14
Sep

BIG-Appetizer: Michael Stoschek

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch den Artikel über Michael Stoschek aus der BIG #44.

MICHAEL STOSCHEK, Aufsichtsrats-Chef der Brose Baskets, über die Qualitäten seines italienischen Trainers, den Budget-Wettbewerb mit den Bayern und sein Verhältnis zu Ex-Manager Wolfgang Heyder.

Herr Stoschek, Sie haben vor einem Jahr das ganze Programm völlig umgekrempelt. Jetzt ist der Titel dabei herausgekommen. Haben Sie damit gerechnet, dass das so gut funktionieren würde?

Es konnte niemand damit rechnen, dass das so schnell funktioniert. Wir haben tatsächlich einen riesigen Umbruch hinter uns. Der Aufsichtsrat hat ja lediglich einen Wechsel auf der Coaching-Position beschlossen, alle anderen Dinge haben sich dann daraus ergeben. Diese Dinge waren auch nicht zwangsläufig damit verbunden, sind aber passiert. Dass wir zehn neue Spieler dazu geholt haben, hat unseren Willen zur Veränderung gezeigt. Vor diesem Hintergrund wollten wir die Playoffs erreichen, das war unser Ziel. Ganz Mutige haben vom Halbfinale gesprochen. Im Prinzip haben wir gesagt: Es ist eine Saison zum Lernen. Und in der nächsten Saison wird es dann ernst.

Team und Trainer haben die Aufgaben also übererfüllt?

Absolut. Schon das Finale im Pokal war für mich eine Überraschung. Dass wir dann sogar noch mehr erreichen, ehrlich, das ist traumhaft.

Das Gefühl für die Mannschaft scheint sich verändert zu haben. Vor zwei Jahren waren die Brose Baskets ähnlich erfolgreich, aber die Stimmung wirkte bereits gereizt. Nun könnten Sie selbst sich mehr mit dem Team identifizieren und freuen. Woran liegt das?

Vor zwei Jahren hatten wir noch eine sehr erfahrene Mannschaft und am Ende konnten wir nach einer durchwachsenen Saison die Meisterschaft gewinnen. Das Jahr darauf war dann miserabel. Wir haben alle Ziele verfehlt, und entsprechend war die Stimmung. Damals konnte es eigentlich nur besser werden, aber dass es so schnell aufwärts geht, damit konnte niemand rechnen. Jetzt ist ein neuer Spirit da. Das ist sehr erfreulich. Aber wir dürfen nicht abheben, das für selbstverständlich halten - und uns Ziele setzen, die unrealistisch sind. Das haben wir im Aufsichtsrat so beschlossen, das haben wir auch dem Coach so signalisiert. Wir freuen uns über jedes gute Spiel.

Welche Rolle spielt Trainer Andrea Trinchieri bei der Entwicklung des Teams und der Visionen?

Eine ganz entscheidende. Er hatte nicht nur ein Händchen für die rich-tigen Spieler. Als Persönlichkeit ist er ein Trainer, der die Spieler stark beeinflusst. Durch sein Temperament reißt er sie mit. Er hat bei der Truppe für sehr viel Stimmung und frischen Wind gesorgt. Das ist natürlich auch ein Wechselspiel mit dem Team und hat mit der Mentalität der Spieler zu tun. Trinchieri versteht es ausgezeichnet, das Ganze in einer Balance zu halten. Das Wichtigste ist aber jetzt, dass sich niemand unter Stress setzt und Dinge erwartet, für die es noch zu früh ist.

Hat Trinchieri das Bild bestätigt, das Sie bei seiner Verpflichtung von ihm hatten?

Ich kannte ihn ja gar nicht. Carl Steiner kannte ihn. Wir haben ihn dann angesprochen, er war interes-siert. Wir wussten, dass er eine tolle Bilanz hat. Dass er so eingeschlagen hat, ist ein Glücksfall für uns.

Was zeichnet ihn aus?

Die absolute Leidenschaft. Und die Fähigkeit, diese Leidenschaft auch auf das Team und auf das Publikum zu übertragen. Wenn jemand so mit dem Herzen dabei ist wie Trinchieri, dann reißt das alle mit. Insofern hat er die Erwartungen mehr als erfüllt. Wir sind sehr froh, dass er da ist.

Welchen Anteil trägt das Team am Erfolg – wer sind die Eckpfeiler aus Ihrer Sicht?

