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Sep

BIG-Appetizer: Interview mit Bryce Taylor

brta

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Bryce Taylor aus der BIG #34.

BRYCE TAYLOR war Bayerns X-Faktor in den Finalspielen gegen Alba. In BIG spricht der Forward über seine neuen Ziele – und die Folgen der Antipathie, die den Bayern immer wieder entgegenschlägt.

In einer Zeit, in der Spieler sich gerne die Optionen offenhalten und ihre Agenten um die besten Verträge zocken, haben Sie etwas Ungewöhnliches getan: Ihren Vertrag mit dem FC Bayern schon ein Jahr vor Ablauf um ein weiteres plus Option auf ein drittes Jahr verlängert. Warum, Herr Taylor?

Zuerst einmal haben meine Eindrücke aus der erfolgreichen vergangenen Saison eine große Rolle gespielt. Ich weiß nun, in welche Richtung sich der FC Bayern bewegt – und ich möchte ein Teil davon sein. Und warum sollte ich mich auf Spielchen um meine Zukunft einlassen, wenn ich alles habe, was ich mir wünsche – auf und abseits des Parketts? Auch die wirtschaftliche Situation in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern und die immer weiter steigende Qualität der Liga waren ein Faktor. Alles zusammengerechnet fiel mir die Entscheidung leicht.

Und welche Rolle hat das Geld gespielt? Immerhin startet Bayern mit einem neuen Rekord-Etat von mehr als 13 Millionen Euro in die Saison. Und der Verein hat durchaus den Ruf, Angelegenheiten durch entsprechende Bezahlung zu klären.

Ehrlich gesagt stört es mich ziemlich, dass der FC Bayern oft nur auf seine Finanzkraft reduziert wird. Wer behauptet, der Verein würde immer nur Geld auf den Tisch legen, der hat sich nicht ernsthaft damit beschäftigt, was in den vergangenen Jahren hier passiert ist. Was der FC Bayern Basketball, der aus einer kleinen Zweitliga-Turnhalle kam, erreicht hat, hat er sich hart erarbeitet, Schritt für Schritt. Diesen Prozess kannst du dir nicht erkaufen. Das zu behaupten ist respektlos und unfair. Ich weiß, wie viel Leidenschaft jeder einzelne Mitarbeiter hier in das Projekt steckt. Und das ist die Grundlage für den Erfolg in der vergangenen Saison. Es geht nicht nur um das Budget. Die Brooklyn Nets hatten wohl das größte Budget in der vergangenen NBA-Saison – sie wurden nicht Champions. Real Madrid hatte den Top-Etat in der ACB – sie haben ebenfalls nicht den Titel geholt. Klar: Mehr Geld bedeutet, die Chance zu haben, bessere Spieler zu verpflichten. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, eine bessere Mannschaft zu haben. Dazu braucht es mehr, vor allem Teamchemie. Teamspieler. Arbeitsmoral. Geld ist ein Teil der Gleichung für den Erfolg. Aber eben nur ein Teil.

Zumal Bayern auch keinesfalls durch die Liga marschiert ist – gerade Oldenburg und Berlin haben Ihnen in den Playoffs alles abverlangt.

Wir mussten wirklich starke Teams schlagen, um Meister zu werden. Die Playoffs waren eine extrem große Herausforderung für uns, schon in der ersten Runde mit dem Wiederholungsspiel in Ludwigsburg. Und dann kam Oldenburg – definitiv eine Mannschaft mit Meisterschafts-Format. Spiel fünf hätte in beide Richtungen gehen können, dank des Heimrechts haben wir es geschafft. Und dann kam Berlin. Ein echter Dogfight. Ihr Spielstil reflektiert das Wesen von Coach Sasa Obradovic. Sie haben extrem hart und physisch gespielt, manchmal auch etwas schmutzig. Das war Wettkampf auf superhohem Level.

