06
Feb

BIG-Appetizer: Interview mit Sasa Obradovic

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Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Sasa Obradovic aus der BIG #27.

SASA OBRADOVIC gehört zu den schillerndsten Trainern der Beko BBL. Das Temperament des Coaches von Alba Berlin ist bekannt und bei vielen umstritten. Doch der ehemalige Point Guard ist ein Mensch, der reflektiert. Über den Sommer hat er an sich gearbeitet. Im BIG-Gespräch verrät er, was ihm Trainer-Legenden wie Ettore Messina geraten haben, wie ihm ein Sport-Psychologe half und wie er als Spieler mit den Ausbrüchen seiner Coaches klarkam.

Sasa Obradovic ist pünktlich. Wir treffen uns in einem Café unweit des Kurfürstendamms und der Geschäftsstelle von Alba Berlin. Drei Tische weiter sitzt Hertha-Profi Christoph Janker. Obradovic stöhnt noch einmal über die Heimpleite gegen Bremerhaven wenige Tage zuvor. Lange habe er nicht so an einer Niederlage zu knabbern gehabt wie an dieser. Mit dem Besitzer des Cafés parliert er kurz auf Italienisch. Zwei Jahre spielte der ehemalige Point Guard in Rom. Virtus Rom ist auch der Gegner am nächsten Tag. Ein Sieg und Alba wäre in der nächsten Runde des Eurocups. Es wird ein besonderes Spiel, weil der Klub für diese eine Partie zurück in die Max-Schmeling-Halle muss. Die Stätte der größten Erfolge.

Wer Sasa Obradovic abseits des Basketballs trifft, nicht in der Hitze des Gefechts, der lernt einen anderen Menschen kennen. Seine Stimme ist fast leise, zurückhaltend. Immer wieder zeigt sich ein Lächeln auf seinem Gesicht. Er bestellt einen doppelten Espresso. Derzeit verzichte er bis zum orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar auf Milchprodukte und rotes Fleisch, erzählt er. Das habe auch etwas Religiöses, doch hauptsächlich sei dies für ihn eine Gesundheitsfrage. Wer ihn öfter an der Seitenlinie sieht, könnte sich um seine Gesundheit auch Sorgen machen. Noch immer ist Obradovic voller Leidenschaft dabei. Doch er hat sich verändert. Die Ausbrüche an der Seitenlinie sind seltener geworden. Das soll unser Thema sein.

Herr Obradovic, Sie sind an der Seitenlinie auffallend ruhiger geworden. Was steckt dahinter?

Das war ein Prozess. Ich musste mir klarmachen, dass eine Überreaktion kontraproduktiv sein kann. Was auch immer von außen behauptet wird, ich schreie nicht nur, um zu schreien. Dabei geht es auch immer um Informationen, es besser zu machen. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass ich diese Seite an mir ändern muss. Viele Menschen haben mir das auch gesagt. Darunter auch einige meiner ehemaligen Trainer. Wenn man überreagiert, besteht die Gefahr, dass die Spieler Probleme bekommen, den Ansprüchen gerecht zu werden. Ich habe auch festgestellt, dass es manchmal besser ist, bestimmte Fehler zunächst zu übergehen, nicht darauf zu reagieren und diese lieber im Training anzusprechen. Auch da habe ich meine Ansprache an die Spieler geändert. Gerade in dieser Saison ist es schwieriger, die Spieler so zu behandeln, wie ich früher behandelt wurde. Meine Kriterien und Ansprüche an das Spiel sind weiterhin hoch. Doch in der Ansprache, in der Beziehung zu den Spielern, habe ich mich geändert.

David Logan vergleicht Sie mit Zeljko Obradovic, einem einer Ihrer ehemaligen Trainer.

