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Jun

BIG-Appetizer: Franz Wagner

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir die Story über Franz Wagner aus BIG #86 für Euch.

Alle Trümpfe in der Hand

Franz Wagner gehört zu den größten Talenten seines Jahrgangs. Jetzt muss sich der 17-Jährige entscheiden: Profivertrag bei seinem Heimatklub ALBA BERLIN oder Wechsel ans College wie sein Bruder Moritz?


Franz Wagner bestellt eine Apfelschorle. Wir sitzen im VIP-Raum der Mercedes-Benz Arena. ALBA BERLIN hat gerade RASTA Vechta deutlich geschlagen, nur drei Tage nach der Niederlage im EuroCup-Finale gegen Valencia. Durch den tiefen Run auf internationaler Bühne mussten die Berliner einige Spiele in der BBL nachholen. Die Partien kamen Schlag auf Schlag. Ablenkung ist da eigentlich nicht angesagt.

Doch für den 17-jährigen Wagner, der Anfang Mai von der BBL zum „Besten deutschen Nachwuchsspieler U22“ ausgezeichnet wurde, ist es derzeit nicht einfach, im Hier und Jetzt zu leben. Von „Spiel zu Spiel zu denken“, wie die berühmte Floskel sagt. Denn das Berliner Talent nähert sich einem Scheideweg seiner jungen Karriere: College oder Profivertrag bei seinem Heimatklub?

Mit jedem Spiel, mit jedem Distanzwurf, den er versenkt, wird die Frage dringender gestellt. Die Fans, die lokalen Medien in Berlin wollen wissen, wie es mit ihm weitergeht. „Natürlich sind meine Gedanken immer mal wieder bei meiner Zukunft“, gesteht Wagner. „Doch gerade jetzt, im Saisonendspurt mit vielen Spielen und den anstehenden Playoffs, versuche ich, nicht zu viel daran zu denken. Ich werde die Entscheidung im Sommer treffen.“

Die Verlockung College

Im Hintergrund amüsiert sich Bruder Moritz mit den vielen Freunden und Bekannten, die er in Berlin noch hat: ALBA-Forward Tim Schneider oder Guard Derrick Walton jr., mit dem er in Michigan für die Wolverines spielte. Moritz Wagner ging den Weg ans College, spielt seit vergangenem Sommer für die Los Angeles Lakers. LeBron James ist sein Mannschaftskollege.

Näher kann Franz Wagner nicht erleben, was möglich ist: College – March Madness inklusive Final Four – 1. Draft-Runde – garantierter Vertrag in der NBA. Seinen Bruder, den er 2018 als jüngsten ALBA-Spieler ablöste, bezeichnet er als Vorbild. Was wäre da logischer, als auch diesen Weg zu gehen? Zumal er von drei Colleges mehr oder weniger feste Zusagen hat: natürlich von Michigan, außerdem von Stanford und Butler, wie Wagner bestätigt. Vertreter der Elite-Uni Stanford waren sogar schon in Berlin. Michigan kennt er von Besuchen bei seinem Bruder. LaVall Jordan, der Coach der Butler Bulldogs aus Indianapolis, war zuvor Assistent bei John Beilein in Michigan.

Das sorgt für viel Ablenkung: Denn regelmäßig wird vonseiten der Colleges der Kontakt gesucht, nach Spielen Feedback gegeben. „Das Recruiting am College ist schon speziell“, sagt Franz. „Damit muss man umgehen lernen. Doch ich denke, ich bin nicht der einzige junge Spieler, den das betrifft.“

Bisher steckt Wagner den Rummel erstaunlich gut weg, spielt selbstbewusst, nutzt seinen guten Distanzwurf. Unter Coach Aito hat er seinen festen Platz in der Rotation, meist noch vor Kenneth Ogbe, der im Sommer zu ALBA kam – vom College. Zwei Tage nach dem Gespräch legt Wagner beim Sieg gegen den MBC mit 16 Punkten einen neuen Karrierebestwert auf. Hinzu kamen zwei Assists und drei Steals. Der Spanier lässt ihn meist auf der Zwei spielen – trotz seiner Größe. Gelistet ist Wagner zwar noch mit 2,01 Metern, doch er selbst schätzt sich inzwischen auf 2,03 oder 2,04 Meter. Bei einer Vermessung wurde seine endgültige Körpergröße auf 2,06 Meter prognostiziert. Es könnte also noch der eine oder andere Zentimeter hinzukommen.

