30
Apr

BIG-Appetizer: Interview mit Svetislav Pesic

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir Euch das Interview mit Svetislav Pesic aus BIG #73


„Jeden Morgen bin ich froh ...“  

Svetislav Pesic über sein schwieriges Verhältnis zur BBL, seine Rettungsmission in Barcelona und den Ärger über seinen Enkel, der lieber NBA-Spiele sieht
Interview: Kai Zimmermann.


Unseren ersten Termin in München hatte der FC Barcelona torpediert. Der Flug zum Treffpunkt in der Bayern-Metropole war gebucht, doch noch bevor der BIG-Autor in die Maschine steigen konnte, war Svetislav Pesic (68) schon nach Katalonien abgehoben. Und trotzdem: Die Trainer-Legende hielt Wort. „Komm doch einfach nach Barcelona“, hatte er am Telefon gesagt. Wenig später die Landung in Barcelona, beim frischgebackenen Sieger der Copa del Rey. Pesic nahm den BIG-Besuch am Flughafen in Empfang. Bei Schinken-Baguette entwickelte sich im Café der Flughalle ein intensives Gespräch von über zwei Stunden. Das erste ausführliche Interview seit seinem Ende als Bayern-Trainer im Sommer 2016.

Svetislav Pesic, Sie sind plötzlich zurück im Geschäft, nach eineinhalb Jahren Pause. Wie überraschend kam das Angebot aus Barcelona?

Um ehrlich zu sein: Mein Plan war, erst kommende Saison anzugreifen. Ich hatte in dieser Saison einige Angebote und Anfragen. Ich war körperlich auch wieder in Ordnung. Aber mental war ich nicht bereit. Weil ich nicht wusste, was ich will. Wie soll meine Zukunft aussehen? Will ich weiter Trainer sein? Will ich im Basketball anders helfen? Wenn ich ehrlich bin, weiß ich das auch jetzt noch nicht. Ich habe für die FIBA gearbeitet, bin durch die Welt gereist, das machte mir Spaß. Aber es kam anders.

Wie lief der Deal mit Barca ab?

Ich war im Skiurlaub in Österreich. Da bekam ich einen Anruf. Barcelona hatte viele Spiele verloren. Präsident Josep Bertomeu ist seit 20 Jahren ein Freund. Er war Chef bei den Basketballern, als ich mit Barca 2003 das Triple gewinnen konnte. Nun ist er Präsident des Gesamtvereins. Er mischt sich in den einzelnen Sektionen eigentlich nicht ein, also auch nicht in den Basketball. Aber es war das zweite Jahr mit Problemen in Folge. Immerhin investiert der Klub 30 Millionen in den Basketball. General Manager Nacho Rodriguez, ein ehemaliger Spieler von mir, sagte: „Wir haben die Entscheidung getroffen. Coach Sito Alonso geht. Wir haben keine Alternative. Wir wollen erst mal mit dir sprechen.“ Ich habe geantwortet: „Ich bin in Österreich.“ Er sagte: „Ich kann zu dir kommen, aber besser wäre es, wenn du kommst. Dann ist die Chance höher, dass du auch bleibst.“ Ich bin geflogen und wir haben zwei Tage diskutiert. Dann haben wir die Entscheidung getroffen. Es ging ziemlich schnell. 

Wie waren die ersten Tage?

Anstrengend. Ich bin zweimal hin- und hergeflogen. Die Verhandlungen gingen recht schnell, es ging mir vor allem darum, meinen Trainer mitzubringen, Ricard Casas. Er ist Katalane. Er war nicht sofort zu erreichen, ich musste ihn erst mal finden. Dann habe ich den Vertrag unterschrieben und bin so schnell wie möglich geflogen. Ich habe immer gesagt: Ein Trainer weiß, wann er anfängt. Aber er weiß nie, wann er fertig ist. Heutzutage weißt du auch nicht mehr, wann du anfängst.

Den ersten Sieg gab es gegen Bilbao. Und dann folgte gleich der Triumph in der Copa del Rey, im Finale 92:90 gegen Real Madrid. Sie haben Barcelona innerhalb einer Woche aus der Krise zum ersten Titel gebracht. Wie ist so was zu erklären?

Du bist als Trainer so gut wie deine Spieler sind. Die Spieler sind immer das Wichtigste, um erfolgreich zu sein. Diese Barcelona-Mannschaft ist sehr erfahren. Es sind viele Spieler dabei, die Ahnung von Basketball haben,viel Potenzial.

Aber wie haben Sie es auf den Court gebracht?