Ein Verantwortlicher des FC Bayern sagte jüngst, dass der wahre Playoff-MVP nicht Malcolm Delaney war – sondern Bryce Taylor. Wie sehen Sie Ihre Rolle, Ihre Entwicklung?

Ich hatte ja zuvor bei anderen Vereinen auch schon gut gespielt – aber durch den FC Bayern konnte ich mich einer viel größeren Öffentlichkeit präsentieren. Die Anzahl der TV-Spiele etwa war nun mal viel größer als in der Saison zuvor in Quakenbrück. Dort sind wir auch früh aus dem Eurocup geflogen. Jetzt, auf der großen Bühne mit dem FC Bayern, mit großartigen Mitspielern und einem großartigen Trainer, habe ich wirklich allen zeigen können, was ich draufhabe. Und in den Playoffs ist es mir gelungen, noch einmal einen Schritt weiter zu gehen. Aber der MVP-Titel für Malcolm geht natürlich vollkommen in Ordnung – er hatte einige extrem gute Spiele!

Die Aufmerksamen unter den Münchner Fans wussten schon länger, was Sie können: Durch Ihren Buzzerbeater im ersten Heimspiel der Saison 2012/2013 – der erste Sargnagel für den damaligen Trainer Dirk Bauermann.

Ganz ehrlich: Ich hatte mir schon damals im Artland vorgestellt, wie es sein könnte, für den FC Bayern zu spielen. Der Verein hat mich irgendwie angezogen. Und ich wollte Marko Pesic und die anderen im Verein in jedem Spiel mit meiner Leistung an mich erinnern.

Sie haben mittlerweile fünf Spielzeiten in Deutschland verbracht. Warum nicht mal wieder in den Süden  – oder in Russland das große Geld verdienen? Wollten Sie nie was anderes erleben?

Nach meinem ersten Jahr in Bonn dachte ich tatsächlich noch, dass es mich weiterziehen würde. Erst in meiner zweiten Saison in Berlin spürte ich, dass Deutschland für mich das richtige Land, eine zweite Heimat sein könnte. Ich habe mich mit der Sprache mehr angefreundet, die Stadt kennengelernt. Und später für mich den Entschluss getroffen: Wenn nicht von irgendwoher ein absolutes Hammer-Angebot kommt, dann bleibe ich in Deutschland und versuche dort, für die besten Teams zu spielen. Heute weiß ich: Dass die Dinge sich so entwickelt haben, ist ein Segen. Manche Profis springen von Land zu Land – aber ich möchte hier in Deutschland etwas Positives hinterlassen, an das sich die Leute später erinnern. So wie andere große US-Profis vor mir, deren Karrieren Vorbild für mich sind.

Wer wäre das?

Julius Jenkins, Immanuel McElroy, Derrick Allen, Chris Ensminger, Rickey Paulding und Casey Jacobsen. Das sind Spieler, die lange bei einem Verein geblieben sind, die sich wirklich auf Deutschland, die Menschen und seine Kultur eingelassen haben. Die sehr erfolgreich waren und sich selbst und ihren Familien ein wunderbares Leben ermöglich haben. Die Respekt und Würde gezeigt haben, nicht bloß dem Geld hinterhergejagt sind – und deshalb einen besonderen Status erlangt haben. So möchte ich einmal auch gesehen werden. Ich möchte ein Vorbild sein, mit Worten und mit Taten.

Sie wissen ja, was man über die Deutschen sagt: harte Arbeiter, verlässlich, ernst – manchmal zu ernst. Passt das zu Ihnen?

Klar, ich schätze das Leben als Basketballprofi in Deutschland sehr! Mir ist es selbst wichtig, immer professionell zu sein, auf der Basis eines stabilen Privatlebens. Ich habe eine deutsche Freundin und viele gute Bekannte. Und mit meinen deutschen Mitspielern bin ich immer bestens klargekommen. Lucca Staiger etwa ist wie ein Bruder für mich, wir haben uns in Berlin auswärts zwei Jahre ein Zimmer geteilt, jetzt in München wieder.

