09
Jul

BIG-Appetizer: Johannes Voigtmann

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch den Artikel über Johannes Voigtmann aus der BIG #43.

JOHANNES VOIGTMANNS Stern ging in dieser Saison richtig auf. Der Center der Fraport Skyliners ist jedoch kein Mann großer Worte. Dazu passt seine uneigennützige Spielweise – wobei er seine Zurückhaltung auf dem Feld schon ein wenig abgelegt hat

Herr Voigtmann, Anfang April waren Sie mit Ihrem Team für ein kurzes Trainingslager eine Woche auf Mallorca. Dieses diente nach einer kräftezehrenden Saison in Bundesliga und Eurochallenge aber sicher nicht dazu, um Kondition zu bolzen?

Wir haben einmal am Tag intensiv trainiert, dazu kam am Abend noch eine Einheit im Kraftraum. Aber in erster Linie sollte die Woche auf Mallorca dafür da sein, die Köpfe frei zu bekommen und Zeit für ein paar Teambuilding-Maßnahmen zu haben. Wie Sie schon richtig festgestellt haben, waren die Wochen und Monate zuvor für uns sehr kraftraubend. Daher hat es gutgetan, mal aus dem gewohnten Trott herauszukommen und den Fokus auf das letzte Saisondrittel beziehungsweise die Playoffs zu richten.

Sie haben das Teambuilding angesprochen. Ist das im letzten Drittel der Saison noch notwendig? Schließlich spielt die Mannschaft schon seit Monaten zusammen.

Ich denke, dass dieser Vorgang nie abgeschlossen ist. Natürlich sind wir als Team während der Saison oft zusammen, aber in solch einer Woche hat man auch einmal die Gelegenheit, sich intensiver mit Spielern auszutauschen, mit denen man persönlich sonst außerhalb der Kabine und der Halle nicht so viel zu tun hat.

Bedeutet Teambuilding auch Vertrauensbildung? Gab es auf Mallorca entsprechende Übungen?

Ja, beispielsweise haben wir uns gegenseitig am Berg abgeseilt, die Reihenfolge war willkürlich. Auch beim Rafting lernt man zwangsläufig, dem Teamkollegen zu vertrauen. Generell hat solch ein Trainingslager vor der entscheidenden Saisonphase aber immer positive Auswirkungen. Mit Frankfurt haben wir das schon im vergangenen Jahr gemacht, und es hat wirklich dazu beigetragen, dass wir in den letzten Spielen noch einmal unser volles Potenzial abrufen konnten. Damals hat es am Ende nicht für die Playoffs gereicht, in diesem Jahr haben wir unser großes Ziel erreicht und sind unter den besten acht Teams gelandet.

Bevor die Playoffs begannen, stand für die Fraport Skyliners Ende April noch das Final-Four-Turnier in der Eurochallenge auf dem Programm. Inwieweit war die Endrunde ein Thema beim Trainingslager auf Mallorca?

Das Final Four hat gar keine Rolle gespielt. Wir haben nicht einmal in den Teammeetings darüber gesprochen.

Kaum zu glauben, schließlich war schon die Teilnahme an der Endrunde der größte sportliche Erfolg für Frankfurt seit Jahren. Sie wussten doch auch schon, dass es im Halbfinale gegen den französischen Vertreter JSF Nanterre gehen wird. Bereitet man sich da nicht schon auf den Gegner vor?

Damit haben wir wie gewohnt erst drei Tage vor dem Spiel begonnen. Auch wenn es ein wichtiges Turnier war, war es, glaube ich, richtig, dass wir unsere normale Routine nicht verändert haben. Unser einziges Thema im Trainingslager war das Erreichen der Playoffs – das war unser ganz großes Ziel. Klar war es eine tolle Sache für uns, die Endrunde der Eurochallenge zu erreichen, auch wenn wir beim Turnier leider beide Spiele verloren haben. Perspektivisch wichtiger für den Verein sind aber die Playoffs. Frankfurt hatte diese in den vergangenen Jahren stets verpasst, von daher wollten wir in diesem Jahr unbedingt wieder dorthin zurück. Auf Mallorca haben wir darüber gesprochen, was wir tun müssen, um dieses Ziel zu erreichen, haben uns die positiven Momente der bisherigen Saison ins Gedächtnis gerufen, aber auch die negativen, die sehr lehrreich waren.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel unser erstes Spiel in der Eurochallenge in Aalst, wo wir so richtig auf den Sack bekommen haben. Nach einem katastrophalen zweiten Viertel lagen wir zur Pause schon mit 30 Punkten zurück, am Ende hieß es 59:94. Für mich war es das erste Vereinsspiel auf internationaler Ebene, und dann gleich so ein Schock.