Er meint, wir wären uns sehr ähnlich. Klar, ich habe viele Jahre unter ihm gespielt. Und wenn man sich als junger Trainer ein Vorbild sucht, nimmt man den Besten. Und er ist der Beste, und wahrscheinlich wird ihn niemand einholen, allein was die Euroleague-Titel angeht. Man lernt immer von den Besten. Sein Philosophie, was das Leben und den Basketball angeht, ist auch meine. Aber ich muss auch Pesic und Ivkovic nennen. Sie gehören auch zu den Besten. Untern ihnen haben ich gespielt und viele Erfahrungen gesammelt. Das Wichtigste war dabei: Wir hatten auch Erfolg. Doch natürlich ist jede Situation anders. Zeljko zum Beispiel hat in seiner Karriere meist mit den besten Spielern gearbeitet. Das waren Spieler, die auf ihn und seine Art reagieren konnten.

Sie meinen, Spieler mit mehr Erfahrung können mit seiner Art des Coachings besser umgehen?

Genau. Eine andere Unterhaltung hatte ich mit Ettore Messina von ZSKA, gegen den wir vergangene Saison spielten. Ich hatte ihn gefragt, wie das in der NBA ist. Wie die Trainer dort ein Team führen. Da gibt es keine großen Motivationsreden in der Kabine. Die wichtigsten Spieler, die Stars, sind nicht nur die Hauptakteure auf dem Court, sondern auch für die Stimmung, die Atmosphäre zuständig. Die Trainer sind mehr Manager. Er sagte mir, nachdem er mich an der Seitenlinie gesehen hatte: Du solltest das ändern. Früher konnte man die Spieler auf den Kopf stellen und erhielt die gewünschte Reaktion. Heute fühlen sich die Spieler bei zu starker Kritik angegriffen. Junge Spieler wissen oft nicht, wie sie mit dieser Kritik umgehen sollen, und man bekommt nicht die erhofften Reaktionen auf dem Court. Sie sind dann nicht mehr produktiv. Das war eine der Geschichten, wo ich gedacht habe: Okay, ich muss etwas ändern, ruhiger werden. Natürlich gibt es immer noch Ausbrüche, wenn ein Spieler wichtige Dinge auf dem Court nicht tut. Doch ich denke, das ist viel seltener geworden.

 

Schnitt in die Max-Schmeling-Halle am nächsten Abend. Alba hat keinen guten Start in die Partie gegen Rom, liegt schnell 0:6 hinten.  Ist das Spiel in der anderen Hälfte, ist Obradovic meist einen oder zwei Schritte außerhalb der Coaching-Zone. Er beklatscht eine gute Defense-Aktion von Jagla und Hammonds. Immer wieder treibt er das Team an. Fordert seine Spieler mit ausholenden Armbewegungen zum Pressing und zum schnelleren Spiel nach vorn auf. Bei den Auswechslungen klatscht er die Spieler ab.

 

Sie haben über Ihre ehemaligen Trainer gesprochen. Wie sind Sie als Spieler mit dem harten Umgangston klargekommen?

Die Trainer waren erst mal sehr respektiert. Es gab keine Diskussionen: Ist das gut oder schlecht? Es war immer alles gut. Wir mussten es einfach machen. (lacht) Doch ich denke, das ist die beste Philosophie: Man coacht die Spieler. Ich habe immer versucht, die Trainer zu unterstützen, wollte verstehen, was sie wollen. Natürlich konnte man nicht immer alle Dinge erfüllen, die von einem verlangt wurden. Manchmal gibt es auch Überreaktionen von Spielern gegenüber dem Trainer. Auch das ist normal. Ich habe meine Meinung gesagt, und das war auch schon mal emotional. Doch später, wenn man ein Einzelgespräch hatte, Argumente ausgetauscht hatte, kam man schnell wieder auf eine gemeinsame Basis. Das klingt vielleicht überheblich, aber überall, wo ich in meiner Karriere war, habe ich positive Spuren hinterlassen. Viele wollten mich zurückhaben. Als wir neulich in Rom spielten, wurde ich sehr freundlich begrüßt. Die Fans haben sogar die alten Lieder gesungen. Das war sehr emotional. Auch Alba und Roter Stern habe ich damals im Guten verlassen.

