13
Mai

BIG-Appetizer: Moritz Wagner

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Moritz Wagner aus BIG #63.

THE WOLVERINE. Moritz Wagner hat in seinem zweiten Jahr in Michigan große Fortschritte gemacht. In BIG redet der Ex-Albatross einen Tag nach seinem Glanzauftritt im NCAA-Turnier gegen Louisville über das March Madness, die Unterschiede zur Nachwuchsarbeit in Deutschland und erklärt, warum er nicht zurückkommen möchte. Interview: Robert Jerzy.  

Moritz Wagner dieser Tage zu erreichen, ist nicht einfach. „Meinen Twitter-Account habe ich auf meinem Telefon gelöscht. Zu viel Ablenkung“, so der 19-Jährige. Der klassische Kontakt per E-Mail funktioniert und begeistert den Berliner dafür, einen Tag nach seinem furiosen Spiel gegen Louisville im March Madness den Hörer in die Hand zu nehmen und seine Eindrücke zu schildern. Wagner gibt sich gewohnt offen und gut gelaunt: „Wir können gern über alles quatschen. Aber ich hoffe, du bist nicht sauer, wenn ich währenddessen zum Pizzaladen laufe und mir etwas zu essen hole.“ Die Realität hat den Forward der Michigan Wolverines noch nicht eingeholt. Oder vielleicht doch, nur schafft es der Held des Tages, alles von sich fernzuhalten. Wie eben seinen Twitter-Account. Natürlich muss das Gespräch mit dem Einzug in die Sweet-16-Runde beginnen.

Moritz, vornweg, wie geht es dir? Was sind deine Eindrücke vom Turnier?

Die ersten Eindrücke durfte ich vergangenes Jahr schon sammeln, auch wenn es nicht so erfolgreich war wie jetzt. March Madness ist etwas ganz Besonderes, was keinem erklärt werden kann, der nicht dabei ist. Es fühlt sich an, als würden wir ums Überleben spielen. Vergangenes Jahr gingen wir enttäuscht und früh nach Hause. Diesmal geht’s weiter und jedes Spiel ist einfach nur krass.

Ihr seid aufgrund einer Serie von fünf Siegen ins Turnier gekommen. Wie hat sich der Weg für euch dahin geebnet?

Wir haben Spaß. Die Arbeit hat sich ausgezahlt und wir haben spät in der Saison unseren Rhythmus gefunden. Das Verrückte ist, wir machen eigentlich nichts anders als sonst. Unser Selbstvertrauen ist nach der Serie aber schon ein anderes und wir kapieren jetzt einfach, woran wir das ganze Jahr gearbeitet haben.

War die Vorbereitung auf das Turnier und die Wochen eine andere?

Anders ja, weil einfacher. Klingt jetzt komisch, aber die Coaches lehnen sich zurück und lassen uns spielen. Unser Erfolg ist ein Produkt der Saison. Derzeit trainieren wir weniger, die Einheiten sind leichter. Vieles findet aus dem Effeff statt.

Die meisten Leute schalten erst zum March Madness ein. Wie essenziell sind die Monate davor aber für euch?

Ich bin froh, dass du das ansprichst. Denn grundsätzlich wird vergessen, welche Arbeit alle Beteiligten über das Jahr hinweg leisten. Nach dem Sieg gegen Louisville kam die Frage auf, was jetzt anders sei. Nichts ist anders als zu der Zeit, in der wir gegen Ohio State verloren haben. Diese Erfahrungen sind das Fundament für die verrückten Wochen, die wir jetzt erleben. Ob nun die Niederlage zu Hause gegen Virginia Tech oder in L.A. gegen UCLA und Lonzo Ball den Hintern vollzukriegen. Das alles sind kleine Bausteine unserer Serie. Und diese Erfahrungen mussten wir machen.

Inwiefern fühlt sich dein zweites Jahr in Michigan anders an?

Die Bühne war vergangenes Jahr schon sehr groß. Ich habe nicht wirklich im Hier rund Jetzt gelebt. Als Freshman galt der Gedanke immer den kommenden Wochen und Monaten. Dieses Jahr hat sich alles entschleunigt. Die Bühne ist kleiner geworden. Ich weiß, was kommt.

Das hängt aber auch mit Training zusammen.

Ja, aber auch das ist klarer geworden für mich. Die große Unbekannte im ersten Jahr war das Fragezeichen hinter meinem eigenen Vermögen und gegen all das Talent zu bestehen. Jetzt weiß ich, dass ich mich stetig verbessern kann, wenn ich die Arbeit reinstecke. Tue ich das, passiert auch etwas Gutes.

Erlaubt der College-Basketball, in einem System wie dem von Coach Beilein, dass du dich individuell verbessern kannst?

