20
Mär

„Leben ist immer“ - Interview mit Oskar Fassler

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OSKAR FASSLER beendete vergangenen Sommer fast unbemerkt seine Karriere – mit erst 25 Jahren. Der Berliner gab den Basketball fur einen ungewohnlichen Weg auf. In BIG spricht der ehemalige Guard uber seine Liebe zur Meditation, wie Spiritualitat und Basketball zusammenpassen sowie die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt

Von Frank Weiss

 

 

Oskar, warum hast du deine Profi-Karriere so fruh beendet?

Ich habe Mitte der vergangenen Saison in Gie?en gemerkt, dass es fur mich im Leben noch andere Dinge gibt, die mich sehr faszinieren. Meditation, Spiritualitat und Bewusstsein. Themen, die vollig abseits vom Basketball liegen und sich schwer verbinden liessen. Ein weiterer Aspekt war es, dass ich im Basketball kein grosses Ziel mehr vor Augen hatte. Die Vorstellung mich im Trikot der Nationalmannschaft zu sehen, Euroleague zu spielen, oder eine deutsche Meisterschaft zu gewinnen, hat mich nicht mehr gereizt.

Woher kommt das Interesse zur Meditation und Spiritualitat?

Ich glaube es war mit 17 oder 18, als ich auf den Rat von meinem Vater, der damals schon langer Yoga praktizierte, zu meiner ersten Stunde gegangen bin. Dort traf ich meinen ersten Guru (lacht). Er hat mir gezeigt, wie man sich bewusst durch eine Atem-Meditation entspannen kann und mit Hilfe von bestimmten Yoga-Positionen, seine Flexibilitat steigert. Da entfachte der erste Funke.

Hat dir die Meditation auch im Basketball geholfen?

Ich denke schon. Ich habe gelernt ruhiger zu sein, mir weniger Gedanken zu machen. Das ist definitiv etwas, dass sich auch hilfreich auf den Sport ausgewirkt hat. Neulich habe ich einen Artikel uber Phil Jackson gelesen, er wird ja auch Zen-Meister genannt, fur ihn hatte Meditation einen festen Platz im Training mit den Spielern der Bulls und Lakers. Er sprach darin auch uber Michael Jordans Qualitat sich komplett auf den Moment konzentrieren zu konnen und die naturliche Leichtigkeit, die er besass, beim Erlernen dieser neuen Technik. Ich denke der Zustand von kompletter Gegenwartigkeit, ist das was die absoluten Meister ihres Fachs verinnerlicht haben und Mediation ist ein Schritt in diese Richtung. Mich selbst hat am meisten die philosophische Ebene und Tradition hinter der Technik interessiert.

Das hei?t, dass ist jetzt deine Berufung und keine Unterstutzung mehr?

Seit eineinhalb Jahren meditiere ich taglich. Das kommt durch die Erfahrung, dass es mir in meinem Leben sehr geholfen hat, bestimmte Dinge uber mich selbst zu lernen. Den Weg, den ich gehen will, ist mehr Bewusstsein in die Welt zu bringen. Ich war in San Francisco auf der Wisdom 2.0. Konferenz, dort ging es um Weisheit in Wirtschaft, Bildung und Technologie auch der Sport-Psychologe Michael Gravis von den Seahawks war dabei. Im Zentrum stand die Frage: wie konnen wir, als Gemeinschaft besser miteinander umgehen und Werte wie Mitgefuhl und Achtsamkeit in die Arbeitswelt integrieren? Das sind Dinge die leider noch sehr im Abseits stehen, doch es war fur mich eine tolle Erfahrung einige Unternehmen und Menschen kennenzulernen, deren absolute Proritat die Verinnerlichung solcher Werte ist.

Einige Tage vor der Konferenz, hatte ich sogar die Chance auf dem Facebook Campus zu sein, wo es nicht ungewohnlich ist Buddhistische Monche anzutreffen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Menge an Information exponential zunimmt und es ist essentiell , die Fahigkeit zu besitzen, diesen Strom unterbrechen zu konnen, um uns unserer wahren Natur bewusst zu werden. Andernfalls machen wir uns kaputt. Fur mich gibt es noch viel zu lernen, aber vielleicht kann ich irgendwann etwas davon zuruckgeben. Anderen Leuten zeigen: So funktioniert Meditation. Es gibt ein cooles Studium in Berkeley. Da geht es nur um Bewusstsein.