Was haben Sie im zweiten Viertel gedacht?

Sind wir wirklich so schlecht? Und: Das kann doch nicht alles von uns gewesen sein! Das waren meine ersten Gedanken. Unser Saisonstart in der Liga war schon alles andere als erfolgreich, und dann bekommen wir solch eine Packung verabreicht. Da habe ich mir schon ernsthafte Sorgen gemacht, ob wir in diesem Jahr überhaupt eine gute Saison spielen können. Diese 40 Minuten in Aalst haben richtig wehgetan und werden mir persönlich noch lange in Erinnerung bleiben. Glücklicherweise haben solche Spiele meist auch ihr Gutes. Wir haben danach verstanden, dass wir etwas ändern müssen. Es ist ja ein Phänomen, dass man nach solchen Partien viel intensiver und konzentrierter trainiert und auch selbst überlegt, was man besser machen muss. Wir haben danach auf jeden Fall die richtige Reaktion gezeigt; das Rückspiel gegen Aalst haben wir zum Beispiel mit 25 Punkten Differenz gewonnen. Das erste Spiel gegen die Belgier war deshalb definitiv ein Schlüsselmoment für den weiteren Verlauf der Saison.

Gab es noch einen weiteren?

Die Verpflichtung von Justin Cobbs war sehr wichtig für uns. Für sein Alter (24 Jahre, Anm. d. Red.) ist er unheimlich abgezockt, was für unser junges Team enorm wertvoll ist. Er strahlt als Point Guard eine große Ruhe aus, die auf uns abfärbt. Justin hat einen tollen Pull-up-Jumper im Repertoire, mit dem er für uns schon wichtige Würfe getroffen hat. Ich persönlich profitiere durch unser Pick’n’Roll sehr von ihm.

Ist diese Ruhe auf der Spielmacher-Position auch der Grund dafür, dass Frankfurt in dieser Spielzeit viele knappe Partien gewinnt?

Das ist sicher ein wichtiger Grund. Vergangene Saison haben wir viele Spiele in den letzten Sekunden verloren, das hat sich praktisch wie ein roter Faden durch die Saison gezogen. Damals haben wir viel Lehrgeld bezahlt, aber diese Erfahrungen kommen uns jetzt zugute, weil wir diese Situationen schon erlebt haben. Einem guten Spieler wie Justin ist es außerdem egal, wie viele Sekunden noch auf der Uhr sind; er hat einfach das Vertrauen, dass sein letzter Wurf drin sein wird.

Und er hat das Auge für den Mitspieler. Seinen Bodenpass verwerteten Sie im entscheidenden Spiel um den Einzug ins Final Four der Eurochallenge gegen Krasnojarsk mit einem Dunking zum 72:71. Knapp vier Minuten vor Schluss ließ diese Aktion das Momentum zugunsten der Skyliners kippen.

Das war nur ein weiterer Beweis für seine Coolness und seine Übersicht auf dem Court. Es macht Spaß, mit ihm zu spielen, weil man weiß, dass der Ball nicht in einem schwarzen Loch verschwindet, wenn man ihm den Ball gibt. Ich persönlich schätze diese teamorientierte Spielweise sehr, weil ich selbst auch so ticke.

Neben dem türkischen Vertreter Trabzon hatte sich auch Frankfurt als Ausrichter für die Endrunde der Eurochallenge beworben. Sind Sie enttäuscht, dass es nicht geklappt hat?

Natürlich, das Turnier auf heimischen Parkett wäre eine große Sache gewesen. Aber wir müssen realistisch sein: Die Summen, die für die Austragung des Final Fours aufgerufen wurden, konnte unser Klub schlichtweg nicht stemmen.

Über welche Summen reden wir denn?