Ich habe in die Augen der Spieler geschaut. Die Kommunikation war sofort sehr gut. Man begegnet mir in Spanien mit viel Respekt. Die Spieler brauchten Sicherheit, einen Vater, der sagt, was gemacht werden muss. Wir haben sehr schnell einen Plan entwickelt, die Spieler folgten den Anweisungen. Wie gesagt, das funktioniert nur, weil die Qualität in der Mannschaft so hoch ist. Wir haben so in einer Woche die drei besten Mannschaften in Spanien geschlagen. Es hätten nur noch die Golden State Warriors gefehlt. (lacht) Baskonia, das Team, das in den vergangenen Wochen den besten Basketball gespielt hat. Gran Canaria vor eigenem Publikum. Und Real Madrid. Meine Spieler haben sich diesen Titel hart verdient.

Wie machen Sie nun weiter?

Wir arbeiten. Grundsätzlich geht es darum, das Potenzial der Mannschaft regelmäßig auf den Platz zu bringen. Mit der Zeit wird das Spiel ein wenig mehr meiner Philosophie entsprechen. Ein Problem ist, dass das Team mehr Talent in der Offense hat. Da kannst du einige Spiele gewinnen, aber Meister werden ohne Defense – das ist schwer. Die Spieler wissen das selbst. Sie sind erfahren genug, um zu wissen, dass es ohne Verteidigung nicht geht. Ich bin da, um in der Defense ein Konzept zu geben, das funktioniert. Ohne geht es auf diesem Level nicht. Denn du bist unter Druck, Ergebnisse zu liefern. Das funktioniert nicht allein mit der Einstellung. Sicher, Einstellung ist wichtig. Aber sie bringt auch nichts, wenn es kein Konzept gibt, das die Einstellung auch in defensiven Erfolg umsetzt. Ich wurde gefragt, wie ich dem Team neues Selbstvertrauen gebe. Ich habe geantwortet: Mit Selbstvertrauen wurde niemand geboren. Aber man kann es trainieren, jeden Tag. Ich habe gesagt: Wir werden jetzt nicht zweimal trainieren, sondern weiter einmal – aber den ganzen Tag. Da haben alle gelacht.

Sie trainieren seit 35 Jahren Teams. Sind Sie streng?

Was denken Sie?

Dieser Ruf eilt Ihnen voraus. Ich habe ja noch nicht unter Ihnen trainiert ...

Von außen sieht das vielleicht so aus. Aber sehen Sie, ich habe meinen Sohn trainiert, jetzt trainiere ich meinen Enkel. Der Kern meiner Philosophie ist, dass die Spieler die wichtigsten Personen sind. Sie stehen auf dem gleichen Level wie der Trainer. Sie müssen aber verstehen, dass der Trainer der Einzige ist, der ihnen helfen kann, sich zu verbessern.

Und das verstehen Ihre Profis?

Ich will ehrlich zu den Spielern sein. Das tut ab und zu weh. Einige Spieler verstehen das relativ schnell. Andere brauchen länger. Grundsätzlich habe ich dieselbe Identität wie vor 35 Jahren. Aber meine Erfahrung ist größer. Es kann also sein, dass mich die Jahre auch gelassener gemacht haben. Meine Qualität ist, dass ich mich an unterschiedliche Kulturen und Sprachen anpassen kann. Mir macht das großen Spaß. 

Was ist das nächste Ziel mit Barcelona?

Die Meisterschaft. Es ist wie eine neue Saison. Wir haben knapp 20 Spiele in der ACB, plus Playoffs, plus siebenmal EuroLeague, in der wir aber weit abgeschlagen sind. Wir sind Dritter, haben aber kaum Vorsprung vor dem Mittelfeld. Ich habe den Spielern gesagt, sie sollen dem lieben Gott dankbar sein, dass noch Zeit ist. Wir haben viele Möglichkeiten, aus dieser Saison noch eine Menge zu machen. Gut zu spielen, zu gewinnen und dann eventuell auch noch die Meisterschaft zu holen. Alles ist möglich, das hat auch der Pokal gezeigt. Wenn ich das nicht glauben würde, wäre ich hier der Falsche.

Das klingt, als hätten Sie wieder richtig Lust, Coach zu sein. Waren eineinhalb Jahre Pause genug, werden Sie überhaupt je aufhören?

Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Ich habe ja den Test gemacht: Wie lebe ich ohne Basketball?

Und, wie fiel der aus?

Es ging schon. Ich hatte immer zwei Programmpunkte: Jeden Tag Training plus Behandlung, dazu bin ich viel gereist. Kreuz und quer durch die Welt. Ich habe Coach-Kliniken gemacht. Ich hatte schon Beschäftigung. Ich habe außerdem Luka trainiert, Markos Sohn, meinen Enkel. Er ist talentiert, Point Guard.