Gab es ein Schlusselerlebnis fur dich, das dich dazu gebracht hat noch tiefer in die Materie einzusteigen?

Es hatte mich schon immer sehr interessiert. Irgendwann in der Mitte meines zweiten Jahres in Trier, kam der Punkt, an dem ich mich total unwohl und geschwacht fuhlte.

Was war passiert?

Ich hatte lange Zeit Magenprobleme und merkte, dass sich meine korperliche Verfassung kontinuierlich verschlechterte. Da habe ich uberlegt: Okay, was kann ich tun? Das war vielleicht der Schlusselmoment: Ich musste etwas andern, weil so konnte es nicht weitergehen. Es geht ja im Leben nicht darum, sich schlecht zu fuhlen.

Was war der Grund fur das Unwohlsein? Die Situation in Trier war ja nicht schlecht.

Nein, es war eine gute Situation. Ich spreche hier nur von mir. Das hatte weniger mit den au?eren Umstanden zu tun. Es war einfach so, dass ich schon immer einen starken Willen hatte. Im Training war ich sehr engagiert, habe es aber nicht geschafft, mir Pausen zu gonnen. Den Sommer hatte ich mit der A2-Nationalmannschaft verbracht und in der Vorbereitung darauf einen Verdacht auf eine Herzmuskelentzundung, als es dann in die Saison mit Trier ging, war ich immer noch enorm angeschlagen, hinzu kamen die angesprochenen Magenprobleme. Ich wusste damals nicht was es bedeutet Dinge los zu lassen, und auf sich zukommen zu lassen.

 

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(Oskar Fassler in San Francisco)

 

Was hast du bisher uber dich gelernt?

Ich wurde sagen, dass ich nicht meine Gedanken bin.

Das hei?t?

Da kommen wir wieder auf Bewusstsein zu sprechen. Stell dir mal die Frage: Was ist mein nachster Gedanke? Du wirst bemerken das dort eine Stimme spricht, da stellt sich die Frage: Was ist es, dass diese Stimme wahrnimmt? Wer hort diese Worte im Kopf? Das ist Bewusstsein. Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass rund 85% der Gedanken, die wir Menschen denken, problematischer Natur sind und die Gewohnheit besitzen, sich um die gleichen Themen zu drehen. Es kann ein schreckliches Leben sein, wenn man in der totalen Identifikation mit seinen Gedanken lebt. Die Stimme im Kopf wird zum Feind im eigenen Korper und ist die Geburt einer illusionaren Identitat. Diese Ego-Identiat, ist permanent darauf aus, sich in der Welt zu verteidigen und sieht sich getrennt vom Ganzen. Das Tolle ist, dass durch die Bewusstewerdung dieser Struktur, sich auch die ursprunglichen Gedanken verandern konnen und dass, das Leben eine neue Qualitat gewinnt.

Sind die Gedanken meist extern beeinflusst?

Oh, ja. Das kommt sehr haufig vor. Das nennt sich Konditionierung. Es sind Verhaltensweisen die wir uns fruh antrainiert haben, um mit bestimmten Situationen fertig zu werden. Die Art und Weise wie wir erzogen wurden, was wir uns von unseren Freunden abgeschaut haben. Das konnten Muster sein wie: “Du musst immer gut drauf sein”, oder umgedreht “Hier darfst du dich nicht so freuen.”. Oder spater dann der Trainer: “Du darfst nur Defense spielen. Du darfst nicht dribbeln. du musst immer ernst sein.” oder anders herum “ Du bist der allerbeste.” “Die anderen sind alles Schwachlinge”. “ Nur du hast es verdient auf den Korb zu werfen” Das sind Programme, die wir uns unterbewusst aufladen und fur unsere Wahrheit halten. Es gibt Dinge im Leben, die zum Teil sehr hilfreich und wundervoll sind aber auch sehr destruktive Angewohnheiten, die wir als Ballast mit uns schleppen. Das Gluckliche dabei ist, sich klarzumachen: Welche Gedanken sind hilfreich, und welche sind totaler Quatsch?