Zur Vertragsverlängerung mit dem FC Bayern haben Sie sich in sehr ordentlichem Deutsch an die Fans gewandt. Abgelesen oder echt gesprochen?

Mein Deutsch ist in der vergangenen Saison viel besser geworden und diesen Sommer habe ich auch noch viel üben können, weil meine Freundin mich in die USA begleitet hat. Ich fand allerdings immer noch, dass ich wie ein Roboter klinge. Mir fehlt noch ein bisschen das Selbstvertrauen, Deutsch zu sprechen. Manchmal klingt so ein Akzent ein bisschen dämlich. Das will ich vermeiden. Aber mein Ziel ist es, innerhalb der kommenden beiden Jahre flüssig Deutsch zu sprechen und auch auf Deutsch Interviews geben zu können.

Beim FC Bayern wird man sich freuen, das zu hören – Vizepräsident Rudolf Schels hatte noch im Frühjahr die ausländischen Spieler aufgefordert, sich mehr und aktiv um ihre Integration zu bemühen.

Warten Sie nur ab! In der kommenden Saison werde ich anfangen, öffentlich Deutsch zu sprechen!

Als Fan der Nationalmannschaft hatten Sie sich während der WM schon zu erkennen gegeben – mit einem neuen Trikot und laufenden Tweets.

Ja, die Eltern meiner Freundin hatten mir das Trikot gegeben, als Abschiedsgeschenk nach der Saison. Und ich muss schon sagen: Nach fünf Jahren im Land war ich auf den Weltmeistertitel durchaus ein bisschen stolz. Und natürlich ist es schon auch etwas Besonderes, dass so viele Weltmeister aus demselben Klub stammen wie ich. Als Profi kann ich auch nachvollziehen, was sie für den Titel geopfert haben. Basti (Schweinsteiger, d. Red.) sah aus, als hätte er in der Hitze von Brasilien fünf Kilo verloren! Er sah ziemlich ausgemergelt aus. Ich konnte natürlich auch vor dem Fernseher hervorragend angeben und sagen: Seht her, das sind meine Freunde, die da gerade den Titel geholt haben! So eine besondere Beziehung zu den besten Spielern in der wohl wichtigsten Sportart der Welt zu haben, das ist ziemlich abgefahren.

Sie kennen sich mittlerweile ganz gut aus im Land – was gefällt Ihnen an München?

Ich mag die Geschwindigkeit, wie die Stadt lebt und fließt. Ein bisschen langsamer als Berlin, von der Bebauung her etwas weitläufiger. Viele historische Gebäude, schöne Architektur, sehr ästhetisch und ansprechend für das Auge. München ist eine sehr saubere, gepflegte Stadt. Man kommt gut von einem Ort zum anderen Die Lebensqualität ist sehr hoch – die höchste, die ich bisher in Deutschland erlebt habe.

Erkennt man Sie auf der Straße?

Das kam im Laufe der vergangenen Saison immer häufiger vor, gerade in den Playoffs waren wir schließlich in den Medien sehr präsent. Dann gab es immer wieder Autogrammwünsche. Von mir aus darf sich das gerne noch weiterentwickeln, wir können nicht bekannt genug sein in der Stadt. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen. Ich hatte Nachbarn in der vergangenen Saison, junge Leute. Irgendwann habe ich erfahren, dass sie noch nie beim Basketball waren. Dann habe ich ihnen gleich Tickets besorgt. Und siehe da: Sie waren begeistert!

In der kommenden Saison werden ein paar neue Gesichter beim FC Bayern zu sehen sein – zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe standen Anton Gavel und Dusko Savanovic fest, Vasilije Micic so gut wie. Das Ziel kann nur Verteidigung des Meistertitels lauten – oder?

Natürlich. Einmal Meister zu werden ist die eine Sache – aber das zu bestätigen eine ganz andere. Eine ganz neue Herausforderung. Wir sind jetzt nicht nur der FC Bayern, sondern auch der Champion. Was den Antrieb der Konkurrenz, uns zu bekämpfen, nur noch größer macht.