Eine offizielle Aussage unseres Vereins kennen wir Spieler nicht, aber im Internet kursierte der Betrag von rund 150 000 Euro, den Trabzon angeblich auf den Tisch gelegt hat, um das Turnier ausrichten zu dürfen. Generell muss man aber sagen, dass das Erreichen des Final Four für den Verein und für die meisten Spieler wahrscheinlich eine einmalige Sache bleiben wird. Insofern waren wir glücklich, es überhaupt so weit geschafft zu haben.

Sie spielen nicht nur eine hervorragende Saison in der Beko BBL, sondern haben auch in der Eurochallenge respektable Stats aufgelegt. Sie gehörten in 15 relevanten Statistiken zu den Top 20 aller Spieler des Wettbewerbs, darunter Punkteausbeute (15,7; Platz 11), Rebounds (7,1; Platz 8) und Feldwurfquote aus dem Zweipunktebereich (66,9 %; Platz 2). Waren Sie überrascht, dass es bei Ihrem ersten Auftritt auf internationalem Parkett gleich so rundlief?

Überrascht in dem Sinne, dass ich vorher noch nie die Erfahrung machen durfte, auf internationalem Parkett aufzulaufen, zumindest auf Vereinsebene. Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, wie gut die Gegner sind und welche Spielstile uns erwarten. Von daher war es schon eine kleine Überraschung für mich, dass es bei mir so gut lief.

Gibt es aus Ihrer Sicht große Unterschiede zwischen den Spielen im nationalen und denen im internationalen Wettbewerb?

Der Unterschied war in erster Linie, wie gerade schon erwähnt, dass man nicht genau wusste, was einen erwartet. Die Gegner in der nationalen Liga kennt man, ausländische Teams sind erst einmal eine Wundertüte. Aber dank des professionellen Scoutings unseres Klubs ist es dann eigentlich kein großes Problem, sich entsprechend darauf einzustellen. Die größte Umstellung betraf für mich die Schiedsrichter. International wird eine andere Linie gepfiffen, das ist schon gewöhnungsbedürftig.

Die größte Doppelbelastung aller deutschen Mannschaften dürfte ohne Zweifel Alba Berlin gehabt haben, das bis zum letzten Spiel um den Einzug ins Viertelfinale der Euroleague gekämpft hat. Doch auch die Fraport Skyliners waren international lange dabei. Inwieweit ist der Wettkampf auf europäischem Parkett Belastung und Motivation?

Zu Beginn der Saison in der Eurochallenge war es für uns definitiv eine Belastung. Wir hatten mit vielen Verletzungen zu kämpfen, unsere Rotation war entsprechend kurz. Wenn du mittwochs in Schweden mit acht Mann spielst und samstags dann mit sieben gegen Alba Berlin, dann ist das sehr kraftraubend. Auf der anderen Seite hat durch die vielen Spiele jeder genügend Einsatzzeit und die Chance bekommen, Selbstbewusstsein zu tanken. Mit Blick auf die Playoffs haben wir jetzt außerdem schon die Erfahrung, wie es ist, im Drei-Tage-Rhythmus zu spielen. Als es bei uns im ersten Saisondrittel weder in der Meisterschaft noch in der Eurochallenge besonders gut lief, hatten wir immer schnell die Gelegenheit, uns nach schlechten Leistungen zu rehabilitieren. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt und rasch gemerkt, wenn wir die Zügel haben schleifen lassen. Ich glaube, dass wir alles in allem die Fähigkeit entwickelt haben, auch dann Spiele zu gewinnen, wenn wir schlecht spielen. Das hat sich besonders in den vielen knappen Spielen in dieser Saison gezeigt, die wir fast ausnahmslos gewonnen haben.

Ist das auch dem besonderen Charakter des aktuellen Frankfurter Teams geschuldet?

Es ist immer von Vorteil, wenn alle in der Mannschaft gut miteinander klarkommen. Hier haben Coach Gordon Herbert und Manager Gunnar Wöbke im Sommer einen hervorragenden Job gemacht, indem sie nur klasse Jungs ausgesucht haben. Die Stimmung in der Kabine ist immer sehr locker und positiv, gleichzeitig sind wir sehr fokussiert und begeisterungsfähig. Hier spielen vor allem Spieler wie Jacob Burtschi und Quantez Robertson eine wichtige Rolle für uns Youngster: Sie haben die richtige Ansprache, um uns zu erreichen und zu motivieren.