Der Spieler Franz Wagner

Im Trainerstab von ALBA sehen sie Wagner als „kreativen Spieler“. Die Zukunft für ihn sieht Coach Aito aber eher auf der Drei. „Er spielt viel auf der Zwei, da wir dort Verletzungsprobleme hatten. Seine Position im Moment ist eigentlich die Drei“, sagt der Spanier. Er sieht sogar noch eine Option für ihn – die Vier, wie Bruder Moritz. Der ist mit 2,11 Metern allerdings ein Stück größer. „Das hängt davon ab, wie sich Franz physisch entwickelt“, erklärt Aito. „Pau Gasol und Kristaps Porzingis haben bei mir zum Beispiel zunächst auf der Drei gespielt, da sie körperlich noch nicht so weit waren, um Inside zu spielen. Für einen guten Spieler ist es nicht schwer, sich auf eine andere Position einzustellen. Er ist clever genug, dass dies auch ihm gelingen kann.“

Franz selbst sagt, er wolle auf jeden Fall außen spielen. „Ich denke, heute ist zwischen der Zwei und der Drei nicht mehr so ein großer Unterschied. Mit meiner Größe und den Skills, die ich bis jetzt erworben habe, passe ich in den modernen Basketball: Ich kann werfen, dribbeln und Entscheidungen treffen.“

Sein Entscheidungsverhalten hat er schon früh trainiert. Während der U14 bei ALBA fiel er fast ein Jahr mit einer Knieverletzung aus. Trotzdem erschien er bei jedem Training. Um ihn zu beschäftigen, machten die Coaches mit ihm visuell-kognitive Koordinationsübungen – Situationen erkennen, entsprechend reagieren. Er lernte so schnell, „dass wir uns immer wieder etwas Neues einfallen lassen mussten“, erinnert sich ALBA-Jugendcoach Marius Huth. Noch heute trainiert Wagner das Entscheidungsverhalten mit Individualcoach Carlos Frade. Auch Aitos Assistenztrainer Thomas Päch kennt Franz und Moritz Wagner schon lange. Er lobt: „Sie sind in der Lage, Dinge zu verstehen und umzusetzen. Das ist ihre Stärke.“

Das zeigt sich auch auf dem Parkett. Niemand erwartet von Franz in jedem Spiel 16 Punkte. Er soll Entlastung bringen, sich entwickeln dürfen. Er profitiert davon, dass er bereits im vergangenen Jahr – mit 16! – das Abitur gemacht hat und deshalb jetzt bei jedem Training der Profis dabei sein kann. Und so fügt sich der 17-Jährige fast nahtlos in die Rotation ein. Es gibt keinen Bruch, wenn er kommt. Er versteht das System von Aito, das auf dem Lesen des Spiels beruht. Auch wenn er oft von der Dreierlinie scort, sieht er immer wieder die Lücken in der Verteidigung, macht die richtigen Cuts zum Korb. Vielleicht könnte er noch öfter den Drive suchen.

„Ich bin sehr zufrieden mit ihm“, sagt Coach Aito. „Er lernt und spielt sehr clever. Er setzt die Dinge gut um, und er wird physisch stärker. Das ist sehr wichtig.“ Sein kluges Entscheidungsverhalten zeigt sich auch in seinen Turnovern – die es selten gibt. Zum Beispiel in der EuroCup-Finalserie gegen die abgezockten Profis von Valencia: Immerhin elf Minuten spielte Wagner in den drei Spielen im Schnitt und verlor nicht einen Ball. In 22 internationalen Spielen waren es diese Saison insgesamt nur fünf Ballverluste. Auch in der BBL sind es lediglich 0,4 im Schnitt.

Zweifel weckt bei einigen Beobachtern seine Defensive, besonders auf der Guard-Position. Hier ist er aufgrund seiner Größe derzeit naturgemäß etwas langsamer. Doch auch hier macht er seine Sache ordentlich. Er will verteidigen, hat den Ehrgeiz, seinen Gegner zu stoppen, und nutzt dafür auch seine langen Arme. „An meiner Defensive und an meinem Körper muss ich arbeiten“, gesteht Franz. „Die Beine müssen stärker werden, und der Rumpf. Dann werde ich auch in der Verteidigung schneller. Die Instinkte sind schon da. Offensiv arbeite ich am Ballhandling und dem Passen.“

Der 17-Jährige könnte auch in der kommenden Saison noch NBBL spielen. Bei seinen neun Einsätzen für Kooperationspartner Lok Bernau in der ProB kam er im Schnitt auf 16,3 Punkte, versenkte 38,8 Prozent seiner Dreier. Im Spiel gegen die OrangeAcademy erzielte er 37 Punkte.

