem in der Liga, allen Coaches und allen Managern recht zu machen, ganz und gar nicht. Die Motivation eines Schiedsrichters besteht darin, Spiele möglichst fehlerfrei zu leiten und Spiele auf gar keinen Fall zu entscheiden. Ob dann jemand motzt oder nicht, war für mich zumindest immer unwichtig. Meine Motivation war immer, so wenige Fehler wie möglich und vor allem in entscheidenden Phasen keine Fehler zu machen.

Brauchen wir eine bessere Bezahlung für die Schiedsrichter?

Große Diskussion. Da kann man immer fragen: Ist sie schlecht, ist sie gut, mit wem vergleicht man sich? Ich bin davon überzeugt, dass Schiedsrichter, wenn so ein Fehler wie im ersten Finale, also in entscheidenden Phasen, nicht passieren soll, möglichst viele Spiele auf so einem Niveau pfeifen müssen. Also in der Bundesliga und international, vielleicht auch mal in der ProA. Und wenn ein Schiedsrichter zwei bis drei Spiele auf diesem Niveau pro Woche pfeift, das weiß ich aus eigener Erfahrung, dann ist er in einem Rhythmus, in dem solche Fehler, glaube ich, weniger passieren und die Qualität der Entscheidungen auch insgesamt besser wird. Wenn man sich Anne Panther oder Robert Lottermoser anschaut, dann sind das eigentlich die Einzigen, die so viele Spiele pfeifen. Warum? Weil Robert Lottermoser Vollprofi ist. Und weil Anne Panther entschieden hat, Teilzeit zu arbeiten. Wenn es darum geht, dass du vom Einkommen her auf das Gleiche kommen willst, aber in Teilzeit gehst, dann brauchst du eine bessere Bezahlung. Ich glaube, wenn es eine bessere Bezahlung geben würde, würden weitere Schiedsrichter sehr genau darüber nachdenken, ob sie nicht Profi werden. Vor- und Nachbereitung, Videostudium, das können viele mit ihrem Job und der Familie nicht zusammenbringen. Ein Rodriguez, ein Barth, ein Kovacevic, ein Krause, das sind alles Schiedsrichter, die international gepfiffen haben und es nicht mehr tun, weil die Spiele in der Woche sind und sie das mit ihrem Job nicht vereinbaren können.

Nur das Geld an sich macht die Schiedsrichter nicht besser.

Nein, überhaupt nicht. Aber mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung, bessere Rahmenbedingungen führen dazu, dass Schiedsrichter besser werden. Trotzdem haben viele ein Limit. Nicht jeder Schiedsrichter wird zum Führungsschiedsrichter, das liegt nicht jedem. Nicht jeder Schiedsrichter ist in der Lage, jedes Wortgefecht mit einem Trainer oder Spieler souverän zu handeln. Auch in anderen Berufen gibt es Leute in Führungspositionen, bei denen man sich fragt: Wie geht denn der mit Menschen um? Der hat ja überhaupt keine Führungsqualitäten und müsste mal ein Coaching machen. Und dann wird’s auch nicht besser. Das gibt es überall. Deswegen besteht die Kunst darin, die zu finden, die diesem Anforderungsprofil gerecht werden.

Du machst die Ansetzungen in der BBL. Wie läuft das ab?

Die Ansetzungen mache ich allein, in der regulären Saison monatlich. Bevor ich sie den Schiedsrichtern zusende, stimme ich sie ab. Ich gebe meinen Plan der Ansetzungen an Winnie Gintschel, den zweiten Mann im Schiedsrichterreferat der BBL, den Instructor, der guckt noch mal drüber und gibt Hinweise bei vermeintlich unglücklichen Ansetzungen. Manchmal ändere ich dann etwas, oder ich habe Argumente dafür, alles so zu lassen.

Gibt es für bestimmte Spiele bestimmte Schiedsrichter, bei denen du sagst, dass du ihre Kompetenzen in diesen Spielen ganz besonders gebrauchen kannst?

Natürlich. Wenn ich die Ansetzungen mache, gucke ich mir die Spielpaarungen an. Es ist ein Unterschied, ob es um die Hauptrunde oder um die Playoffs geht. Wichtig ist auch, ob es Probleme gibt oder gab, wenn bestimmte Teams, bestimmte Spieler- oder Trainerpersönlichkeiten aufeinandertreffen. Wenn es im Hinspiel Probleme gab, weiß man beim Rückspiel, dass es eine sensible Partie ist, und setzt vielleicht einen leistungsstärkeren Schiedsrichter ein, von dem man glaubt, der handelt das gut. Es gibt viele Rückmeldungen von den Klubs. Es ergibt etwa keinen Sinn, einen Schiedsrichter anzusetzen, der für mich zwar zu den Leistungsstärkeren gehört, es mit einem Verein aber ein kommunikatives Problem gab. Im Übrigen passiert so was viel mehr mit den leistungsstärkeren Schiedsrichtern als mit denen, die nicht so leistungsstark sind. Die treten dominanter auf, die lassen sich das nicht so gefallen und reagieren anders. Da gibt’s dann eher einen Konflikt zwischen Trainer und Schiedsrichter, und dann macht es Sinn, den Schiedsrichter vielleicht nicht sofort wieder dorthin zu schicken oder zu schauen, wie kommen die noch mal ins Gespräch, um da was auszuräumen, wenn es überhaupt was auszuräumen gibt. Es spielen also viele Aspekte rein.