Für Jacob Burtschi ist es nicht das erste Engagement in Frankfurt …

… und man sieht, wie wichtig er für das Team ist. Damit meine ich noch nicht einmal so eine Performance von ihm wie gegen Bremerhaven, als er zehn von 14 Dreiern versenkt hat. Es sind vielmehr die kleinen Dinge, die für uns als Team wichtig sind, die aber keine Statistik erfasst: seine Blocks, seine Hustle Plays, seine Erfahrung. Jacob macht uns definitiv zu einem besseren Team.

Zu einem besseren Frankfurter Team tragen in dieser Saison auch Sie bei. 12,0 Punkte und 5,8 Rebounds stehen für Sie im Schnitt zu Buche. Dabei gelten Sie immer noch als zu selbstlos.

Das ist nun einmal meine Art zu spielen, auch wenn ich der Meinung bin, dass ich im Laufe dieser Spielzeit schon egoistischer geworden bin. Ich finde aber auch nicht, dass man den besser postierten Mitspieler übersehen und dafür selbst abschließen muss, um mehr Anerkennung zu bekommen.

Aber nur wer selbst schießt, wird berühmt, heißt es.

Das sehe ich anders. Ich muss mich nicht in den Vordergrund drängeln. Das widerspricht auch meinem Naturell.

Ihre Leistungen in dieser Saison wurden jedenfalls schon honoriert: Von der Liga wurden Sie zum Most Improved Player und zum besten deutschen Nachwuchsspieler unter 23 Jahren gekürt. Was bedeuten Ihnen diese beiden Auszeichnungen?

Ich bin sehr stolz darauf! Wenn man als Spieler ausgezeichnet wird, ist das immer eine große Ehre – und dass es bei mir gleich zwei Awards waren, ist sehr ungewöhnlich. Dabei ist mir aber bewusst, dass solche Wahlen immer eine sehr subjektive Sache sind. Ich weiß auch, dass ich mich im Vergleich zur vergangenen Saison verbessert habe, aber ob das dann gleich bedeutet, dass ich derjenige in der Liga sein soll, der sich am meisten verbessert hat, müssen andere beurteilen.

Sie sagen, Ihnen ist bewusst, dass Sie sich weiterentwickelt haben; in welchen Bereichen haben Sie sich aus Ihrer Sicht am meisten verbessert?

Ich denke, ich habe vor allem mehr Verantwortung übernommen, im Team eine größere Rolle bekommen, und ich habe vom Coach Vertrauen bekommen. Ich wusste schon länger, dass ich gewisse Fähigkeiten habe, aber ich habe sie jetzt zum ersten Mal auch richtig umgesetzt. Ich habe jetzt eine tragende Rolle im Team, und das erfüllt mich natürlich mit Stolz. Ich denke auch, dass ich im physischen Bereich einen Schritt nach vorne gemacht und meinen Schuss verbessert habe. Außerdem bin ich in meinen Leistungen konstanter geworden; in dieser Hinsicht bin ich zwar noch nicht da, wo ich sein möchte, aber es ist definitiv wesentlich besser als in der vergangenen Saison.

Können Sie mit der Bezeichnung „Nachwuchsspieler“ überhaupt noch etwas anfangen? Schließlich hatten Sie vergangene Saison schon nennenswerte Spielanteile und sind in dieser Spielzeit zum Leistungsträger in Frankfurt aufgestiegen.

Wenn man Nachwuchsspieler nach den Jahren in der Liga definiert, zähle ich bestimmt nicht mehr dazu, aber die Liga sortiert Nachwuchsspieler ja gemäß der U23-Kategorie, und mein Alter kann ich schließlich schlecht leugnen. Insofern ist diese Einteilung schon in Ordnung.

Ist Ihr Selbstvertrauen durch diese Awards größer geworden?

Ein bisschen vielleicht. Ich habe davor schon, aufgrund meiner Leistungen in dieser Saison, ein relativ großes Selbstbewusstsein gehabt, aber solche Auszeichnungen bestärken einen noch. Sie bringen aber auch eine gewisse Verantwortung mit, sich nicht darauf auszuruhen, sondern weiter an sich zu arbeiten. Alles in allem denke ich, dass die Auszeichnungen meinem Selbstvertrauen nicht gerade geschadet haben.