Es gibt zwei Ebenen. Zum einen die Dinge, die der Coach von dir sehen will. An denen arbeitet er auch mit dir. Im Vergleich zu Europa oder dem, was ich bei ALBA gewohnt war, ist es aber doch etwas anders. In Berlin stand ich mit unseren Trainern stundenlang in der Halle. Hier muss ich mich selbst drum kümmern. Die Möglichkeiten sind da. Es gibt Leute um das Team herum, die für dich rebounden und die Drills kennen. Aber ich muss selbstständig sein. Ich fand das allerdings toll. In den ersten sechs Monaten habe ich in der Halle gelebt. In der Schützenstraße in Berlin konnte ich das nicht, weil zig Teams die Halle teilen.

Deine Saison hatte etliche Highlights. Wie erklärst du die Explosionen?

Unsere Philosophie ist hier eine andere. Wenn wir uns vor dem Spiel die Schuhe zubinden, weiß keiner von uns, wer an diesem Tag punkten wird und die Mannschaft trägt. Das kann jeder von uns sein, was krass ist. Unser System ist auf Vielseitigkeit ausgelegt. Die Optionen in Coach Beileins Offense verlangen das von uns. Aber ich bin auch 19 Jahre alt und spiele zum ersten Mal auf solch einer Bühne. Ich bin noch inkonstant. Das kommt dazu.

… mittlerweile ist Moritz Wagner bei besagtem Pizzaladen angekommen. Die Belegschaft begrüßt er mit einem lockeren „Hi, what’s up“. Wagner bestellt eine Pizza mit Ananas und Schinken drauf. To-go, bitte. Zwischendurch streut er immer wieder ein „sorry“ in das Telefon ein. Der Deutsche wird erkannt, von einer Stimme freundlich mit „Yo, Mister Wagner“ angesprochen. Ein Handschlag ist zu hören, gefolgt von einem freudigen Austausch. Wagner hat auf seinem Campus Eindruck hinterlassen. Seine 26 Punkte gegen Louisville haben ihn zu einem vorsichtig blinkenden Stern auf dem Radar der NBA-Scouts gemacht. Und die Fans wertschätzen ihn. Viele „How you doin’?“ später kehrt Wagner mit der Pizza unterm Arm zum Gespräch zurück: „So, sorry, kann weitergehen.“

War das Spiel gegen Louisville dann Zufall?

In dem Spiel kam eine Menge zusammen. Gegen Oklahoma State Tage zuvor war ich frustriert und hatte Foulprobleme. Der Coach hatte für mich zu Beginn dann einige Plays skizziert und ich konnte einfache Aktionen reinmachen. Dann kam ein Offensiv-Rebound und Put-Back dazu. Und plötzlich lief’s. Das Gefühl kennt ja jeder. War keine Zauberei, ganz einfache Moves, die ich bei der ALBA-Jugend gelernt habe. (lacht) Es kam halt alles zusammen.

Du warst in dem Spiel auch der emotionale Anführer. Du lässt deine Gefühle oft raus.

Das ist so ein bisschen mein Ding. Hängt aber auch damit zusammen, dass ich mich mit den Wolverines so stark identifiziere. Ich mache es nicht bewusst, es kommt einfach aus mir heraus. Nach dem Spiel sehe ich mich manchmal und stelle fest, ich sehe aus wie mein Vater. Peinlich. Das bin aber einfach ich.

Wie nehmen dich die Gegner in diesem Jahr wahr? Vor allem nach erstklassigen Spielen?

Nach dem Spiel gegen Purdue (Anm. d. Red.: 24 Punkte), wo ich den Dreier ganz gut getroffen habe, fingen die Teams an, Pick’n’Pops gegen mich zu switchen. Damit hatte ich am Anfang Probleme. Zwar hört es sich leicht an, gegen einen Kleineren aufzuposten, ist es aber nicht. Wegen des höheren Körperschwerpunkts. Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt. Gegen Louisville konnte ich die Matchups genau ausloten und fand immer ein Mittel.

Vor deinem ersten Jahr warst du voller Vorfreude, aber auch Ungewissheit ob des neuen Lebens. Freunde finden, soziales Umfeld aufbauen. Wie fällt dein Resümee aus?

Explizit vorgestellt habe ich mir gar nichts. Es war einfach die Ungewissheit, rüberzugehen und nicht zu wissen, was mich erwartet. Aber es läuft super. Sportlich war es holprig, alles drumherum ist schön. Ich fühle mich sehr wohl, habe kaum Sehnsucht oder vermisse Berlin. Die Heimat rennt nicht weg. Auch das Programm ist solide. Der Coach bleibt, die Philosophie ist zementiert. Diese Stabilität ist mir sehr wichtig.

Die Scouts der NBA werden auf dich aufmerksam. Merkst du das?

Ja, so langsam kommt’s näher. Auch mit dem Hype. Du brauchst nur ein gutes Spiel und plötzlich geht’s los und alle drehen durch. Was komisch ist, da ich nichts anders mache, was ich seit 12 Jahren tue. Es ist ein Dilemma. Manchmal ziehe ich mir diese Artikel rein – auch fürs eigene Ego. Meistens will ich aber geerdet bleiben und mich nicht verrückt machen lassen. Was nicht leicht ist, mit 19. Schön ist’s trotzdem.

