03
Jun

BIG-Appetizer: Interview mit Dirk Bauermann

dibau

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Dirk Bauermann aus der BIG #31.

DIRK BAUERMANN ist der erfolgreichste deutsche Basketballtrainer aller Zeiten. Mit Leverkusen und Bamberg gewann er haufenweise nationale Meisterschaften und Pokale. Mit der Nationalmannschaft sicherte er sich 2005 EM-Silber und nahm 2008 an den Olympischen Spielen teil. Zudem ist er der erste und bisher einzige deutsche Trainer, der Vereinsmannschaften in Griechenland und Litauen trainierte. Im BIG-Interview spricht er über seine Zukunftspläne, seine Zeit beim FC Bayern und über Möglichkeiten, die Nationalmannschaft weiterzuentwickeln. Dabei stellt er der deutschen Sportpolitik ein Armutszeugnis aus.

Dirk Bauermann, Sie haben derzeit noch keinen neuen Job als Trainer und die Hamburg Towers werden ihr Projekt wohl in der nächsten Saison in der ProA starten. Wäre der Trainerposten in Hamburg interessant für Sie? Schließlich haben Sie mit dem FC Bayern München schon mal ein ambitioniertes Team aus der ProA in die BBL geführt.

Dirk Bauermann: Ich habe zuletzt in Rytas ein Euroleague-Team geleitet und die polnische Nationalmannschaft betreut. Wenn es sich nicht um ein Projekt handelt, das eine ähnliche Strahlkraft wie das des FC Bayern München hat, kommt es für mich sicher nicht infrage, noch mal ein ProA-Team zu coachen. Allerdings weiß ich über das Hamburger Projekt nicht sehr viel, außer dass Pascal Roller dort sehr gute Arbeit leistet.

Dürfen wir Sie denn in der nächsten Saison wieder in der BBL erleben?

Ich würde natürlich liebend gerne wieder in der BBL arbeiten. Es würde mich freuen, wenn ich bei einem deutschen Verein wieder über einen längeren Zeitraum arbeiten könnte. Denn da sehe ich eher meine Stärken, als irgendwo kurzfristig als Feuerwehrmann einzuspringen.

Käme auch ein weiteres Engagement im Ausland infrage?

Wenn es sportlich stimmt und auch die Rahmenbedingungen solide sind, dann ist auch ein weiteres Engagement im Ausland interessant.

In Rytas wurden Sie entlassen.

Eine Entscheidung des Präsidenten, die Mannschaft und Fans sehr bedauert und auch nicht wirklich verstanden haben. Nach einer sehr guten Phase mit der Euroleague-Qualifikation und dem Sieg gegen Panathinaikos sind wir in ein Loch gefallen. Vor allem deshalb, weil Präsident und Manager entschieden hatten, alle VTB-Auswärtsspiele im Oktober, im November und im Dezember zu spielen, um dem schlechten Winterwetter in Russland zu entgehen. Darauf habe ich in Interviews auch kritisch hingewiesen. Das hat für großen Unmut gesorgt und in solchen Vereinen wird dann schnell die Reißleine gezogen. Außerdem ist es im Ausland immer schwerer, man muss dort immer deutlich besser sein, als die Trainer vor Ort. Man muss die Erwartungen nicht nur erfüllen, sondern sie sogar noch übertreffen. Sonst gerät man sehr schnell ins Schussfeuer der Kritik und das vielleicht schneller als Trainer aus etablierten Basketballnationen. Denn das Standing, das deutsche Trainer haben, ist in Europa noch nicht so furchtbar hoch.

Der polnische Verband wollte Sie hingegen unbedingt als Trainer halten. Auch NBA-Star Marcin Gortat bat Sie um eine Vertragsverlängerung. Warum lehnten Sie das Angebot dennoch ab?

Der polnische Verband wollte mit mir eine langfristige Zusammenarbeit vereinbaren. Wenn ich gleichzeitig bei einem Verein in einer langfristigen Vertragssituation wäre und der Verein damit kein Problem hätte, dass ich im Sommer auch eine Nationalmannschaft betreue, dann hätte ich das sehr gerne gemacht. Es ist ja schließlich immer etwas Besonderes, eine Nationalmannschaft bei großen Turnieren zu betreuen.