Sind Sie denn ein Typ mit angeborenem Selbstbewusstsein, oder mussten Sie sich das im Laufe Ihrer Karriere erst erarbeiten?

Ich bin nie derjenige gewesen, der nach dem Motto „Hoppla, hier komm ich“ mit breiter Brust aufgelaufen ist. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nicht großartig darüber nachdenke: Ich spiele einfach mein Spiel. Veränderungen fallen mir erst auf, wenn ich mich selbst auf Video spielen sehe. Da sehe ich dann schon, dass ich manche Aktionen im Gegensatz zu früher viel selbstverständlicher angehe.

Nach Konstantin Klein und Danilo Barthel sind Sie im Moment das „deutsche Gesicht“ der Skyliners. Merken Sie, dass Sie nun eine andere Rolle im Verein haben?

Ja, das bekomme ich schon mit, auf und abseits des Feldes. Man steht mehr in der Öffentlichkeit, ist als Gesprächspartner gefragter. Aber solche Interviews wie beispielsweise jetzt mit BIG sind mir nicht lästig, sondern machen mir enormen Spaß. Und auf dem Feld ist es natürlich schön, wenn man in den entscheidenden Phasen des Spiels auf dem Parkett steht und der Coach in der Crunchtime sogar Plays für einen selbst aufzeichnet. Gleichzeitig ist es mir aber immer noch ein wenig unangenehm, für ein gutes Spiel gelobt zu werden. Was soll ich darauf sagen? „Vielen Dank“, oder: „Ich weiß“? Ich kann ganz gut selbst einschätzen, wann ich abgeliefert habe und wann nicht. Mit Lob kann ich nicht so gut umgehen.

Größere Verantwortung bedeutet auch größerer Druck.

Na und? Dafür spiele ich doch Basketball: um auf dem höchstmöglichen Level zu spielen und dem Team zu helfen, zu gewinnen. Würde ich diesen Druck nicht wollen, wäre ich als Profisportler fehl am Platz. Mit diesem Druck umzugehen, ist etwas anderes, aber in dieser Beziehung mache ich mir keinen großen Stress. Ich genieße vielmehr meine aktuelle Situation. Mir ist es im Moment viel lieber als beispielsweise vor zwei Jahren, als Frankfurt bis zum Schluss gegen den Abstieg kämpfte. Für den Verein und die Mitarbeiter war das eine extrem anstrengende Phase, weil es um die Existenz ging. Auch ich habe natürlich mitgefiebert, allerdings war meine Rolle damals wesentlich kleiner und mein persönlicher Druck dadurch nicht so groß. Wenn ich wählen kann, dann will ich lieber mit in der Verantwortung stehen.

Werden Sie von Ihren Gegenspielern denn inzwischen anders verteidigt? Härter? Sie sind zwar 2,11 Meter groß, aber nicht der typische Brecher unter dem Korb.

Das stimmt, und das ist auch der Aspekt an meinem Spiel, an dem ich am meisten arbeite: an meiner Physis. Im kommenden Sommer werde ich in dieser Hinsicht speziell trainieren, um noch etwas Muskelmasse draufzupacken. Was die Gegenspieler angeht: Sie analysieren unsere Systeme natürlich und haben es meistens darauf angelegt, uns das Pick’n’Roll wegzunehmen, aus dem ich immer in gute Situationen komme. Generell kommt es ein wenig auf die Spielweise des Gegners an: Ludwigsburg und Hagen spielen beispielsweise sehr physisch, was ich unter dem Korb dann natürlich mehr merke als etwa gegen den MBC, der eher eine sinkende Verteidigung spielt. Ich versuche, mich auf alle Varianten so gut es geht einzustellen.

Im Internet kursiert die Meinung, dass Sie auch gerne mal die Ellbogen auspacken, um sich Respekt zu verschaffen. Steckt etwas Ensmingerhaftes in Ihnen?