Aber Sie hatten auch Ihre Diskussionen mit Ihren Trainern?

Natürlich. Ohne ist unmöglich. Es konnte auch mal laut sein. Doch das durfte man nicht mit auf den Court nehmen. Wenn die Frustration auf dem Court zu spüren ist, wird es für beide Seiten schwer. Das müssen Spieler verstehen: Man darf seine Frustration nicht mit auf den Court nehmen.

Mit wem hatten Sie die größten Konflikte?

Da ist eine Geschichte, die mich sehr frustriert hat. Es war 1995, als wir Europameister geworden sind. Ivkovic war der Trainer. Da gab es einen Vorfall, den kein Trainer gerne sieht. Ich hatte auf dem Court eine heftige Diskussion mit Djordjevic. Ich hatte ihn schon am Jersey gepackt. Aber das war nur eine Reaktion auf ihn. In der Kabine war es dann kurz vor einer Prügelei. Ivkovic stellte sich auf die Seite von Djordjevic. Das war nicht fair. Ich war wirklich sauer. Djordjevic hat sich mir gegenüber nicht korrekt verhalten. Es ging um werfen oder nicht werfen. Was auch immer. Aber alle haben gesehen, dass es von mir nur eine Reaktion war. Wir hatten das Spiel gewonnen, aber jeder konnte sehen, dass etwas nicht stimmte. Beim nächsten Meeting, es war vor dem Viertelfinale, hat mich Ivkovic vor der Mannschaft kritisiert: So kannst du dich nicht aufführen und bla, bla, bla. Das war extrem frustrierend, aber ich habe nichts gesagt. Vor dem Warm-up kam er dann zu mir und sagte: Ich weiß, dass du recht hattest. Vor dem Team war ich schuldig, im Einzelgespräch war alles gut. Damit hat er mir etwas gegeben. Ich habe dann 30 Minuten gespielt. Dann kam das Finale. Er sagt, das war vielleicht die beste Entscheidung seiner Karriere. Ich kam zunächst nicht zum Einsatz. Er brachte mich dann sieben Minuten. Das Spiel stand auf der Kippe. Es ist hart, dann reinzukommen. Ich machte fünf Punkte, hatte Assists, Steals und wir gewannen das Spiel. Das war ein tolles Erlebnis. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie wir diskutiert haben und Ivkovic mir dann etwas zurückgegeben hat. Doch da gibt es noch viele andere Geschichten. Pesic will ich gar nicht erst erwähnen. (grinst)

 

Zurück in der Max-Schmeling-Halle. Zweites Viertel. Die Partie ist ausgeglichen, aber fahrig. Nach einem Fehler von Hammonds wird Obradovic erstmals laut. Der Guard kommt zur Seitenlinie. Sie wechseln einige Worte. Obradovic schickt seinen Spielmacher mit einem aufmunternden Klaps auf die Brust zurück ins Spiel.


Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien scheinen an der Seitenlinie viel emotionaler zu sein als andere Trainer. Würden Sie dem zustimmen?

Ich frage immer danach: Was kommt dabei heraus? Die Resultate waren meist die besten und sprechen für sich. Da kann sich niemand beschweren. Schauen Sie nur auf die vielen Titel die Ivkovic, Zeljko und Pesic gewonnen haben. Alle drei sind sehr emotional. Auch Ivkovic mit jetzt 70 Jahren.

Warum ist das so?

Das ist einfach das Temperament. Wenn jemand unbedingt gewinnen will, zeigt er Emotionen. Es ist ein Unterschied, ob man rumschreit und nichts dabei sagt. Mit den Jahren sind diese drei aber erfahrener geworden und, ganz wichtig: Alle sind auch harte Arbeiter. Man muss dazu den Mut haben, Konflikte auch zu kreieren. Das haben alle drei getan, um die Anspannung im Team zu halten, damit niemand nachlässig wird. Natürlich gibt es unterschiedliche Philosophien. Messina gehört zu den besten Coaches in Europa. Aber er verliert immer gegen Zeljko Obradovic. Vielleicht wollte der es einfach mehr? Schwer zu sagen. Obradovic war auch ein Spieler, Messina nicht. Vielleicht ist das auch ein kleiner Grund. Doch vor allem ist da die Hingabe bei jedem Training, bei der Erstellung es Gameplans, bei der Analyse.