Generell ist es faszinierend, wie wichtig es ist, dass ein Team gut zusammenpasst. Du kannst nicht die zehn bes-ten Spieler holen – und dann hast du den Titel sicher. Die Spieler müssen ins Konzept des Trainers passen, zu seiner Mentalität. Unser Trainer hat Brad Wanamaker früh zum Spielführer bestimmt. Das war sicher eine gute Entscheidung. Wanamaker hat das sehr gut hinbekommen, obwohl er selbst noch ein sehr junger Mann ist, der im Führen eines solchen Teams bisher über kaum Erfahrung verfügt hat. Es war auch geschickt vom Trainer, unser Urgestein Karsten Tadda als zweiten Mann zu positionieren. Das hat das Publikum mit ins Boot geholt. Wir haben aber noch weitere Spieler, die sich insgesamt sehr gut ergänzen. Interessant ist, dass wir in vielen Spielen einen anderen Topscorer hatten.

Sie haben mit Daniel Theis und Elias Harris vorzeitig um zwei Jahre verlängert. Das sind zwei entscheidende Figuren des deutschen Basketballs. Was versprechen Sie sich von den beiden?

Theis ist ein Mann, dem Trinchieri noch viel zutraut. Er hält ihn für extrem talentiert. Trinchieri hat einmal gesagt: Bei diesem Talent, mit ganz viel Fleiß und Energie, kann Daniel Theis ein zweiter Nowitzki werden. Wenn er wirklich hart an sich arbeitet.

Und, tut Theis das?

Ich denke schon. Er hat ja auch in vielen Spielen bereits sehr starke Phasen. Wir freuen uns, dass er sich mit uns entwickelt.

Kann Theis die Identifikationsfigur für Bamberg werden, wie es Jacobsen war?

Warum nicht? Klar!

Was ist mit Elias Harris? Er kam aus der NBA, hatte dann einen Durchhänger – inzwischen hat er sich gut gefangen.

Ein toller Athlet. Dass wir ihn weiterverpflichtet haben, zeigt ja, was wir von ihm halten. Ich möchte jetzt eigentlich nicht jeden Spieler einzeln durchgehen. Ich denke, das Spannendste ist, wie sich die Spieler weiterentwickeln. Die meisten, die wir geholt haben, kannten die deutsche Liga gar nicht. Insofern ist es erstaunlich, wie gut sie sich darauf eingestellt haben. Das mitzuerleben macht mir großen Spaß. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in der kommenden Saison ein super Team haben werden. Viel besser noch als das aktuelle.

Sind Sie generell zufrieden mit der Entwicklung des deutschen Basketballs?

Schwierige Frage. Es gibt die Top-Teams, die auf europäischem Niveau spielen wollen. Und die kleineren Teams, die wollen, dass die Liga nicht verkleinert wird.

Wie sehen Sie das?

Wir haben auch ein Herz für die kleineren Teams. Brose sponsert mit Bayreuth und Würzburg ja auch zwei von ihnen. Die könnten unmittelbar von der Verkleinerung betroffen sein. Insofern sind wir der Meinung, dass die Liga mit 18 Vereinen richtig aufgestellt ist. Das ist die richtige Dimension, die sich auch in anderen Ländern bewährt hat.

Wie sehen Sie das Problem, dass die Budgets in der Liga immer unterschiedlicher werden? Die Großen werden immer größer, die Kleinen können kaum Schritt halten.

Das sehe ich unkritisch. Wir hatten oft Situationen, in denen wir um ein Haar gegen ein etwas kleineres Team verloren hätten. Da haben Aufsteiger die Etablierten richtig unter Druck gesetzt. Ich kann die Schere, in der Dramatik, in der Sie diese beschreiben, nicht erkennen. Das ist im Fußball deutlich krasser. Denken Sie an Bayern und den HSV. (lacht)

Dennoch: Läuft es jetzt auf ein Dauerduell mit den Münchner Bayern hinaus? Alba scheint vom Budget her zunächst limitiert zu sein, hat in dieser Saison bereits am absoluten oberen Limit gespielt und das Finale trotzdem nicht erreicht.

Dazu fällt mir folgende Geschichte ein. Als Dortmund im Fußball noch der Bayern-Verfolger war, habe ich mich einmal mit Jürgen Klopp getroffen. Wir haben uns dann darüber ausgetauscht, was man tun kann, um mit kleinerem Budget dagegenzuhalten. Wir waren uns einig: Das geht nur mit Enthusiasmus und jungen Spielern. Mit Leidenschaft hat man auch eine Chance, obwohl man vom Budget her hinterherhinkt. Jetzt sind die Dortmunder leider nicht mehr die Bayern-Verfolger. Aber das Prinzip gilt auch für den Basketball. Wir werden das finanzielle Potenzial, die Medienkontakte und die Organisationsstruktur der Bayern nie erreichen können. Weil die Münchner eben massiv von der Position des Vereins im Fußball profitieren. Das muss man realistisch sehen. Aber wir versuchen, mitzuspielen und mitzuhalten. Und nächste Saison werden wir eine sehr starke Mannschaft haben.