Das scheint aber nicht gereicht zu haben.

Das Fazit ist jedenfalls nicht, dass ich Basketball nicht brauche. Ich bin noch Trainer, ich brauche diese tägliche Bewegung immer noch.

Als Sie bei Bayern aufhörten, hieß es, das habe gesundheitliche Gründe. Stimmt das?

Ja, es ging einfach nicht mehr. Die Schmerzen waren unerträglich, ich konnte nicht schlafen. Ich bin im Juni 2016 operiert worden. Im linken Knie. Im Juli dann im rechten. Im Dezember kam die neue Hüfte.

Wie lange hatten Sie schon Beschwerden?

Ich war Spieler. Aber der Körper, den ich heute habe, hat mit dem von damals nicht mehr viel zu tun. Richtig los ging es 2014. Wir sind mit Bayern Meister geworden. Ich hatte mit meinem rechten Knie Probleme – Arthrose. Ich habe während der Saison mit Professor Pletz, der mich später operiert hat, gesprochen. Er sagte: „Am Saisonende musst du dich operieren lassen.“ Ich dachte: Okay. Wir sind also Meister geworden. Aber dann hat uns Uli Hoeneß verlassen, er musste ins Gefängnis. Ich wusste: Wenn ich mich operieren lasse, wird es dauern. Keiner weiß, wie lange.

Sie haben die OP verschoben, weil Hoeneß ins Gefängnis ging?

Sie müssen die Vorgeschichte kennen, dann verstehen Sie es. Zuerst einmal ist Bayern München ein Fußballverein. Als Hoeneß die Entscheidung traf, noch einen zweiten Profiklub zu gründen, waren nicht alle Fußballer damit glücklich. Immerhin haben 75 bis 80 Prozent der Mitglieder ihre Zustimmung für den Basketball gegeben. Das war für Hoeneß das Signal: Super, wir gehen in den Basketball. Wenn Hoeneß damals nicht gewesen wäre, wäre ich auch nicht zu Bayern München gegangen. Ich habe mich verantwortlich gefühlt. Sehen Sie, als ich noch Bundestrainer war, habe ich mehrmals versucht, die Leute in München zu überzeugen, dass die Stadt nicht Regional- oder Zweite Liga braucht, sondern Erste Liga: Tut euch zusammen, gründet einen Verein. Das wäre gut für den Basketball in Deutschland. Wir haben das schon 1993 versucht, als wir dort Europameister wurden. Es war klar, dass es mehr Standorte mit dieser Kraft geben muss. Es gab aber drei Vereine und drei Konzepte. Hoeneß hat es dann einfach gemacht. Als er mich dann gefragt hat, ob ich helfen kann, habe ich gesagt: Wie soll ich jetzt, nachdem ich jahrelang erzählt habe, was ihr tun müsst, Nein sagen? Großartiges Konzept, ich will gern bis Saisonende helfen. Dann kam er ins Gefängnis. Ich dachte: Wenn ich mich jetzt operieren lasse, dann gefährde ich diese Saison.

Also haben Sie die OP verschoben.

Ja. Ich habe gesagt: Ich bleibe, dann lasse ich mich halt nächstes Jahr operieren. Und danach, 2015: Ich bleibe, bis Hoeneß zurückkommt. Ich dachte, ich sei unersetzlich. Das war natürlich Quatsch. Das ist niemand. Aber so war die Situation.

Und dann?

2016 war es vorbei. Ich weiß es noch, als wäre es eben erst passiert. Wir spielten in Ludwigsburg. Nachmittags vor dem Spiel hatte ich Leistenprobleme. Das tat weh, aber es war nicht weiter schlimm. Nach dem Essen wollte ich mich etwas hinlegen. Plötzlich bekam ich im linken Knie, das eigentlich gesund war, unglaubliche Schmerzen. Ohne Ende. Solche Schmerzen hatte ich noch nie. Ich habe sofort den Doktor angerufen. Er hat mir Medikamente gegeben, ich habe zwei Pillen geschluckt. Ich habe mich hingelegt und geschlafen. Dann war es erst mal gut. Ich konnte das Spiel coachen. Am nächsten Tag bin ich sofort zur Untersuchung. Die Schmerzen kamen vom Meniskus, er war auf beiden Seiten kaputt. Ich konnte das Bein kaum noch beugen. Der Doktor hat gesagt: „Es ist deine Entscheidung, was du tust.“ Nach dem letzten Spiel bin ich sofort zur Operation gegangen. Es war im Knie etwas weniger schlimm als befürchtet, es war der Außenmeniskus. Dann habe ich einen Termin im Juni bekommen. Hoeneß kam aus dem Gefängnis. Marko und ich sind hingefahren. Ich habe ihm gesagt, wie meine Situation ist.