Die Maxime ist, dass das Spiel so reibungslos wie möglich laufen soll?

Ja, natürlich. Wenn du neun Spiele an einem Tag hast, also 27 Schiedsrichter benötigst, dann kommt hinzu, dass nicht alle Schiedsrichter der Liga für den Job des Crew-Chiefs infrage kommen. Das ist festgesetzt. Die Schiedsrichter wissen ganz genau, welche Schiedsrichter als 1. Schiedsrichter agieren. Das sind 15 von 28, die in dieser Saison fest im Kader waren. 15 agieren also als Crew-Chiefs, etwas mehr als die Hälfte, die anderen nur als zweiter, dritter Schiedsrichter. Die Crew-Chiefs können als zweiter oder dritter Schiri agieren, das hängt davon ab, mit wem sie zusammen pfeifen. In neun Spielen musst du also neun Crew-Chiefs ansetzen, und den Rest dann auffüllen. Dann guckst du dir den Tabellenstand an, wo könnten Spitzenspiele herauskommen? Dieses Jahr war es ja unglaublich lange offen, bis zum letzten Spieltag war offen, wer das achte Playoff-Team ist und wer absteigt. Es gab also eigentlich keine unwichtigen Spiele.

Kann es auch sein, dass du kurzfristig umwirfst, wenn du feststellst, du hast dich vertan?

Ja, das ist auch unproblematisch machbar, weil es kein großes Aufsehen erregt. Weil es außer den Schiris selbst keiner weiß. Das ist ein Riesenvorteil.

Bis wie lange vorher kannst du das machen?

Da gibt es keinen Zeitpunkt, das kann ich auch am Tag davor noch machen. Es muss nur logistisch funktionieren.

Und die Schiedsrichter schlucken das dann, und fertig?

Ja, das müssen sie. Ich mache das ja auch nicht willkürlich. Es gibt dafür immer sehr gute Gründe. Und auch in dieser Saison ist das an den letzten beiden Spieltagen der Hauptrunde passiert. Weil es eben noch so knapp war und sich mit jedem Spieltag die Konstellationen geändert haben. Deshalb brauchte ich Crews in bestimmten Spielen, wo ich der Meinung war: Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, muss gering gehalten werden.

Die Altersgrenze für Schiedsrichter wurde abgeschafft. Da läge es doch nahe, mehr Erfahrung einzubauen.

Bei der FIBA gibt es nach wie vor eine Grenze bei 50 Jahren. In der EuroLeague gibt es sie nicht mehr, und wir in Deutschland haben sie seit etwa zehn Jahren nicht mehr. Ich habe auch mit 52, 53 noch gepfiffen. International habe ich 2013 aufgehört, national 2015. Zurzeit gibt es im Kader keine Schiedsrichter, die über 50 sind. Enrico Streit, Julian Groll, Oliver Krause und Robert Lottermoser sind mit jeweils 43 Jahren die Ältesten. Ab 50 gucken wir trotzdem, ob Schiedsrichter von der Leistung und vom Mehrwert für die Liga her eben mehr bringen, als wenn wir einem jungen, neuen Schiedsrichter eine Chance geben. Aber in den nächsten sechs Jahren kommt keiner an die Altersgrenze heran.

Kribbelt es dich hin und wieder, noch mal selbst zu pfeifen?

Na klar. Ich habe 30 Jahre in der Bundesliga gepfiffen, 23 international. Und wenn man dann draußen sitzt und die Spiele sieht, sieht alles so einfach aus, weil man entspannt ist. Und dann fragst du dich: Was war das denn jetzt? Und ich habe das Gefühl, dass das ganze Coaching und die andere Perspektive dazu führen, dass man das eine oder andere einen Tick anders, vielleicht sogar besser machen würde.

Boris Schmidt – das Comeback?

Das glaube ich eher nicht. Aber wenn man sich die Schiedsrichter in der NBA anschaut, dann ist da kaum einer unter 50, der ein Endspiel pfeift. Das geht wieder in Richtung Erfahrung.

Bei den NBA-Schiedsrichtern hat man, bis auf ein paar Ausnahmen, den Eindruck, als wären das alles sehr gute Athleten. Spielt Athletik eine Rolle?