Wie kann man das fur sich nutzen?

Es gilt, sich mit Mut die destruktiven Muster anzuschauen. “Stimmt es, dass ich nur verteidigen kann?” Da fallt mir Alex King ein. Ich finde es toll, wie er seinen Wurf entwickelt hat. Er ist ein klassisches Beispiel von: “Warum soll ich eigentlich nicht ein super Werfer sein?” Vielleicht hat ihm Murat Didin fruher gesagt: Du darfst nicht werfen! Ich wei? nicht, ob es so war. Doch dann steht man der Dreierlinie und denkt: Ich darf nicht werfen! Das muss schrecklich sein. Bis ein Trainer kommt und sagt: “Komm, wir arbeiten an deinem Wurf. Guck mal, wie oft du frei stehst.”, oder man stellt sich alleine in die Halle und fangt an mit Freude den Ball in den Korb zu werfen bis es immer besser klappt.

Wie hast du dich in den vergangenen eineinhalb Jahren verandert?

Ich achte darauf, dass ich Dinge mache, die mir Freude bereiten, die mir gut tun. Und von den Dingen, die ich gefunden habe, habe ich mehr gemacht. Das hei?t nicht, das ich auf jede Party renne und mit zehn nackten Madels gleichzeitig im Whirlpool sitze (lacht). Sondern mir uberlegt habe, was interessiert mich, wo kann ich lernen?

Und das liegt vor allem im Bereich Spiritualitat? Oder gibt es auch ganz profane Dinge?

Ja ich liebe diesen Bereich und habe viel Selbststudium betrieben. Ansonsten habe ich Dinge gemacht die meine Kreativitat gefordert haben. Gitarre gespielt. Mich mit Freunden getroffen, oder bin in die Natur gegangen.

War es schwer innerhalb der Mannschaft uber deine Interessen zu sprechen?

Als ich anfing zum Yoga zu gehen, habe ich das nicht gro? erzahlt, mein Gefuhl war, dass es nicht passen wurde. Ich hatte auch sagen konnen: “Lass uns alle mal meditieren” , hab mich aber einfach nicht getraut.

 

(Oskar Fassler im Trikot der TBB Trier)

 

Hast du mit niemanden daruber gesprochen, dass du aufhorst?

Als mir in Giessen klar wurde, das es meine letzte Saison als Profi sein wird, habe ich vereinzelt Leuten in meinem Freundeskreis und meiner Familie davon erzahlt. Von meinen Teammates und ehemaligen Mitspielern, nur Dominik Spohr und Nate Linhart, weil ich zu der Zeit nicht wollte, dass es die Mannschaft beeinflusst.

Du warst also eher allein, als du die Entscheidung gefallt hast?

Ich wurde nicht sagen das ich mich allein gefuhlt habe, ich hatte die Chance mich mit den Leuten auszutauschen, die mir in der Situation helfen konnten und bin dafur sehr dankbar.

Das halbe Jahr in Gie?en hast du aber noch gut durchgezogen.

Auf jeden Fall. Leider war es durch die finanziellen Probleme schwierig, konkurrenzfahig zu sein. Doch es hat Freude gemacht. Wir waren trotz der schwierigen Zeit eine Einheit. Ich habe da nicht abgeschaltet. Ich denke, das wird in Gie?e auch jeder bezeugen konnen. Es war nicht so, dass ich keinen Bock mehr hatte. Etwas anderes ist fur mich einfach wichtiger geworden.

Mit dem Druck als Profi-Sportler hatte es nichts zu tun?

Nein. Das wurde ich nicht sagen. Druck ist die Stimme im Kopf uber die wir etwas fruher gesprochen haben. Die Stimme die nie genug hat. Mir ist in Trier klargeworden, dass ich das nicht bin.

Wie waren die Reaktionen auf deine Entscheidung?