Die Bayern behaupten, dass ihr Budget niedriger wäre als das der Bamberger.

(Lacht) Das weiß ich nicht. Das weiß ich nur von unserem ehemaligen Geschäftsführer. Das hat uns sehr erstaunt, dass er das gesagt hat. Das müsste er besser wissen.

Können Sie sich diesen Budgetwettbewerb erklären? Niemand scheint zugeben zu wollen, das meiste Geld auszugeben.

Da haben Sie doch schon Ihre Antwort. Es ist immer ein größerer sportlicher Erfolg, wenn man mit geringerem Budget erfolgreich spielt. Aber man muss die Realitäten sehen. Wenn Sie alle Bedingungen addieren, müssen Sie feststellen, dass die Bayern die Mannschaft sind, die es für alle anderen zu schlagen gilt. Weil sie im Prinzip Voraussetzungen haben, die einfach besser sind als bei den restlichen Klubs. Das ist kein Vorwurf, sondern das ist einfach eine logische Folge der besseren Infrastruktur. Wenn man eine so starke Marke ist, dann reißen sich die Sponsoren um einen. Und dann kann man den Etat auch noch einmal deutlich erhöhen. Aber es macht Spaß, als Verfolger des Ersten zu agieren.

Sie haben Wolfgang Heyder angesprochen. Seine Demission hat in Bamberg zu einigen Verwerfungen geführt. Zuletzt sollen Sie bei einer Ehrung in Bamberg ein längeres Gespräch geführt haben.

Das stimmt.

Wie ist das Verhältnis inzwischen?

Entspannt.

Die Wogen haben sich geglättet?

Absolut. Er hat mir erzählt, dass er selbst auf die Erkenntnis gekommen ist, nicht alles richtig gemacht zu haben.

Hätten Sie ein Problem damit, wenn Heyder Geschäftsführer der BBL würde?

Das ist mir gar nicht bekannt. Ich weiß nur, dass er jetzt in Coburg den Handball nach vorne bringen will.

Sie wechseln jetzt aber nicht zum Handball.

Beim Handball in Erlangen habe ich gesehen, dass einzelne Spieler unter den Sponsoren einen Paten hatten. Das sollten wir bei uns vielleicht auch einführen, das ist eine tolle Idee ... Ansonsten: Nein. Ich habe großen Spaß am Basketball, dabei bleibe ich. Das Umfeld ist sehr interessant für uns, auch für unsere Firma. Wir sind mit dem Bekanntheitsgrad der Marke Brose Baskets sehr zufrieden. Wir haben eine Reihe von Umfragen gemacht, in Zusammenhang mit dem Auftritt unseres Teams. An dieser Stelle stehen wir recht gut da. Das Personalmanagement ist im Grunde der wichtigste Grund, warum wir das Engagement machen. Um Mitarbeiter zu finden, die einem harten Wettbewerb nicht aus dem Weg gehen. Außerhalb der Fahrzeugindustrie hat sich unser Bekanntheitsgrad deutlich erhöht.

Haben Sie eigentlich Kontakt zur Familie Schweitzer, die Alba unterstützt?

Nein.

Alba verfügt über eine Halle, die 14 500 Plätze hat. Es gibt Gerüchte, dass in Bamberg ebenfalls über eine neue Halle nachgedacht wird.

Daran ist im Moment nicht zu denken. Es gibt dazu bei uns überhaupt keine Debatte. Ich weiß natürlich nicht, was in 100 Jahren ist.

Die Euroleague fordert eigentlich eine Halle mit mindestens 10 000 Plätzen.

Sollte das tatsächlich einmal ein Ausschlusskriterium sein, werden wir uns mit dem Thema beschäftigen. Ansonsten geht es jetzt darum, unsere aktuelle Halle zu füllen. Eine andere Halle finde ich viel interessanter.

Welche?

Sie steht in der verlassenen Kaserne der Amerikaner in Bamberg. Eine traumhafte Basketballhalle, zwei Courts nebeneinander. Da könnte man eine Trennwand einziehen und gleichzeitig zwei Spiele laufen lassen. Das alles im Neuzustand.