Da wäre auch noch der Pokal – dort lief es für Bayern bisher bescheiden.

Das war ein Desaster dieses Jahr. Wir hatten diese anstrengende Heimreise aus Moskau und kamen platt in Ulm an, trafen dort auf eine überaus motivierte Heimmannschaft und das war’s. In der neuen Saison wollen wir auch diesen Titel holen. Was schwer genug wird. Oldenburg ist ein heißes Pflaster. Großartige Halle, großartige Fans.

Sie haben nun Auswärtsspiele mit vier Teams in der BBL erlebt. Was ist anders mit dem FC Bayern? Spüren Sie wirklich diese starke Abneigung, den Hass, der manchmal zitiert wird?

Zum Vergleich: Alba ist ein überaus erfolgreicher und bekannter Verein mit großem Namen. Als ich dort gespielt habe, war auswärts immer ausverkauft. Aber: Die gegnerischen Fans kamen, um ihre Heimmannschaft siegen zu sehen. Mit dem FC Bayern habe ich es schon so erlebt: Dass die gegnerischen Fans einen so sehr ablehnen, dass es nicht mehr um den Sieg der eigenen Mannschaft, sondern nur noch um die Niederlage der Bayern geht. Das ist eine ganz seltsame Stimmung. Das hörst du, das spürst du. Ganz besonders deutlich wurde mir das beim Pokal-Top4: Als im Spiel um den dritten Platz gegen Bamberg sich auch die Fans von Ulm und Berlin gegen uns verbündet hatten. Ich frage mich: Woher kommt diese Abneigung? Ausschließlich vom Fußball, wo sich das Image über Jahrzehnte gefestigt hat? Ich weiß nicht, wie sich das begründen lässt. Zumal so viele Unwahrheiten im Umlauf sind. Dass wir von den Fußballern mitfinanziert werden etwa. Was einfach nicht stimmt. Aber ich kann Ihnen sagen: Uns schweißt das nur noch mehr zusammen, wenn alle gegen uns sind. Wir gegen den Rest.

In der Euroleague ist Ihre Mannschaft nicht das große Feindbild in den Hallen, sondern nur ein gutes Team von vielen. Dafür haben Sie eine echte Hammergruppe erwischt – Barcelona, Panathinaikos, Fenerbahce, Mailand und Zgorzelec.

Das wird richtig schwer. Unser großes Ziel ist es, wieder unter die Top 16 zu kommen. Aber auch wenn das, abgesehen vom polnischen Team, nur ganz große Teams aus dem europäischen Basketball sind: Wir werden eine Mannschaft haben, die diese Teams schlagen kann.

Was wissen Sie schon über Ihre neuen Mitspieler?

Savanovic kenne ich noch nicht persönlich, aber ich habe mir natürlich schon einige Videos über ihn angeschaut. Das sieht sehr gut aus! Anton Gavel war schon immer einer meiner Lieblingsspieler in der Liga. Er ist ein absoluter Profi, hart zu anderen, aber auch hart zu sich selbst. Genau der Typ, den du in deiner Mannschaft haben willst. Ich freue mich schon sehr, ihn endlich näher kennenzulernen.

Was fehlt Ihnen in München bisher – was muss sich noch besser entwickeln?

Unsere größte Aufgabe sollte es sein, noch mehr Fans für Basketball zu gewinnen. Sodass die Halle immer ausverkauft ist – egal wann und egal gegen wen. Natürlich muss so eine Fanbasis auch wachsen und entsteht nicht von heute auf morgen. Aber es liegt auch ganz maßgeblich in der Verantwortung von uns Spielern, die Menschen zu begeistern. Was ich mir wünsche: Dass die gegnerischen Mannschaften sich fürchten, in den Audi Dome zu kommen. Weil sie gegen die beste Mannschaft der Liga spielen – und die besten Fans.

 

 


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