Die Aussichten

Draftexpress lobte bereits vor zwei Jahren seinen geschmeidigen Wurf, sein flüssiges Spiel, sein Spielverständnis und den Willen zu verteidigen. Dort wird er heute als potenzieller Erstrunden-Pick für 2020 gesehen. Doch das dürfte nicht das Ziel von Franz Wagner sein – auch wenn er davon träumt, eines Tages seinem Bruder in die NBA zu folgen. Er will und muss sich noch weiterentwickeln. Bei 247Sports.com ist Franz unter den Prospects bisher nicht gelistet, da er sich noch nicht zum College bekannt hat. Hier wird er jedoch als „Four Star Prospect“ eingeschätzt: ein Spieler, der großen Einfluss auf sein Collegeteam haben kann und dem eine Profikarriere vorausgesagt wird.

Wagners Entscheidung steht nun bevor. Was ist das Beste für seine Entwicklung? Was ist der erfolgversprechendste Weg in die NBA? Hier scheiden sich die Geister. Klar ist, ALBA will ihn halten – natürlich. Und der Klub hat gute Argumente. Sportdirektor Himar Ojeda, der seinen Vertrag bis 2023 verlängerte, sieht das Thema College durchaus differenziert. Er gehört nicht zu denen, die diesen Weg komplett ablehnen. Er sagt trotzdem: „Ich denke, die Situation bei uns ist das Beste für ihn. Wenn man sein Level sieht, unser Level und den Status, den er bereits im Team hat.“ Auch Trainer Aito ist überzeugt: „Die Möglichkeiten, die er hier hat, sind viel besser als am College.“

Für Ojeda ist der Weg über das College mit vielen Unsicherheiten verbunden. Die Programme unterscheiden sich sehr. Jedes Jahr werden neue Spieler rekrutiert, die Saison ist kurz und die Trainingsmöglichkeiten seien eingeschränkt – während er in Berlin zu jeder Zeit auch individuell arbeiten könne. Zudem steht Franz bei ALBA im Wettbewerb mit und gegen ausgebuffte Profis, wie im EuroCup-Finale gegen Valencia. Oder als er im Spiel gegen Bayern München nacheinander gegen Petteri Koponen, Nihad Djedovic und am Ende auf der Drei gegen Vladimir Lucic spielte. Nächste Saison könnte es dann sogar in der EuroLeague gegen Europas Top-Stars gehen. „Das kann ihm das College nicht bieten“, sagt Ojeda. Dort geht es gegen mehr oder weniger gleichaltrige Spieler. Über diesen Punkt ist er schon fast hinaus. Franz Wagner sieht das auch, sagt aber: „Am College ist es athletischer und es gibt viele Einzelkönner. Es wird viel Eins gegen Eins gespielt. Darauf müsste man sich einstellen.“

Ojeda verweist auch auf die Möglichkeit, bei ALBA zu spielen und nebenbei zu studieren. Der Klub hat eine Kooperation mit der University of Applied Sciences Europe in Berlin-Mitte. Doch akademisch können natürlich nur wenige Unis mit Stanford mithalten. Dort kostet allein die Gebühr für den Unterricht pro Jahr rund 53.000 Dollar.

Die Rolle von Coach Aito

Das größte Argument der Berliner aber trägt den Namen Aito. Franz Wagner weiß, wie gut die Situation für ihn in dieser Saison bei ALBA ist, lobt sie immer wieder. Er selbst hat nicht damit gerechnet, in dieser Saison so viel Spielzeit zu sehen. „Es läuft gut für mich in diesem Jahr“, sagt er. „Daran hat Aito einen großen Anteil. So reingeworfen zu werden und viel Spielzeit zu bekommen, ist schon außergewöhnlich. Spielzeit ist das Wichtigste, um besser zu werden. Das ist auf jeden Fall ein Punkt, auf den ich schaue.“ Seine Entscheidung wird also auch davon abhängen, wie Coach Aito sich im Sommer entscheidet.