Was hat er gesagt?

Sie kennen Hoeneß. Er sagte: „Ja, ja, Muki kann die Vorbereitung machen, dann steigst du wieder ein. Du musst weitermachen. Nur ein Jahr, du hast noch ein Jahr Vertrag.“ Ich habe gesagt: Ich habe noch Vertrag, aber Herr Hoeneß, ich habe kein gutes Gefühl. Er sagte: „Nein, du schaffst das.“ Ich sagte: Herr Hoeneß, wir sind gekommen, um über einen neuen Trainer zu sprechen. Da hat er verstanden. Und ich war sehr erleichtert.

Haben Sie Ihren Nachfolger, Sasa Djordjevic, selbst vorgeschlagen?

Hoeneß fragte sofort: „Wer ist frei? Wer kann das Konzept weiterführen?“ Wir haben ihm erklärt, dass wir Sasa verpflichten würden. Dann bin ich nach Belgrad geflogen. Marko hat mich geschickt, um mit ihm zu sprechen. Sasa musste ein Gefühl dafür bekommen, was hier passiert. Und dafür, dass er nicht nur für ein Jahr kommt, bis ich wieder gesund bin. Das war im Juli.

Es gab schon vorher Gerüchte, dass Sie aufhören.

Das lag am Spiel gegen Frankfurt. Da habe ich gesagt: Ich will keinem schaden, vor allem nicht dem Verein. Nach der Saison höre ich auf. Frank Buschmann hat das sofort verbreitet.

Warum haben Sie das nach dem Frankfurt-Spiel gesagt?

Es kam eine Menge zusammen. Es war nicht nur dieses eine Spiel, in dem ich disqualifiziert wurde. Es sind viele Dinge vorgefallen.
Ich denke, ich muss etwas Grundsätzliches dazu sagen. Ich kenne in der BBL sehr viele Leute und alle Vereine. Selbstverständlich mag ich nicht jeden. Und andersrum mag mich nicht jeder. Das ist okay. Basketball ist wie die Gesellschaft: Es gibt Enttäuschungen, aber auch Freunde und Freude.
Für die Organisation BBL ist aber entscheidend, dass sie vorankommt. Sich entwickelt. Besser und erfolgreicher wird. Aus meiner Sicht brauchen wir für die Entwicklung der BBL allerdings zwei Dinge: Zum einen brauchen wir Fachkräfte, die ihr Geschäft verstehen. Experten für Marketing, Ticketing, Kommunikation, Sponsoring, Kooperationen. Die haben wir.
Mir fehlt aber der zweite Pfeiler: Die Organisation BBL braucht Personen, die Basketball lieben, leben und verstehen. Die der BBL damit ihre eigentliche Identität geben: Basketball. Das Ziel dieser Leute muss Basketball sein, nicht, Geld zu verdienen oder Politik zu betreiben. Basketball darf nicht Mittel zum Zweck sein. Denn meine eigene Erfahrung sagt mir: Nur wenn du etwas mit Passion machst, wirst du erfolgreich sein.

Das verstehen wir. Was hat das mit Ihrem Auftritt und Ihrem Ausscheiden aus der BBL zu tun?

In meiner Zeit als Trainer bei Bayern haben sich mehrere Dinge ereignet, die mir zeigen, dass die BBL als Organisation Basketball nicht denkt und fühlt. In Teilen hat mich das getroffen, weil mein Leben zu einem Großteil aus Basketball besteht, ich mich immer als Botschafter des deutschen Basketballs gesehen habe.
Wissen Sie, als ich zur ersten Pressekonferenz als Bayern-Trainer gekommen bin, hatte ich keine Erlaubnis, keine Lizenz sozusagen – obwohl ich vorher sechs Jahre Bundestrainer war. Das ist doch verrückt, oder? Und der Grund war, dass ich kurz vor der Übernahme des Jobs bei Bayern noch als Bundestrainer ausgeholfen hatte. Jeder wusste, dass dieser Job ein Gefallen für Ingo Weiss war, der mich gebeten hatte, die Euro-Qualifikation zu schaffen. Dem bin ich selbstverständlich nachgekommen.
Im Anschluss wollte die BBL unbedingt eine Unterschrift von mir haben, dass ich keinen Vertrag mehr besitzen würde. Die Unterschrift des DBB hat ihnen nicht genügt. Ich habe das nicht geglaubt. Ich habe gesagt: Ich bestätige hier gar nichts. Denn das war taktlos. Aber nicht das einzige Beispiel.