Wenn man mit Spielern spricht, wie sie mit dieser Art zu trainieren umgehen, sagt zum Beispiel der Bosnier Nihad Djedovic: Ich bin das gewohnt, seit meiner Jugend, ich bin damit aufgewachsen. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Trainer?

Sie waren alle so.

Damit konnten Sie als Jugendlicher umgehen?

Mit der Zeit hat mich das stärker gemacht. Was dich nicht tötet, macht dich stärker. (lacht) Man muss nur mal auf die Statistik schauen: Nicht aus jeder Generation kommen nicht drei Top-Spieler. Vielleicht ist das einer in einem Team. Wenn man zwei hat, ist das gut. Das ist wie eine natürliche Auslese: Wer kann damit umgehen und den nächsten Schritt schaffen?

Wie haben Sie mit Basketball angefangen?

Das war ganz selbstverständlich. Meine Mutter war Trainerin und Sport-Professorin. Meine Schwester hat gespielt und mit Jugoslawien Titel gewonnen. In meiner Nachbarschaft haben alle zuerst Fußball gespielt, dann sind viele zum Basketball gegangen. Sport zu machen gehörte damals dazu, draußen zu sein. Heute mit den Computern ist das ganz anders. Wir hockten nie zu Hause, haben immer draußen etwas gespielt.

Haben Sie auch Fußball gespielt?

Ja, damit habe ich angefangen. Ich war ganz solide. Heute kann ich das nicht mehr. Dazu eine andere Geschichte, die mir viel bedeutet. In diesem Sommer, nach 30 Jahren, haben wir beschlossen, unser altes Team auf dem alten Platz in unserem Viertel zusammenzubringen und Fußball zu spielen. Das war eine tolle, emotionale Erfahrung. Alle sind gekommen, alle ein bisschen rundlicher. Meine Mutter lebt dort noch immer. Es war eine tolle Sache, alle wiederzusehen. Einige sind extra für das Spiel angereist.

War Roter Stern Ihr erster Klub?

Ja, beim Fußball. Da waren aber zu viele Kinder, ich hatte meinen Platz nicht finden können. Dann gab es noch einen kleinen Klub im Viertel, der auch an den Schulen einen Wettbewerb im Basketball organisierte: Radnicki. Das war sehr gut. Doch am Ende landet man immer bei Partizan oder Roter Stern.

Ihre Familie war immer Roter Stern?

Ja. Wir hätten nie zu Partizan gehen und dort spielen können.

Ist das auch heute noch so?

Ja. Ich könnte nie Partizan trainieren. Das ist sicher. Das weiß aber auch jeder.

Kommen wir zurück zur Gegenwart. Es muss schwer sein, sich so zu ändern. Haben Sie ein Coaching in Anspruch genommen?

Ich hatte natürlich Gespräche mit Marco Baldi, dessen Meinung ich sehr respektiere. Aber auch mit meinem Agenten. Der sagte, ich müsse auch ich selbst bleiben. Wenn du aber die Emotionen nur 20 Prozent runterschraubst, bis du sehr gut. Ich habe im Sommer auch einige Gespräche mit einem Sport-Psychologen gehabt. Einige Dinge habe ich angenommen, andere nicht. Doch es war wichtig, um mich als Coach weiter zu verbessern.

Sie haben jetzt Techniken an der Hand, um sich zu kontrollieren, wenn Sie kurz vor der Explosion stehen?

Das Erste ist, nicht immer sofort meine Hände zu heben. Das versuche ich umzusetzen: Zeige nicht die Hände. Es ist oft nicht einfach, das ohne Kontrolle umzusetzen. Aber auch das ist ein Prozess. Doch ich denke, da habe ich Fortschritte gemacht.