Ganz ehrlich: Das denke ich überhaupt nicht. Ich kenne dieses Vorurteil, es wird auch gerne mal von anderen Trainern und Außenstehenden thematisiert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wieso diese Meinung vorherrscht, es überrascht mich auch ein bisschen. Ich versuche, das Spiel mit einer gewissen Fairness anzugehen, und dass ab und zu mal ein Ellbogen ausgepackt wird, das gehört zum Spiel dazu und ist das Los eines jeden Centers. Aber ich würde von mir behaupten, dass ich keiner bin, der im Spiel mit Absicht verletzen will.

Als Sie 2012 als 20-Jähriger vom ProA-Team Jena nach Frankfurt wechselten, hätten Sie sich wahrscheinlich nicht träumen lassen, drei Jahre später schon absoluter Leistungsträger in einem Erstliga-Team zu sein.

Nein, dass es so schnell gehen würde, konnte ich nicht ahnen. Im Grunde geht es auf meiner Karriereleiter seitdem beständig nach oben. Es bestätigt aber im Nachhinein meine Entscheidung, zu den Skyliners zu wechseln.

Was gab damals den Ausschlag pro Frankfurt?

Das Konzept, auf junge Deutsche zu setzen. Ich weiß auch, dass es aus einer gewissen Not heraus geboren wurde, weil der Etat des Klubs nicht mit denen der Top-Teams konkurrieren konnte. Aber Frankfurt ist aus meiner Sicht der einzige Verein, der bis heute konsequent und ganz bewusst auf junge Talente aus Deutschland setzt. Ich habe die Chance bekommen, und ich habe sie genutzt, genauso wie Konsti (Klein, Anm. d. Red.) und Danilo (Barthel). Und es stehen ja noch jede Menge weiterer in den Startlöchern: Wer weiß, wo ein Kevin Bright oder ein Stefan Ilzhöfer ohne ihre langwierigen Verletzungsprobleme heute wären? Wir haben das Vertrauen bekommen, wir haben es inzwischen aber auch schon zurückgezahlt. Und für andere junge Talente ist das ein Anreiz, nach Frankfurt zu kommen, weil sie sehen, dass sie hier ihre Chance bekommen.

Ihr Headcoach Gordon Herbert galt lange nicht unbedingt als Förderer junger deutscher Talente.

Dabei muss man berücksichtigen, zu welchen Zeiten er wo gearbeitet hat. Als er Frankfurt 2004 zur Deutschen Meisterschaft geführt hat, spielten Deutsche in der Liga nur eine untergeordnete Rolle. Bei Alba Berlin ging es darum, Titel zu gewinnen und nicht darum, junge deutsche Talente zu fördern.

Und nun, in seiner dritten Amtszeit in Frankfurt, kann er zeigen, dass er auch mit deutschen Spielern erfolgreich arbeitet?

Der Coach wusste, auf welches Konzept er sich hier nun einlässt. Für ihn geht es aber nicht darum, ob jemand Deutscher, Amerikaner oder Finne ist, sondern darum, ob jemand Basketball spielen kann. Und wir Deutsche haben ihm, glaube ich, relativ schnell klargemacht, dass wir auf dem Court keine Pfeifen sind, sondern helfen können, Spiele zu gewinnen. Für ihn zählt das Leistungsprinzip: Wer im Training hart arbeitet, verdient sich seine Minuten im Spiel. Weil er das konsequent umsetzt, wissen bei ihm alle, woran sie sind.

Während seiner Zeit in Finnland hat Herbert seinen Master im Fach Sportpsychologie gemacht. Hat er bei Ihnen, wie einst Klaus Toppmöller bei der Frankfurter Eintracht, auch mal einen Steinadler in der Kabine kreisen lassen?

Das nicht gerade, unser Coach ist bei der Wahl seiner Mittel ein wenig subtiler. (lacht) Er findet die richtige Ansprache an die Mannschaft, und bei solchen Anlässen wie unserem kurzen Trainingslager auf Mallorca hat er auch immer die eine oder andere Überraschung parat. Ich persönlich komme hervorragend mit ihm klar: Er redet viel mit mir, vertraut mir und lässt mich spielen – was kann ich mir noch mehr wünschen?

Vor Beginn der Playoffs gab es von Herbert auch Kritisches zu hören. Das Team habe sich seit dem Trainingslager auf Mallorca nicht mehr weiterentwickelt. Hat er mit dieser Aussage recht?