Was fällt Ihnen noch ein?

Vieles behalte ich für mich. Aber beim fünften Finalspiel in Bamberg, als ich Bayern-Trainer war, unterstelle ich Absicht. Wir hatten hunderttausend Probleme. Dusko Savanovics Vater war gestorben, Jan Jaglas Vater war gestorben, Nihad Djedovic verletzt. Aber okay, wir waren im fünften Spiel. Es wäre das letzte Spiel von Boris Schmidt gewesen. Er war der erfahrenste Schiri, er hätte dieses Spiel bekommen müssen. Und was passiert? Er bekam es nicht. Können Sie sich das vorstellen? Er hat es nicht gepfiffen. Er wäre nicht nur der richtige Mann gewesen, er hätte es auch verdient gehabt. In der Halbzeit habe ich den BBL-Leuten gesagt: Es ist eine Unverschämtheit, dass ihr Boris nicht pfeifen lasst. Boris sollte hier sein. Wir haben verloren. Nach dem Spiel habe ich gesagt: Nein, die Schiris haben uns nicht kaputt gemacht. Aber Boris Schmidt, der erfahrenste Schiri, hätte heute pfeifen müssen.

Sie sind dafür bestraft worden.

Ja, ich bekam eine Geldstrafe. Das ist gleich die nächste Geschichte. Denn gleichzeitig wurde ich für das erste Spiel in der neuen Saison gesperrt – zu Hause, zur Eröffnung der neuen Saison. Da stimmt doch die Verhältnismäßigkeit nicht. Ein erfahrener Trainer übt ernsthafte Kritik – und wird dann dafür gesperrt.  

Wie ging es weiter?

Ich habe bezahlt. Damit konnte ich umgehen. Ich war eigentlich sicher, die BBL würde ein bisschen nachdenken. Aber nichts da. Die Meisterschaft begann im Audi Dome, und die BBL informierte Volker Stix, dass ich nicht in die Halle darf. Das war so zum Weinen, dass ich lachen musste. Ich bin also allein nach Hause gegangen. Ich habe den BBL-Geschäftsführer angerufen. Ich habe gesagt: Nur damit du es weißt: Ich sitze zu Hause. Ich melde mich, damit du sicher bist, dass ich nicht in der Halle bin. Er fragte: „Svetislav, warum sagst du das?“ Ich habe gesagt: Um dich zu informieren. Du musst dir keine Sorgen machen! Ich habe ihn ein bisschen provoziert. So bin ich eben. Aber sagen Sie ehrlich: Ist das Basketball? Ist das Gefühl? Sie haben sich gefreut, dass sie mich lahmlegen konnten. So habe ich das empfunden. Das alles sind Hinweise für mich, dass die Liga Basketball nicht lebt. Das ist für mich aber das größte Problem, das die BBL lösen muss, wenn sie sich entwickeln will. Weil solche Erscheinungen überall auftreten und zu Leblosigkeit führen. Aber eine Liga muss leben.

Kann es trotzdem sein, dass Sie in die BBL zurückkehren?

Nein. Ich habe damals entschieden: Dass jemand über mich entscheidet, der Basketball nicht lebt, lasse ich nicht zu. Es klingt hart, aber es ist die Wahrheit: Ich stehe jeden Morgen auf und bin glücklich, nicht mehr Trainer in der BBL zu sein. Nicht Trainer von Bayern München, sondern Trainer in der BBL. Ich sage das ohne jede Emotion.

Gilt das für den gesamten deutschen Basketball?

Nein, im Gegenteil. Für die Klubs, die Spieler und die Kollegen werde ich mich immer einsetzen. Ich verstehe mich weiter als Botschafter des deutschen Basketballs. 
Ich habe auch nichts gegen die Schiedsrichter, was mir immer angedichtet wird. Die Schiris haben sich in Deutschland sehr gut entwickelt. Ich kann das beurteilen, sie sind in Deutschland inzwischen besser als in allen anderen Ländern. Ich war ja fast überall. Und wenn mich Ingo Weiss bittet: „Sveti, ich brauche dich. Wir müssen uns qualifizieren.“ Dann sitze ich im ersten Flieger.

Bei Spielern mit eigener Meinung fällt uns Heiko Schaffartzik ein. Den haben Sie zuletzt in München trainiert ... 

Bei Heiko habe ich meinen vielleicht größten Fehler gemacht.

Warum das?

Es war ein Fehler, ihn bei Bayern gehen zu lassen. Es war zu früh. Für beide Seiten.