 

Vojdan Stojanovski bekommt die erste echte Brüll-Attacke ab. Obradovic hat beide Arme auf Brusthöhe, als wollte er jemanden packen. Der Mazedonier schaut kurz zur Seite, konzentriert sich dann wieder auf das Spiel. Es wird sein einziger Ausbruch im Spiel sein. Das T kassiert kurz drauf Roms Coach. Ein kleiner, temperamentvoller Italiener mit Glatze, der auch den Mafia-Boss in einem schlechten Hollywood-Film geben könnte. Als Wohlfarth-Bottermann bei einem Freiwurf einen üblen Airball produziert, senkt Obradovic nur den Kopf. Rom trifft einen Buzzer-Dreier, 37:38 zur Halbzeit. Obradovic geht kopfschüttelnd in die Kabine.

 

Spielt es auch eine Rolle, dass Sie viele junge Spieler im Team haben. von denen man vielleicht noch nicht alles erwarten kann?

Die Leute erwarten aber trotzdem, dass du gewinnst. Junge Spieler machen Fehler. Das ist normal und liegt an der Erfahrung, dem Skill-Level, der neuen Umgebung. Doch wir sind bei Alba. Aber wir können dadurch definitiv auch Spiele verlieren. Zuletzt gegen Bremerhaven haben wir den Rhythmus auch aufgrund von Fehlern der jungen Spieler verloren. Das spielte zumindest auch eine Rolle. In einem anderen Klub wäre das vielleicht leichter, wo die Erwartungen nicht so hoch sind. Wie damals in Köln. Da war es einfacher mit den jungen Spielern. Die Leute haben nicht unbedingt erwartet, dass wir gewinnen. Aber am Ende sind wir Meister geworden. Wir haben bei Alba vor der Saison erklärt, dass wir einen Prozess durchlaufen. Manchmal habe ich den Eindruck, viele haben es immer noch nicht verstanden.

Sie haben aber auch einige erfahrene Spieler: David Logan, Cliff Hammonds, Levon Kendall, Jan Jagla. Auch Reggie Redding ist kein unerfahrener Spieler.

Der Unterschied zwischen den erfahrenen und den unerfahrenen Spielern ist aber sehr groß. Reggie, zum Beispiel, versteht zwar das Spiel, spielt aber viel mit Instinkt. Jetzt sind die Ansprüche jedoch höher. Du kannst nicht nur auf deine Offense warten. In der Defensive muss man viel Druck machen, sonst gehen wir verloren. Dann sind da die jungen Spieler wie Bar Timor, Akeem Vargas, Jonas Wohlfarth-Bottermann. Sie machen uns als Team besser, auch wenn man den Rhythmus schon mal verlieren kann. Aber wie gesagt, die Unterschiede innerhalb des Teams sind sehr groß.

Wie gehen Sie damit um?

Man muss aufpassen, nicht zu viele Informationen auf einmal zu geben. Es darf aber auch nicht zu wenig sein, um deine Philosophie nicht zu verlieren. Man muss dazu mit den individuellen Problemen der Spieler umgehen. Die Leute draußen haben oft unrealistische Erwartungen. Ich erwarte von den jungen Deutschen nicht, dass sie die Top-Scorer sind. Wenn es passiert, passiert es. Doch sie sollen es nicht erzwingen. Alle haben das Potenzial, gute Verteidiger zu sein. Wir haben andere Spieler, die sehr gut Dinge kreieren können. Wenn sie sich zu sehr unter Druck setzen, dann gehen sie verloren. Man muss nun die richtige Balance finden. Wer kann mit wem spielen usw. Das ist unser Prozess.

Waren Sie überrascht, dass Ihr Team schon zu so einer Leistung wie beim Sieg gegen Bayern München fähig ist?