Aber Sie haben derzeit noch keinen Verein.

Und deswegen konnte ich das Angebot des polnischen Verbandes nicht annehmen. Denn wenn bei meinem neuen Verein im Sommer die Rekrutierungsphase beginnt, dann muss ich dem Verein sieben Tage in der Woche für 24 Stunden zur Verfügung stehen und mich nicht irgendwo mit einer Nationalmannschaft im Ausland befinden. In einem zweiten oder dritten Jahr wäre eine Doppelfunktion dann schon eher vorstellbar. Deswegen habe ich mich dann schweren Herzens dazu entschlossen, nicht als polnischer Nationaltrainer weiterzumachen.

Vor gut vier Jahren hatten Sie ebenfalls eine Doppelfunktion inne, als Sie Ihre Amtszeit beim FC Bayern begonnen haben. Ein Jahr später mussten Sie dafür sogar Ihren Posten als Bundestrainer niederlegen, da die BBL Regularien eine Doppelfunktion verbieten. Würden Sie diese Entscheidungen heute noch einmal so treffen?

Den DBB zu verlassen, ist mir sehr schwergefallen, dennoch bedauere ich diese Entscheidungen nicht! Ich habe mir die Dinge damals gut überlegt, mehr kann man nicht tun. Der FC Bayern ist ein Weltverein, der der Entwicklung des Basketballs in Deutschland enorm weiterhilft. Die große Chance, den Basketball in München zu etablieren, durfte man also nicht vertun. Da der FC Bayern sein Projekt ohne mich damals nicht gestartet hätte, musste ich mich ein Jahr später schweren Herzens vom Amt des deutschen Nationaltrainers trennen. Zusätzlich habe ich für mich persönlich die Möglichkeit gesehen, eine europäische Spitzenmannschaft zu formen.

Sie haben sich damals voll und ganz mit dem Verein identifiziert, wurden dennoch entlassen. Nehmen Sie den Verantwortlichen diese Entscheidung immer noch übel?

(überlegt lange) Die Dinge sind anders gekommen, als ich es erwartet hätte. Ich glaube, dass meine zwei Jahre für den Basketball beim FC Bayern gute Jahre waren. Über die drei Monate, in denen viele ungute Sachen passiert sind, lohnt es sich nicht mehr zu reden. Denn es gibt Dinge im Leben, bei denen es besser ist, wenn man einen Strich drunter macht und nach vorne schaut.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Schadet diese Entwicklung dem Basketball in München?

Das kann letztlich niemand wirklich genau sagen. Aber ich glaube, dass er dem Basketball als Galionsfigur fehlen wird, weil er das Thema im Verein auch mit einem großen persönlichen Engagement nach vorne getrieben hat. Ohne Uli Hoeneß wäre die Entwicklung in den letzten vier Jahren völlig undenkbar gewesen.

Müssen die Bayern Meister werden, um die neuen Entscheidungsträger davon zu überzeugen, weiter in den Basketball zu investieren?

Ich hoffe, dass der Basketball in München jetzt auf einem so hohen Niveau angekommen ist, dass es auch ohne Uli Hoeneß geht. Denn die Bayern sind für den Basketball in Deutschland nach wie vor ein wichtiges Zugpferd und der mit Abstand erfolgreichste international spielende Verein. Insofern wäre es sehr schade, wenn es wieder in die andere Richtung geht. In jedem Fall stehen die Bayern unter gehörigem Druck. Sie haben den höchsten Etat der Liga und geben sich mit zweiten Plätzen nicht zufrieden. Eine Meisterschaft hilft also immer, um zusätzliche Kräfte freizumachen.

Den Bayern stehen einige Stützen der Nationalmannschaft zur Verfügung. Heiko Schaffartzik bekommt allerdings nur 20 Minuten Einsatzzeit, Lucca Staiger und Robin Benzing sogar nur 16! Sehen Sie darin ein Problem?