Was schätzen Sie an ihm?

Heiko ist eine sehr gute Person. Ich hatte oft Streit mit ihm, aber wir haben immer gut zusammengearbeitet und -gelebt. Ich glaube, manche verstehen ihn nicht richtig.

Was meinen Sie genau?

Heiko ist jemand, der seine Meinung sagt. Die Leute suchen immer nach etwas Positivem, er möchte aber auch sagen, wenn ihm etwas nicht passt. Das gefällt einigen nicht. Aber deshalb ist er nicht negativ. Im Gegenteil, er ist ein sehr positiver Mensch. Er ist auch nicht respektlos, im Gegenteil. Ich glaube, Heiko hat zum Beispiel großen Respekt vor Leuten, die Ahnung von Basketball haben. Heiko will leben, er will probieren. Er will probieren, in der Türkei zu spielen, er will in Spanien spielen. Jetzt in Frankreich. Er ist kein Mensch, der sein Leben an einem Platz bestreitet. So ist er eben. Warum auch nicht.

Als Sie mit den Bayern in Berlin gewannen, verneigte sich Schaffartzik vor dem Berliner Publikum. Was dachten Sie da?

Die Vorgeschichte war nicht schön. Sein Trikot hatte an einem Kreuz gehangen. Was war das für eine Geste? Das war schlimm. Es war eines großen Klubs wie ALBA aber auch nicht würdig, das zuzulassen. Ich kannte ALBA so nicht. ALBA ist immerhin einer der am besten organisierten Vereine in Europa. Für Heiko und seine Familie war das eine Beleidigung. Ich hatte große Sorgen um ihn. Aber es ist vorbei.

Wie ist Ihr Verhältnis zu ALBA heute?

Wenn ich mich mit Dieter Hauert, Axel und Eric Schweitzer oder Peter Schließer treffe, freue ich mich. Das Verhältnis ist in Ordnung. Wir sehen uns nicht, weil jeder an anderen Orten ist. Ich hoffe, sie freuen sich auch, wenn sie mich sehen. Das sind die Leute aus meiner Zeit. Die anderen kamen ja erst, als ich ALBA schon verlassen hatte.

Wie ist es mit Marco Baldi?

Wir hatten eine sehr gute Zeit. Wir waren ein Tandem, vielleicht das beste, das es im deutschen Basketball bisher gegeben hat. Ein junger, engagierter Manager, der viele Ziele hatte. Und ein Trainer, der kam, um seine Erfahrung einzusetzen. Das war eine gute Mischung. Nicht nur basketballerisch, auch privat. Das war die beste Zeit in meiner Karriere, das gilt für die ganze Zeit in Berlin. Das darf man nicht vergessen. Sportlich war das ein einmaliges Paket, von der Jugendarbeit bis zur Europaliga. Wir haben Meisterschaften und Pokalsiege errungen, wir sind aus einer ganz kleinen Halle in eine große gezogen. Das war eine Entwicklung, die es in Europa nur ganz selten gegeben hat. Ich blicke sehr positiv auf diese Zeit zurück. Ich habe immer gedacht, ich werde für immer in Berlin bleiben und leben. Es kam anders, aber Berlin ist auch heute noch etwas Einmaliges. Jeder geht heute seinen Weg. Ich habe immer versucht, mich als ALBA-Trainer zu sehen. Ich war immer einer von ALBAs Botschaftern. Egal wo ich war. Dieter Hauert hat sein Leben für ALBA gegeben. Vom ersten Tag an, als ich mit ihm gesprochen habe, war er immer eine Persönlichkeit, die den Leuten Sicherheit gibt. Die bedingungslos dahintersteht.

Sie haben mit Bayern mehrmals gegen ALBA gespielt. Damals hat es oft auch geknallt.

Von meiner Seite gab es da nie etwas. Ich war Trainer von Bayern und spielte nun eben gegen ALBA. Ich war in Barcelona, als wir in der Europaliga gegeneinander gespielt haben. Mein Herz ist immer bei ALBA geblieben. Das hat natürlich ein bisschen abgenommen, weil die Zeit voranschreitet und arbeitet. Die Emotionen sind heute ein bisschen anders. Aber ich vergesse diese Zeit nicht. Mein Sohn Marko hat dort gespielt, meine Familie hat sich in Berlin sehr wohlgefühlt. Ich habe sehr viele Freunde in Berlin. Auch wenn wir jetzt weg sind.

Wie sehen Sie den deutschen Basketball 25 Jahre nach dem EM-Titel?