Ja, das war unerwartet gut. Das hatte ich nicht erwartet, weil wir noch immer unsere Probleme haben. Das war in diesem Spiel nicht zu sehen. Doch dass noch nicht alles stimmt, hat man gegen Bremerhaven oder in Saragossa gesehen. Das wird uns wahrscheinlich auch weiterhin passieren können, bis wir uns stabilisiert haben. Der Weg wird immer wieder auch schmerzhaft sein.

Haben Sie auch gelernt, sich bei Spielern zu entschuldigen?

Natürlich. Zuletzt war das beim Spiel gegen Bayern, da habe ich mich in der Halbzeit bei Cliff Hammonds entschuldigt: Ich habe überreagiert, das war nicht gut. Nimm das bitte nicht persönlich.

 

Nach der Pause stürzt Obradovic fast über die Stühle hinter ihm, als er versucht, Spielern auszuweichen. Dann ist er noch einmal in Rage: Akeem Vargas wird von Roms Hosley mit einem Wrestling-Move zu Boden gebracht. Der junge Guard knallt mit dem Rücken auf das Parkett. Obradovic wirft böse Blicke in Richtung der Römer. Hosley kassiert ein unsportliches Foul.

 

Der Trainer-Job ist sehr kräftezehrend. Besonders wenn man ihn mit dieser Leidenschaft betreibt. Wie lange wollen Sie coachen?

Ich werde sicher nicht an der Seitenlinie sterben. Ich habe meiner Frau versprochen, den Job nur zehn Jahre zu machen. Da bin ich nächstes Jahr angekommen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Karriere so früh beende. Besonders wenn die Dinge sich in eine gute Richtung entwickeln. Als meine Frau Pesic neulich gegen uns gesehen hat, sagte sie: Ich will nicht, dass du in dem Alter da noch immer stehst. Du kannst im Business bleiben, vielleicht in anderer Position. Als Nationaltrainer hat man zum Beispiel mehr Zeit, auch für sich etwas zu tun. Ich hätte einiges nachzuholen, was die Erziehung meiner Kinder angeht. Das ist hart an diesem Job. Manchmal denke ich: Warum hast du heute nicht mit deinem Sohn gesprochen? Das ist der Teil des Jobs, der mich nachdenken lässt. Doch natürlich darf die Aufgabe nicht darunter leiden. Wir wollen alle das Beste erreichen. Kurz gesagt, ich weiß nicht, was die Zukunft bringt.

Können Sie sich vorstellen, etwas außerhalb des Basketballs zu tun?

In diese Richtung habe ich noch nie gedacht. Ich möchte auch nicht zwei Dinge gleichzeitig tun, das ist nicht gut.

Sie werden dem Basketball treu bleiben. Sie lieben den Sport zu sehr.

Ja, ich liebe und verehre Basketball. Doch mit der Zeit wird immer eine gewisse Müdigkeit kommen. Doch noch habe ich die Kraft und die Energie, um es immer wieder neu anzupacken.

 

Alba liegt im Schlussviertel mit bis zu 12 Punkten hinten. Obradovic ist erstaunlich ruhig. Selbst die schwachen Schiedsrichter haben ihn zu keiner größeren Reaktion herausgefordert. Logan rennt seinen Trainer bei einer Defense-Aktion fast über den Haufen. Obradovic applaudiert ihm für den Einsatz. Regungslos registriert er, wie ein Einwurf in entscheidender Phase direkt zum Gegner geht. Spürt er, dass sein Team den Rückstand gleich Punkt um Punkt aufholen wird? Auszeit 30 Sekunden vor dem Ende – 78:81. Obradovic ist ganz ruhig, sachlich. Als schließlich Radosevic mit Steal und Dunking den 84:81-Sieg besiegelt, reist Obradovic kurz die Arme hoch. Die Spieler feiern im Mittelkreis. Die Fans toben. Obradovic geht etwas abseits über den Court. Er schaut zur Decke, streicht sich mit der Hand über die Glatze und lächelt kurz. Ettore Messina wäre zufrieden.

 

 


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