Ich wurde von allen Seiten unterstutzt. Mein damaliger Manager Jan Rohdewald sagte: “Oskar, ich kann das verstehen. Geh dein Weg”. Bei allen aus der Basketball-Welt war es ahnlich. Diese Anerkennung bedeutet mir sehr viel und erfullt mich mit Dankbarkeit. Ich muss lachen, denn ich habe bei einem Italiener in Berlin Henning Harnisch getroffen, der meinte: “Du fangst wieder an! Er hat es unterstutzt, sagte aber: Irgendwann packt es dich wieder.” Vielleicht, ich wei? es nicht.

Henning Harnisch ist doch bestimmt jemand, der das gut nachvollziehen kann.

Ich glaube ja. Henning ist auch ein Philanthrop (lacht). Es gab wirklich von allen Seiten Unterstutzung.

Du hast gesagt, dass du dich zunachst nicht so getraut hast so offen uber diese Interessen zu sprechen. Hat dich das jetzt selbstbewusster gemacht?

Es hat sich auf jeden Fall etwas verandert. Allein das Gesprach, das wir jetzt fuhren, zeugt davon. Spiritualitat ist der Teil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr verdrangen will und es ist so interessant von Menschen zu horen, die sich auch damit beschaftigen und trotzdem ein weltliches Leben fuhren. Ob Phil Jackson , Personen aus der Wirtschaft oder Freunde, die ich in den USA kennenlernen durfte..

Dort liegt dann auch deine berufliche Perspektive?

Gute Frage, kann man damit Geld verdienen? Ehrlich gesagt ist das fur mich zweitranging. Es geht fur mich darum, mehr Bewusstsein in die Welt zu bringen. Das Leute anfangen sich zu fragen: Was ist es, das ich hier mache? Macht es mich glucklich? Hilft es den anderen? Baut es mehr auf, oder zerstort es? Unser Planet ist in einer wirklich traurigen Verfassung. Das lasst sich nur noch schwer leugnen. Wir sind in der glucklichen Lage, Dinge verandern zu konnen, deshalb bin ich auf die Konferenz nach San Francicso gefahren, um Menschen kennenzulernen, die etwas anders machen wollen. Ich personlich empfinde totales Gluck mir solche tolle Reisen leisten zu konnen und diese Ubergangsphase ohne finanziellen Druck zu erleben. Hier in der Bay Area rund um San Francisco gibt es tolle Moglichkeiten, coole Start Ups und auch spannende Studiengange, wie der in Berkeley. Anfang April, habe ich die Chance hinunter nach Ojai fahren, eine Stunde nordlich von Los Angeles, um einen ehemaligen NFL Profi zu treffen der seit 30 Jahren Meditation unterrichtet, das wird cool.

Kannst du dir vorstellen, in einer unteren Liga nochmal zum Spass zu spielen?

Vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt wieder. Mein Korper freut sich derzeit mal Ruhe zu haben. Seitdem ich zwolf bin, habe ich fast taglich trainiert, meistens sogar zweimal am Tag. Mal schauen was der Sommer bringt, und wer weiss vielleicht treffe ich Steph Curry auf einem der vielen Freiplatze hier.(lacht)

Die gro?e Frage zum Abschluss: Was kommt nach dem Tod?

Ich glaube fest an die Wiedergeburt. Es wird ja unterschieden zwischen Korper, Geist und Seele. Mit 18 hatte ich mal so eine „ouf of body“ Erfahrung. Das war irre. Da wollte ich gar nicht zuruck in den Korper. (lacht) Da habe ich gemerkt: da ist mehr als diese Form.

Wie sehr entspannt der Glaube an eine Wiedergeburt?

Sich vorzustellen, was nach dem Tod passiert ist ein existenzielles Thema. Die Angst vor dem Tod zu verlieren, bedeutet zu erkennen, wenn ich sterbe, geht es weiter. In die naechste Runde sozusagen. In der Dualitat der Dinge wird oft zwischen Leben und Tod unterschieden, in Wahrheit sind die Gegensaetze Geburt und Tod. Leben ist immer.


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