Ich sehe eine sehr positive Entwicklung. Die Vereine stehen gut da. Ich würde Erste und Zweite Liga auf je 16 Klubs reduzieren, um sie sportlich dichter aneinanderzuziehen. Das würde dem Niveau helfen. Die Nationalmannschaft entwickelt sich super. Die Deutschen haben immerhin fünf NBA-Spieler ...

Gutes Stichwort. Was bedeutet die NBA für Sie?

Nichts. 

Wieso das?

Das ist ein anderer Basketball. Es sieht allerdings so aus, dass sie für alle anderen eine Menge bedeutet. Für die Agenten, für die Spieler. So ist diese Zeit eben. Früher war es das erste Ziel eines jeden Spielers, zu einem Top-Klub nach Europa zu kommen. Heute will jeder in die NBA. Wir sehen allerdings, dass der Basketball in Europa immer dichter an die NBA heranrückt. Letztes Jahr und dieses Jahr hatten wir mehr Draftspieler außerhalb der Staaten als je zuvor. Das ist ein Zeichen, dass sich der Basketball globalisiert hat. Ich will jetzt nicht spinnen, aber diese Entwicklung läuft jeden Tag. Ich sage: Der Fußball wurde in England geboren, aber der beste Fußball wird jetzt nicht in England gespielt. Das kann im Basketball auch passieren, es ist nicht auszuschließen. Schon jetzt gibt es Spiele in der Europaliga oder bei der Europameisterschaft, die von der Qualität her besser sind als manche NBA-Spiele. Was uns fehlt, ist also nicht die sportliche Qualität, die haben wir, sondern die Vermarktung. Wir verkaufen unser Basketballprodukt nach wie vor nicht gut genug. Ich muss auch sagen, dass der Druck der NBA natürlich sehr stark ist.

Druck?

Ja, es gibt eine unglaubliche Beeinflussung durch die NBA. Das hat schon etwas von Propaganda. Du siehst einige Spiele in der NBA, die wirklich kaum anzuschauen sind. Du hast fünf oder sechs Teams, die richtig guten Basketball spielen. Der Rest hätte Probleme in der Europaliga. Diese Teams haben nicht die Qualität, die NBA zu repräsentieren. Das ist meine Meinung. Selbst schuld, Sie haben mich nach der NBA gefragt! 

Trotzdem können Sie nicht abstreiten, dass die besten Spieler der Welt in der NBA spielen.

Das will ich gar nicht. Ich bin kein Fantast. Trotzdem nähert sich das Niveau an. 
Wir hatten noch nie so viele deutsche Spieler in der NBA wie heute. Aber es ist etwas anderes noch wichtiger: Es ist kein einziger Spieler dabei, der NCAA gespielt hat. Die letzten NBA-Spieler, die am College ausgebildet wurden, waren Schrempf, Welp und Blab. Das ist ewig her. Alle anderen Spieler, also Nowitzki, Schröder, Zipser, Kleber und Theis, sind im deutschen Basketball gewachsen. Das ist ein sehr gutes Zeichen.
Aber klar, es ist zu sehen, dass die deutschen Spieler sehr auf die NBA fokussiert sind. Schon die Kinder gucken nur NBA. Es ist verrückt. Das sehe ich bei Luka. Er ist 12 und guckt NBA, irgendwelche unwichtigen Spiele. NBA, und das in meinem Haus! Können Sie sich das vorstellen? Und ich sitze ein Zimmer weiter und schaue mir BBL und Europaliga an. Glauben Sie nicht, dass Luka dazukommt, wenn ich gucke. Daran sieht man, wie stark die NBA beeinflusst.

Das scheint Sie zu ärgern.

Was heißt ärgern? Es ist momentan nicht zu ändern, aber Europa holt auf. In diese Gesellschaft ist auch ein Schröder geboren worden. Schröders Leistung ist ein Produkt des deutschen Basketballs. Er hat in Braunschweig gespielt und trainiert, er hat die Europameisterschaften alle gespielt. Er hat mit dem Basketball in Braunschweig begonnen – also ist er ein deutscher Spieler. Dass er das sofort geschafft hat, liegt an seiner unglaublichen Athletik. Aber auch an seiner Unverschämtheit. Die ist gut. Er macht sich keinen Kopf, er glaubt an sich, bedingungslos. Was wäre Paul Zipser, wenn er diese Schröder-Einstellung hätte!

Sie haben Zipser aus Heidelberg geholt und drei Jahre trainiert. Schafft er den Durchbruch in der NBA noch?

