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16
Nov

Parlez-vous français?

Im Rahmen eines Besuchs bei Leo De Rycke, dem ehemaligen Sportdirektor von Brose Bamberg, in Chalon-sur-Saône (Frankreich), hatte BIG-Leserin Simone Rasim die Gelegenheit, ein etwas anderes Interview mit Sebastian Machowski zu führen.

Vor dem letzten Training zum wichtigen Spiel gegen Lille nahm sich der ehemalige BBL- und Nationalspieler, aktueller Headcoach des französischen Zweitligisten Elan Chalon, Zeit für ein Interview.

Sebastian, bis heute hast du schon einige Trainerstationen in deinem Lebenslauf vorzuweisen: Polen, Deutschland, China, jetzt Frankreich. Kannst du den LeserInnen der BIG kurz die Unterschiede beschreiben?

Das ist eine umfassende Frage. Ich sage immer, in China ist es zwar der gleiche Sport, aber ein ganz anderes Spiel. Oft wurde ich gefragt, wie denn das Niveau in China wäre. Dort ist in jedem Team nur ein Ausländer erlaubt. Wäre dies in Deutschland der Fall, dann wäre das Spiel auch ein anderes. Jedes Land hat seine eigene Mentalität, das trifft gleichermaßen auf das Spiel zu. In Frankreich sind die Spieler in der Pro A, aber ebenso in der Pro B deutlich athletischer als in Deutschland. Auch die Aufgaben, die ich als Trainer habe, sind ganz unterschiedlich. Hier sind die Vorzeichen klar: der Aufstieg in die Pro A ist das erklärte Saisonziel. Und die Pro B in Frankreich ist sicher die beste zweite Liga, die es in Europa gibt. Aber wir haben insgesamt viel Qualität und Talent im Team sowie mehrere Spieler wie z.B. Mickael Gelabale (ehemaliger NBA-Spieler, Anm. d. Red.) und Antoine Eito, die höherklassig spielen könnten.

Warum bist du jetzt ausgerechnet in Frankreich gelandet und warum bist du der beste Trainer für diesen Job, den Chalon hätte bekommen können?

Zum Einen habe ich mittlerweile viel Erfahrung, zum Anderen beherrsche ich meinen Job. Insgesamt geht es doch immer um Menschenführung. Leo (De Rycke, Sportdirektor) wollte für den Verein einen anderen Input und jemanden, der neue Impulse setzen kann. Es ist immer eine Herausforderung, junge und ältere Spieler unter einen Hut zu bekommen, dazu Spieler verschiedener Nationalitäten, egal in welchem Land man arbeitet.

Mir lag ein Vertrag für eine weitere Saison in China bereits vor, ich wollte allerdings näher bei meiner Familie sein, deshalb habe ich mich dazu entschieden, wieder in Europa zu arbeiten. Insgesamt habe ich aber gute Erfahrungen in China gemacht, auch wenn die letzte Saison schon eine Herausforderung war, wo wir fast sechs Monate quasi eingeschlossen in einem Hotel in einer Bubble lebten. Für mich habe ich festgestellt, dass ich zwar gerne Headcoach bin, aber auch genauso gut als Assistenztrainer arbeiten kann. Die Hauptsache ist, dass man sich mit seinen Aufgaben identifizieren kann.

Haben deine Sprachkenntnisse eine Rolle gespielt?

Ja, definitiv, denn es wurde speziell ein Trainer gesucht, der die französische Sprache beherrscht.

Wie kommst du denn in Frankreich zurecht und speziell hier in dieser sehr ländlichen Region?

Damit habe ich kein Problem. Ich habe hier eine gute Organisation, eine gute Halle und gute Trainingsmöglichkeiten vorgefunden. Eine schöne Wohnung, gute Restaurants, freundliche Menschen — mehr braucht man nicht.

Backst du eigentlich selbst Brot oder hast du mit dem Baguette noch keine Probleme?

Zu Hause esse ich gerne einmal ein Schwarzbrot, aber ein gutes Baguette ist schon auch lecker.

Chalon-sur-Saône liegt im Burgund, einer bekannten Weinregion. Wird man da automatisch zum Weintrinker?

Man hat zumindest die Gelegenheit, immer guten Wein zu trinken. Es ist ein hier sehr wichtiges Thema. Wir haben mit dem Team sogar schon eine Radtour zu einem Weingut unternommen und dort auch eine Weinprobe gemacht. Mehrere Sponsoren des Klubs sind ebenfalls in dieser Branche tätig.

Deine Familie ist nicht hier. Dreht sich dann dein ganzes Leben nur um den Basketball oder gibt es auch ein Leben neben dem Sport?

Mein Lebensmittelpunkt ist klar die Halle, aber ich versuche schon, ein bis zwei Stunden am Tag für mich abzuzwacken. Gestern Abend nach unserem Training habe ich dann aber drei Euroleaguespiele angeschaut. Also auch in meiner wenigen Freizeit dreht sich viel um Basketball.