Athletik ist nicht unwichtig, das sind ja Vollprofis. Und ich glaube, dass körperliche Fitness unglaublich zu einer geistigen Fitness beiträgt. Reaktionsvermögen, Denken, kognitive Prozesse schnell verarbeiten. Es ist enorm wichtig, dass Schiedsrichter körperlich fit sind, vor allem am Ende eines Spiels, in der Crunchtime, und der Puls nicht bei 180 ist und sie ermüden, auch mental.

Ist das bei uns noch zu wenig verankert?

Nein, finde ich nicht. Dem einen Schiedsrichter liegt das mehr, dem anderen weniger. In diesem Bereich hat sich in den vergangenen Dekaden sehr viel getan, da liegen Welten dazwischen. Wenn ich mir als Jugendlicher Bundesligaspiele angesehen habe, liefen da noch Schiedsrichter mit Wampe herum.

Hast du generell den Eindruck, dass der Nachwuchs bei den Schiedsrichtern insgesamt, also auch im unteren Bereich, vorhanden ist?

In Bezug auf die Perspektive BBL sage ich, der Nachwuchs ist da. Aber insgesamt, über alle Ebenen betrachtet, ist das ein Problem. In den Landesverbänden ist es ein großes Problem, genug Schiedsrichter zu finden, und auch in den Vereinen, die ja eine Schiedsrichter-Gestellungspflicht haben. Da muss immer was getan werden, und es ist nicht einfach, auch Jugendliche dazu zu motivieren, einen Schiedsrichter-Lehrgang zu machen. Und gerade am Anfang hat das ja auch nicht viel mit Spaß zu tun, du wirst ja nur kritisiert. Das liegt auch nicht jedem Menschen. Leute, die extrem harmoniebedürftig sind, haben daran wenig Spaß.

Muss ein Nachwuchs-Schiri akzeptieren, dass er in dieser Situation ist?

Ja und nein. Man muss akzeptieren, dass das zum System dazugehört und dass man auch kritisiert wird. Aber was man nicht akzeptieren muss – und ich finde, das nimmt zu – ist die Art und Weise, wie Schiedsrichter gerade auch in den unteren Ligen kritisiert werden. In Jugendspielen von Eltern, die die Schiedsrichter bepöbeln. Das muss niemand akzeptieren, und da sind auch die Landesverbände gefordert, dem einen Riegel vorzuschieben, die Schiedsrichter stärker zu schützen. Es gibt auch verschiedene Konzepte, um sie zu schützen, damit sie ihren Job überhaupt machen können. Und ihre Lizenz nicht nach der ersten Saison gleich wieder wegschmeißen, weil sie sich das nicht länger antun wollen. Und von dieser Art Abbrecher gibt es sehr viele, die Quote ist relativ hoch.

Was kann getan werden, um die Akzeptanz der Schiedsrichter insgesamt zu vergrößern?

Ich glaube, es wäre extrem wichtig, das Thema Schiedsrichter auch in der Trainerausbildung noch stärker zu platzieren. Also nicht nur ein paar Regeln zu erklären, sondern auch darüber zu diskutieren, wie dieses Dreiecksverhältnis Schiedsrichter, Trainer, Spieler am besten funktioniert. Und Trainer dafür zu sensibilisieren, wie sie mit Schiedsrichtern umgehen, wie man sie einbindet. Weil es zur Sportart dazugehört und weil wir sie brauchen. Wenn die Trainer ihre Teams richtig auf die Schiedsrichter einstellen, dann glaube ich, dass das auch funktioniert. Ich bin ja in dieser klassischen Funktion gewesen, in der Bundesliga gepfiffen und noch eine leistungsstarke Jugendmannschaft trainiert. Damals in der A-Jugend bis zur deutschen Meisterschaft. Das war der Jahrgang mit Jan Jagla und Steffen Hamann. Wir sind damals Dritter geworden. Und meine Spieler hatten kein gestörtes Verhältnis zu Schiedsrichtern. Ich habe ihnen aber auch untersagt, sich mit Schiedsrichtern auseinanderzusetzen. Sie hatten natürlich auch ein etwas anderes Bild, weil sie mich in der Bundesliga haben pfeifen sehen und das auch akzeptiert hatten. Für mich war das aber ein Tabu, weil ich es als leistungsmindernd angesehen habe, wenn die Konzentration draufging.

Aber das würde doch heißen, dass du forderst, dass Bundesliga-Schiedsrichter eben auch in ihren Vereinen aktiv sind, um dort als Leuchttürme zu wirken.

Ja, auf jeden Fall. Das ist hilfreich, und es wird zu wenig getan. Aber das ist natürlich auch eine Zeitfrage. Auf der einen Seite fordern wir, sie sollen viel für Spiele zur Verfügung stehen und immer vor- und nachbereiten. Und dann sollen sie das auch noch tun? Und dann haben sie auch noch einen Job, eine Familie. Es ist schwer, das alles unter einen Hut zu bekommen.


Interview: Kai Zimmermann


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