Die wird nicht genutzt?

Nein. Weil momentan niemand weiß, wie die Fixkosten abzudecken sind. Eigentlich müsste da ein Basketballleistungszentrum entstehen.

Wie sehr liegt Ihnen das Jugendthema am Herzen?

Das war schon immer ein sehr wichtiger Punkt für mich, wir waren da schon immer aktiv. Auch als es noch keine Regelung mit sechs deutschen Spielern gab. Inzwischen gibt es eine engere Verzahnung zum Chefcoach. Das Ganze machen wir nicht nur zum Spaß und aus sozialen Gründen. Am Ende wollen wir natürlich auch Talente für unsere Profimannschaft entwickeln. Das müssen wir konsequenter machen als bisher. Ich bin da sehr optimistisch, wir sind da schon auf einem guten Weg.

Mit Leon Kratzer wird in der kommenden Saison bereits ein Spieler in den erweiterten Profibereich eingebaut.

Man muss sehen, wie er sich in der neuen Umgebung zurechtfindet. Das ist für einen Spieler immer ein Riesensprung. Vor allem mental.

Viele junge deutsche Spieler in der BBL schaffen es nur zum Rollenspieler. Was entscheidet darüber, ob ein Spieler den Sprung zu einem Leistungsträger in der BBL, zu einem Wanamaker, schafft oder nicht?

Letztlich ist es eine Mentalitätsfrage. Wie weit ist jemand bereit, sich wirklich zu schinden, zu kämpfen und mit Fleiß und Energie zu arbeiten, sich nicht auf sein Talent zu verlassen? Ich glaube, so einfach ist es am Ende tatsächlich. Die Knappheit an guten deutschen Spielern ist ein Problem. Ich habe gesehen, dass es sich der eine oder andere etwas leichter macht als wir ...

Sie meinen damit, dass Spieler eingebürgert werden?

(Lacht) Ich nenne keine Namen ...

Ihr Unternehmen wächst Jahr für Jahr. Was wäre wichtig, um den Basketball jetzt weiter wachsen zu lassen?

Die Entwicklung der letzten zehn Jahre ist erfreulich. Der Telekom-Deal war wichtig. Jetzt wäre es an den Sendern der öffentlich-rechtlichen Anstalten, mehr zu berichten. Die müssten sich noch etwas mehr engagieren. An den Medien hängt aus meiner Sicht eine Menge. Wir müssen etwas tun, wenn wir innerhalb Europas an den Südländern vorbei und an die Spitze wollen. Bei denen hat der Basketball noch einen höheren Stellenwert als bei uns. Da wollen wir an- und aufschließen. Und unter den Ballsportarten wollen wir den Handball als zweitattraktivste Ballsportart ablösen. Der Basketball ist zwar erklärungsbedürftig, der Handball ist viel leichter zu verstehen. Aber die Faszination, die Basketball hat, ist eben einmalig. Nehmen Sie nur das fünfte Spiel Alba gegen Bayern. Die Dramatik, die dieses Spiel hatte, lässt sich in keiner anderen Sportart erzielen. Und im Fußball? Natürlich war das ein tolles Champions-League-Endspiel, aber nach 75 Minuten war es entschieden, da wusstest du, wie das Spiel ausgeht. Das gibt es im Basketball nicht.


BIG Abo

Jeden Monat BIG als erstes lesen, druckfrisch in Deinem Briefkasten für nur 40 Euro!

Jetzt Abo bestellen

BIG Probeabo

Vier Ausgaben BIG zum Probierpreis von 15 Euro!

Jetzt Abo bestellen

BIG Geschenkabo

Das größte Geschenk: BIG für nur 40 Euro verschenken, keine Kündigung erforderlich!

Jetzt Abo bestellen



BIG Sonderheft 19/20

Sonderheft 2019/20 (BIG #90) einzeln bestellen, ohne Abschluss eines Abos.

Jetzt bestellen

BIG als ePaper

BIG auf mobilen Endgeräten für Android und Apple!

Jetzt ePaper bestellen

BIG - Leseproben

 





BIG Facebook Feed

BIG Player


   


BIG Social

BIG auf Facebook

big facebook

BIG auf Twitter

BIG auf Instagram




BIG Kontakt

BIG | Das Magazin
Tieckstrasse 28
10115 Berlin

Fon: 030 / 85 74 85 8 - 50
Fax: 030 / 85 74 85 8 - 58

Öffnungszeiten des Büros:

Montag - Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr

E-Mail senden