Was passiert, wenn die NBA anklopft?

Keine Ahnung, ganz ehrlich. Ich weiß es nicht. Ich will mir darüber auch keine Gedanken machen. Lass uns in zweieinhalb Wochen darüber reden.

Du bist der prominenteste Jugendspieler, der aus einem deutschen Programm heraus ans College gegangen ist. Wie schätzt du diesen Schritt ein?

Mir hat er gut getan. Es war die richtige Entscheidung. Für mich.

Also auch eine Blaupause, wie bei normalen Studenten, die ins Ausland gehen, um noch mehr zu erlernen?

Nein, nur aus dem Grund, weil ich nicht glaube, dass es eine Pauschallösung gibt. Das muss jeder individuell für sich herausfinden. Bei mir war es mein Bauchgefühl, so naiv es klingt. Wenn du nicht das Gefühl hast, dass das College der richtige Platz ist, um sich zu verbessern, dann ist es nichts für dich. Hilft nicht, dass dein Homie am College Erfolg gefeiert hat. Das muss aus jedem selbst heraus kommen.

Aber hast du das Gefühl, dass die Voraussetzungen am College besser sind für junge Spieler, sich individuell zu verbessern?

Die Mentalität ist hier auf jeden Fall vorhanden. Niemand schert sich um dein Alter. Du hast Talent, du spielst. In Europa und auch bei ALBA war es teilweise so, dass Spieler aufgrund ihres Alters und mangelnder Erfahrung nicht gespielt haben. So was gibt’s hier nicht. Kannst du spielen, spielst du. Du erhältst deine Chance. Das ist in Deutschland nicht so.

Bei Paul Zipser und der NBA hat’s auch funktioniert.

Das liegt vielleicht auch am Talentlevel. Du kannst Deutschland nicht mit den USA vergleichen. Hier hat Basketball sozial einen ganz anderen Stellenwert. Die Möglichkeiten und Ressourcen sind in den USA andere. Ich habe alles, was ich brauche. Ich werde ermutigt, Vertrauen in mich zu haben, und so ist es bei Paul vielleicht auch.

Findest du die Zeit, dich über ALBA und die BBL zu informieren?

Das verfolge ich. ALBA hat nicht die beste Saison erwischt. Ich bin auch noch in Kontakt mit Trainern und Spielern. Ich bekomme das alles mit. Ist derzeit nicht ganz einfach.

Du hast angesprochen, du hast kein Heimweh. Wie sieht dein Leben abseits des Basketballs aus?

Meine Familie und Freunde vermisse ich schon. Meine Eltern waren zum BIG10-Tournament hier und wir konnten Zeit miteinander verbringen. Meine Mutter will immer planen, planen, planen und Trips genau abstimmen. So viel Freizeit habe ich aber auch nicht.

Wie sehen deine Tage aus?

Früh aufstehen, zur Uni, zum Training, Hausaufgaben machen und dann ist der Tag rum. Ich schulde es mir aber auch, die Chance, die mir gegeben wird, zu nutzen.

Wirst du als Student Athlete anders behandelt?

Nicht hier in Michigan. Keiner gibt mir einfach die Bestnote. Wie alle anderen muss ich fleißig sein.

Welche Schwerpunkte hast du?

Ich studiere Sports Management. Irgendwann werde ich vielleicht der nächste Mithat Demirel. (lacht)

Wie sieht dein Plan fürs nächste Jahr aus?

Zeitpunkt jetzt plane ich nicht, das College zu verlassen, um in Europa Profi zu werden. Das sage ich ganz klar und war auch nie der Plan. Ich fühle mich hier sehr wohl. Das ist mir mehr wert. Für mich ist das Ziel aber auch die NBA. Auch wenn ich als verrückt angesehen werde.

Dann also doch früher weg?

Ich werde im Sommer sehen, was die Optionen sind. Ganz entspannt werd ich mal den Zeh reinhalten. Die neue Regelung erlaubt ja auch, die Gewässer zu testen. Derzeit gehe ich aber davon aus, dass ich nächstes Jahr meine dritte Saison als Wolverine spielen werde. Und wir hoffentlich noch weiter kommen als dieses Jahr. Was komisch klingt, da wir ja noch nicht ausgeschieden sind.

Glaubt das Team nicht an den Turniersieg?

Wir haben sieben Spiele in Serie gewonnen. Darunter einige Kracher, Top-15-Teams. Wir fragen uns jetzt schon, why not us. Und Niels (Giffey) hat’s mit UConn damals vorgemacht. Die Huskies waren auch ein Seven-Seed, wie wir jetzt. Letztendlich haben Seeds nichts zu sagen. Das am meisten überschätzte System im Sport. Wir sind fast alle noch Kinder, die Basketball spielen, inkonstant sind und Fehler machen. Das zu ranken, macht keinen Sinn. Also nur für die Medien. Wir sehen, dass wir eine Chance haben, und so gehen wir es an.

Wie du deine Zukunft …

… ganz genau.



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