Nein, überhaupt nicht! Es gibt in den Teams der Euroleague nur ganz wenige Spieler, die mehr als 20 Minuten spielen. Wenn man zwei- bis dreimal in der Woche auf diesem Niveau mit der höchsten Intensität spielt, dann sind da sowieso nicht viel mehr Minuten möglich. Denn entscheidend ist für Spieler wie Heiko, Lucca oder Robin, dass sie auf höchstem europäischen Niveau spielen. Sie sind in einer Karrierephase, in der sie wöchentlich gegen die besten Spieler Europas spielen müssen, um besser zu werden. Deswegen ist es besser, wenn ein etablierter Nationalspieler zweimal in der Woche bei einem europäischen Spitzenverein 16 Minuten spielt, als einmal in der Woche 32 Minuten bei einem guten Verein der BBL.

Allerdings bekommen viele deutsche Talente immer noch deutlich weniger Spielzeit.

Wenn die Spielanteile im Bereich von 15 bis 20 Minuten liegen, ist das in Ordnung. Wenn es nur fünf Minuten sind, ist das natürlich keine so gute Idee. Spieler, die noch in der Findungsphase ihrer Karriere und 19 bis 22 Jahre alt sind, müssen so viel spielen wie es geht. Wenn sie das bei den Bayern, in Berlin, Bamberg oder Oldenburg können, dann ist das in Ordnung. Aber wenn sie das nicht können und als zwölfter Mann durch Deutschland oder Europa fahren, dann sollten sie überlegen, ob das die richtige Situation für sie ist. Sie müssen die richtigen Entscheidungen treffen, die von dem Gedanken geleitet werden, wie sie sich am besten entwickeln und nicht davon, wo sie am besten verdienen können.

In anderen Top-Ligen sind die Spielanteile der Inländer deutlich höher. Muss man also die Quote verändern?

Die Konsequenz, vor allem auf eine weitere Veränderung der Quote zu setzen, ist zu kurz gegriffen. Ich bin überzeugt, dass es jetzt vielmehr darum geht, unsere Talente besser auszubilden und sicherzustellen, dass wir die Kinder und Jugendlichen, die für unsere Sportart wirklich talentiert sind, finden und nachhaltig an uns binden.

Wie kann das geschehen?

Dafür sind gemeinsame Programme und eine noch bessere Ausbildung der Trainer notwendig. Die zweifellos erreichten Fortschritte durch die Einführung von JBBL und NBBL sowie die früheren Sichtungsmaßnahmen des DBB reichen nicht aus. Das Problem der Verzahnung von Jugendleistungssport und Schule ist nach wie vor ungelöst. Die Politik lässt den Sport massiv im Stich!

Sie fordern also mehr Unterstützung vom Staat für den deutschen Basketball?

Der Jugendleistungssport ist bei uns vollkommen unterfinanziert, ein Armutszeugnis für die Sportpolitik des reichsten Landes in Europa. In Ländern wie Spanien und Frankreich investiert der Staat hohe Summen in Trainer, die in regionalen Stützpunkten arbeiten. Es gibt dort mindestens zehnmal so viele Jugendleistungstrainer wie bei uns.

Auch die infrastrukturellen Möglichkeiten für deutsche Jugendspieler sind anders als im europäischen Ausland.

Man muss den Alltag von Jugendspielern so strukturieren, dass die Schule nicht auf der Strecke bleibt. Auch da hinkt der deutsche Sport massiv hinterher. Wenn wir einen guten Jugendspieler aus der BBL wie Allstar-MVP Max Ugrai aus Würzburg nehmen, der in diesem Sommer sein Abitur macht, dann bin ich mir sicher, dass er in den letzten zwei Jahren deutlich weniger trainiert hat als ein vergleichbarer Spieler in Serbien oder in Spanien. Das hat weder etwas mit dem Verein noch mit den Trainern zu tun, sondern mit den Strukturen, in denen unsere jungen Spieler trainieren müssen. Da muss in Zukunft dringend etwas passieren. Doch die Politik lässt den Sport dabei gnadenlos im Stich.