Der Spanier hat einige Spieler in die NBA gebracht: Ricky Rubio, Pau Gasol, Kristaps Porzingis. Sie wagten relativ früh den Sprung in die stärkste Liga der Welt. Für Aito sollte das die Ausnahme sein. „Viele Spieler gehen zu früh in die NBA“, sagt der 72-Jährige. „Es geht ja nicht nur darum, in der NBA einen Vertrag zu unterschreiben. Die Spieler sollen dort ja auch Erfolg haben.“ Sein Lieblingsbeispiel ist Manu Ginobili. „Er spielte in Argentinien, dann wurde er Meister und EuroLeague-Champion mit Bologna, feierte Erfolge mit der Nationalmannschaft“, erklärt Aito. „Mit Mitte 20 ging er in die NBA. Er war zunächst der sechste Mann, wurde Champion. Danach war er Starter. Das ist wichtiger, als einfach dort hinzugehen und nur mal zu schauen, was möglich ist.“

Ojeda hat analysiert, welchen Weg die europäischen NBA-Profis in die Liga nahmen. Er hat die Tabelle auf seinem Handy. Von 266 Spielern aus Europa kamen 211 direkt – also ohne zuvor am College gewesen zu sein – in die NBA. Das sind 82 Prozent.

„Für mich ist es ein Zeichen“, sagt Ojeda. „Ich denke, die NBA-Klubs holen heute europäische Spieler, weil sie einen anderen Aspekt ins Spiel bringen. Wenn ein Spieler die gleichen Fähigkeiten wie ein US-Talent hat, werden sie den Amerikaner nehmen, der schneller und athletischer ist.“

Die Talente in Europa sind mittlerweile jedoch viel mehr ins Blickfeld der NBA gerückt, als es noch vor einigen Jahren der Fall war. Da bleibt nichts verborgen. Der Traum von der NBA scheint am College auf den ersten Blick dennoch viel realistischer – quasi nur einen Dreier entfernt. Man ist schließlich schon in den USA, spielt vor Tausenden fanatischen Fans in großen Arenen – zumindest wenn man in den entsprechenden Programmen spielt. Denn viele der College-Athleten landen am Ende in Europa oder Asien, meist sogar in den kleinen Ligen.

Das sind eine Menge Argumente, die Franz Wagner, der Ende August 18 wird, in seine Entscheidung einbeziehen kann. Sein Bruder Moritz hat bereits gesagt, er könne ihm keinen Rat geben: Jede Situation sei anders, jeder müsse die Entscheidung selbst treffen (siehe Interview). Denn so ähnlich sich die Brüder in vielen Dingen sind, eins unterscheidet sie doch: „Mein Bruder ist auf jeden Fall extrovertierter“, erklärt Franz. „Ich bin zunächst etwas zurückhaltend, bis ich die Leute besser kenne.“ Trotzdem sagt er: „Die Entscheidung für das College könnte auch wegen der Erfahrung, etwas anderes zu erleben und erwachsen zu werden, fallen.“ Das klingt schon ein wenig nach dem Weg über den großen Teich, nach College-Campus-Feeling mit Studentenwohnheim und Marching Band. Irgendwie jedoch bleibt der Eindruck, dass er eigentlich keine falsche Entscheidung treffen kann. Weil er so oder so seinen Weg gehen wird. Franz: „Ich bin in einer privilegierten Situation, kann mir aussuchen, was ich mache.“

Bis dahin macht er einfach weiter, agiert mit großer Selbstverständlichkeit. „Ich trainiere sehr hart. Wenn ich auf das Spielfeld komme, habe ich die Dinge schon einige Male gemacht“, erklärt Wagner. „Inzwischen bin ich nicht mehr aufgeregt, wenn ich eingesetzt werde. Am Ende ist es auch nur Basketball.“

Als er im Rückspiel gegen den MBC am Ostermontag einen Steal mit einem krachenden Dunk veredelt und sich dabei an den Ring hängt, lächelt ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi auf seinem Platz hinter dem Korb. Der Junge aus Prenzlauer Berg bereitet den Berlinern viel Freude. Die offene Frage bleibt: Auch in Zukunft?


Text: Frank Weiss 


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