Er hat alle Voraussetzungen. Ich habe mit Toni Kukoc gesprochen. Er ist von Paul begeistert. Aber er sagt: „Paul darf sich nicht anpassen, er muss Entscheidungen treffen. Ich habe ihm gesagt: Du bist viel besser als alle anderen. Aber du musst das auch glauben.“ Das ist es, was Paul fehlt. Schröder ist ganz anders. Er übertreibt ab und zu. Aber er hat keine Zweifel. Das ist gut. Mein Thema ist aber: Diese Spieler sind hier geboren und haben in Deutschland angefangen zu spielen. Das ist auch für die Eltern wichtig: Wer in Deutschland Basketball spielt, kann es nach ganz oben schaffen, auch in die NBA.

In der EuroLeague spielen mit Johannes Voigtmann und Tibor Pleiß allerdings nur zwei deutsche Spieler eine größere Rolle.

Ich denke, viele deutsche BBL-Spieler könnten auch in Spanien eine größere Rolle spielen. Schon jetzt. Ob bei Bayern, Bamberg oder Berlin – die Spieler sind schon da. Sie werden in diese Positionen kommen, früher oder später.

Wie weit liegt die spanische ACB vor der BBL?

Das werde ich jetzt sehen. (lacht) Früher war das eine andere Welt. Aber vor zehn Jahren hat sich mit der Wirtschaftskrise in Spanien viel verändert. Die ACB ist immer noch die beste Liga in Europa. Es ist die Frage, ob das Final Four der EuroLeague wirklich besser organisiert ist als die Copa del Rey. Aber der Unterschied zwischen den ersten fünf, sechs Mannschaften und dem Rest der Liga ist größer geworden. Generell ist Basketball in Spanien die zweite Sportart, das ist ein großer Unterschied. Es ist Tradition. In Serbien und Litauen ist Basketball Nummer eins. Aber in Spanien ist der Unterschied zwischen Fußball und Basketball einfach kleiner als in Deutschland. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber die Deutschen holen auf. Das hat auch mit guten Trainern zu tun. Und wir haben auch einen deutschen Bundestrainer, von dem ich sehr viel halte.

Henrik Rödl?

Richtig. Mir ist wichtig, zu sagen, wie sehr ich diese Entscheidung begrüße. Henrik war die vielleicht wichtigste Person in meiner Karriere. Ich habe so viele Spieler trainiert; Rödl war nicht der beste aller Zeiten, das könnten viele sein, Kukoc, Bodiroga. Aber Henrik Rödl war der wichtigste Spieler für die ALBA-Entwicklung. Er war weniger bescheiden, als manche glauben. Er ist auch komplizierter, als viele denken, eine Persönlichkeit mit vielen Eigenschaften. Er hat seine Sicht der Dinge. Er hatte allerdings eine riesige Qualität: Sein Spiel war darauf ausgerichtet, andere Mitspieler besser als ihn selbst aussehen zu lassen. Ohne dass sie es gemerkt haben. Er hat die ganze Mannschaft auf ein anderes Level gehoben. Das ist eine besondere Fähigkeit. Gott sei Dank hat der DBB den Mut gehabt, diesen ehemaligen Nationalspieler zum Bundestrainer zu machen. Ich freue mich sehr und bin sicher, dass Henrik das schaffen wird. Ob er Welt- oder Europameister wird, weiß man nicht. Aber mit Armin Andres und ihm sind zwei sehr gute Ex-Spieler am Ruder. Das wird dem deutschen Basketball guttun.



BIG Abo

Jeden Monat BIG als erstes lesen, druckfrisch in Deinem Briefkasten für nur 40 Euro!

Jetzt Abo bestellen

BIG Sonderheft 18/19

Sonderheft 2018/19 (BIG #79) einzeln bestellen, ohne Abschluss eines Abos.

Jetzt bestellen

BIG Probeabo

Vier Ausgaben BIG zum Probierpreis von 15 Euro!

Jetzt Abo bestellen

BIG Geschenkabo

Das größte Geschenk: BIG für nur 40 Euro verschenken, keine Kündigung erforderlich!

Jetzt Abo bestellen


BIG als ePaper

BIG auf mobilen Endgeräten für Android und Apple!

Jetzt ePaper bestellen

BIG Newsletter

Alle Basketball-News direkt aufs Handy!

Jetzt Newsletter abonnieren

BIG - Leseproben

 





BIG Facebook Feed

BIG Player


   



BIG Social

BIG auf Facebook

big facebook

BIG auf Twitter

BIG auf Instagram




BIG Kontakt

BIG | Das Magazin
Tieckstrasse 28
10115 Berlin

Fon: 030 / 85 74 85 8 - 50
Fax: 030 / 85 74 85 8 - 58

Öffnungszeiten des Büros:

Montag - Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr

E-Mail senden