Der Trainer hat immer recht. Das ist seine Sichtweise, er ist am nächsten dran an dem Team, deswegen wird da ein Funken Wahrheit drin sein. Ich glaube, wir haben seit dem Trainingslager trotzdem relativ beeindruckend gespielt und fünf Siege in sechs Spielen geholt, das Final Four in der Eurochallenge einmal außen vor gelassen. Aber wir wissen, dass ein Sieg aus der Sicht des Coaches manchmal nicht genug ist. Wir sollen uns auch spielerisch weiterentwickeln. In der Video-Analyse hat er uns gezeigt, dass wir uns in einigen Aspekten des Spiels noch sehr verbessern müssen, aber ich denke, insgesamt gesehen sind wir auf einem ganz guten Weg.

Hat die Mannschaft im Februar und im März zu viel Energie gelassen, als sie Top-Teams wie Berlin und Oldenburg geschlagen hat und sehr viele Verlängerungen spielen musste?

Eindeutig nein. Auch im letzten Drittel der normalen Meisterschaftsrunde hatten wir noch Kraft genug. Wir haben München nach einer richtig guten Aufholjagd geschlagen, haben die Tübinger geschlagen, die in ihrer Halle und mit dem Rückenwind des feststehenden Klassenerhalts mit Sicherheit nicht einfach zu bezwingen waren. Sicherlich mussten wir die eine oder andere Verlängerung spielen, aber unser Kader ist zum jetzigen Zeitpunkt der Saison so tief, dass wir das gut überstanden haben.

Gerade Sie standen im letzten Saisondrittel mehr im Fokus der gegnerischen Verteidigungsreihen. Beschäftigen Sie sich damit, Ihr Spiel deswegen umzustellen? Rückt das Passing noch mehr in den Vordergrund?

Nicht unbedingt. Ich versuche, jedes Spiel relativ gleich anzugehen. Wenn ich aber vorher weiß, dass der nächste Gegner im Lowpost gerne doppelt, stellt man sich schon ein wenig drauf ein. Nach zwei oder drei Minuten im Spiel hat man aber generell immer ein gutes Gespür dafür, wie der Gegner agiert, was er vor hat und was man selbst dagegensetzt. Vom Mindset her ist aber im Grunde jedes Spiel gleich.

Die vorzeitige Vertragsverlängerung von Gordon Herbert bis 2016 war für Sie einer der Hauptgründe, auch Ihren Kontrakt bei den Skyliners zu verlängern. Dabei wird es genügend Anfragen von Vereinen gegeben haben oder aktuell geben, die viel Geld für einen 2,11 Meter großen Deutschen von Ihrer Qualität ausgeben würden.

Ganz ehrlich: Mir geht es nicht ums Geld, sondern um Spielzeit. Die bekomme ich hier in Frankfurt, und deswegen habe ich meinen Vertrag bis 2016 mit der Option auf ein weiteres Jahr verlängert. Der Verein kam in dieser Angelegenheit auf mich zu, und ich habe schon früh kommuniziert, dass ich Interesse habe zu bleiben. Dass der Coach auch verlängert hat, hat mir die Entscheidung selbstverständlich einfacher gemacht. Alles in allem finde ich hier eine super Situation vor. Es würde mich sehr überraschen, wenn ich nächstes Jahr nicht in Frankfurt spielen würde.

Blicken wir über die Saison hinaus. Sie sind von Nationaltrainer Henrik Rödl nicht für den Auftaktlehrgang der A2-Nationalmannschaft nominiert worden. Ein Fingerzeig, dass Bundestrainer Chris Fleming mit Ihnen für die A1-Nationalmannschaft und die Europameisterschaft im September plant?

Im ersten Moment war ich natürlich schon enttäuscht, denn ich denke, durch meine Leistungen hätte ich eine Nominierung verdient gehabt … Nein, Spaß beiseite: Was die Nationalmannschaften angeht, gibt es vom Verband oder vom Bundestrainer noch keine näheren Informationen. Ich warte jetzt einfach, bis die Saison vorbei ist und dann schaue ich, was der Plan für mich sein wird.

Das heißt, wann buchen Sie Ihren Sommerurlaub?

Das wird ganz kurzfristig gemacht.


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