Was sollte die Politik anders machen?

Wir sind das reichste Land in Europa, eine sinnvolle Verzahnung von Basketball und Schule muss, auch wenn sie eine Menge Geld kostet, möglich sein. Doch das ist nicht der Fall! Es geht darum, einem 17-jährigen Jungen, der aufs Gymnasium geht oder die mittlere Reife macht, die Möglichkeit zu bieten, täglich fünf bis sechs Stunden trainieren zu können. In anderen Ländern ist dies möglich. Genau! Wir sind in unserer Sportart in Europa im oberen Mittelfeld. Den Handballern geht es mittlerweile nicht anders. Die strukturellen Probleme sind ähnlich. Eine starke Liga ist wichtig, aber wir brauchen eine ebenso starke Nationalmannschaft!

Bei der EM hat der DBB kein klares Ziel formuliert und wurde dafür nach dem frühen Ausscheiden massiv kritisiert. Wäre man besser beraten gewesen, damals öffentlich keine klare Zielvorgabe zu präsentieren?

Das will und kann ich nicht bewerten. Fakt ist, dass verschieden Leistungsträger die EM abgesagt hatten. Nicht einmal die Spanier können es sich erlauben, einige ihrer Leistungsträger nicht dabeizuhaben. Nur wenn ausnahmslos alle infrage kommenden Spieler sich ohne Wenn und Aber für die Nationalmannschaft zur Verfügung stellen, sind gute Ergebnisse möglich. Bei der Generation um Dirk Nowitzki, Patrick Femerling und Ademola Okulaja war das nicht anders, obwohl sie großen Belastungen ausgesetzt waren. Diese Spieler sind Jahr für Jahr zu den Lehrgängen der Nationalmannschaften erschienen. 2004 hat auch ein Dirk Nowitzki die EM-Qualifikation gespielt. Es darf für keinen Spieler eine Option sein, für einen oder zwei Sommer mit der Nationalmannschaft zu pausieren.

Eine Forderung, die auch Bundestrainer Frank Menz im BIG-Interview stellte.

Diese Forderung ist mehr als berechtigt! Man muss von allen Spielern fordern, dass sie darum kämpfen und alles dafür tun, um für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Dennis Schröder, Elias Harris und Tim Ohlbrecht kämpften im letzten Sommer um ihre NBA-Chance. Darf auch das in Zukunft kein Grund mehr für eine Absage sein?

Sich für ein NBA-Team zu empfehlen, kann ein legitimer Grund sein, denn einige NBA-Teams sagen: Entweder du spielst für uns in der Summer-League oder du kannst gleich einen Vertrag in Europa unterschreiben. Aber man kann die Dinge auch verbinden. Der litauische NBA-Spieler Jonas Valanciunas hat erst die komplette NBA-Sommerliga gespielt und ist dann zum Team dazugestoßen. Wenn man will, kann man Lösungen finden. Wenn der Spieler wirklich alles versucht, aber es geht einfach nicht, dann wird ihm keiner böse sein.

Für Dirk Nowitzki wird es in jedem Fall eine Ausnahmeregelung geben. Werden wir ihn noch mal im Nationaltrikot sehen oder sollte er seine Karriere im DBB-Dress lieber beenden?

Selbst wenn er 40 ist, wird Dirk Nowitzki noch immer ein großer Gewinn für die deutsche Nationalmannschaft sein und es wäre großartig, wenn er noch einmal für Deutschland spielen würde. Aber das sind Dinge, die er ganz alleine entscheiden muss. Er war immer in vorbildlicher Weise für die Nationalmannschaft und den Basketball in Deutschland da, auch in für ihn schwierigen Zeiten wie im Sommer 2006, als Dallas sehr unglücklich die NBA-Finalserie gegen Miami verloren hat. Insofern ist und war er immer ein großes Vorbild für alle Nationalspieler.

 

 

 

 


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