Elan Chalon ist in der letzten Saison abgestiegen. Ist der Druck jetzt besonders hoch? Schließlich ist es ein Traditionsverein, der natürlich so schnell wie möglich wieder zurück in die Pro A möchte.

Natürlich ist der Druck groß. In der Saison 2016/17 ist Elan Chalon noch französischer Meister geworden und jetzt ist man abgestiegen. Es gibt nur ein Saisonziel und das ist der sofortige Aufstieg zurück in die Pro A.

BIG-Leserin Simone Rasim mit Sebastian Machowski und Leo De Rycke. Foto: privat. 

Denkt man als Coach darüber nach, dass man irgendwie immer auf dem „Schleudersitz“ sitzt? Ein paar Niederlagen und man wird gefeuert. Ist das nicht eine immense psychische Belastung?

Elan Chalon soll so schnell wie möglich wieder aufsteigen, aber ich denke nicht ständig über Konsequenzen nach. Für mich war es zum Ende meiner Spielerkarriere eine logische Folge, Trainer zu werden, da ich öfter in problematischen Situationen dachte, ich würde und könnte diese besser lösen als die anderen Coaches. Der Reiz und die Herausforderung liegt im Zwischenmenschlichen, wo ich meine Stärken sehe. Daher hat mich z.B. auch der Rauswurf in Oldenburg schon getroffen, ich hatte das in meinen Augen nicht verdient. Aber natürlich hinterfrage ich mich, wenn so etwas passiert. Insgesamt schaffe ich es nach nun dreißig Jahren im Profisport, die psychische Belastung von mir fern zu halten. Persönlich belastet mich die räumliche Trennung von meiner Frau und den Kindern viel mehr (Die Familie lebt in Oldenburg. Anm. d. Red.).

Ist es nicht manchmal ein unglaublich einsamer Job? Man hat seinen Coaching Staff, das Office, aber letztendlich ist man der, der ganz alleine an der Seitenlinie steht und im Grunde auch ganz alleine Entscheidungen trifft.

Es geht. Zum einen fehlt die Familie. Zum anderen konnte ich leider keinen Assistenztrainer mitbringen, was die berufliche Situation natürlich hätte angenehmer machen können. In erster Linie geht es mir aber einfach um die Aufgabe und ich habe einen kleinen, guten Staff gestellt bekommen. Freude sollte immer bei einem Job dabei sein und das ist sie hier auch.

Ein deutscher Trainer arbeitet mit einem belgischen Sportdirektor für ein französisches Team. Kann das funktionieren?

Was heißt kann? Es funktioniert in jeder Hinsicht gut.

Was müsste passieren, damit du deinen Vertrag vorzeitig beendest? Ein Angebot aus Deutschland?

Wenn ich im Sommer ein adäquates Angebot aus Deutschland bekommen hätte, wäre ich jetzt nicht hier. Allerdings sind deutsche Trainer in der BBL nicht gefragt. Hier in Frankreich ist es komplett anders und eher eine Ausnahme, wenn ein Nichtfranzose ein Team coacht, in der deutschen Liga hingegen findet man kaum mehr deutsche Coaches. Aber das ist eher eine längere Grundsatzdiskussion.

Hältst du irgendwie Kontakt zu den Fans in deinen früheren Clubs oder verläuft sich das mit der Zeit?

In Oldenburg treffe ich schon an und ab einmal Fans auf der Straße oder auf dem Markt. Man plaudert kurz, aber näheren Kontakt zu Fans gibt es nicht.

Die Fans hier sind ausgesprochen kritisch. Sie können das Team pushen, aber auch herunterziehen, wenn ein Spieler einmal zwei Würfe hintereinander nicht trifft. Wie schaffst du es, dass speziell die jungen Spieler damit keine Probleme haben?

Man spricht immer von Vertrauen schenken, aber letztendlich muss ein Spieler schon eine Menge Selbstvertrauen mitbringen und lernen für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Hier ist der Druck wegen des Abstiegs in der letzten Saison natürlich hoch und es kam bereits vor, dass ich einen jüngeren Spieler auswechseln musste, weil er damit offensichtlich nicht klar kam. Generell ist mir im Team und auch im Klub eine positive Grundstimmung wichtig, bei den Heimspielen natürlich auch. Diese motiviert die Spieler und lässt sie erfolgreich sein. Diese positive Grundeinstellung bringen Leo und ich mit, und sie ist die Basis unserer täglichen Kommunikation und Arbeit.

Wie groß war denn dein Mitspracherecht bei der Auswahl der Spieler?

Natürlich schlägt Leo die Spieler vor, er sondiert und kennt den Markt, insbesondere den französischen. Das ist sein Job. Aber es wurde kein Spieler geholt, der nicht von mir abgesegnet wurde, wobei neben Mike Gelabale mehrere jüngere Spieler des Klubs ins Team aufgestiegen sind. Sechs der zwölf Spieler sind unter 21 Jahre jung. Neben dem Aufstieg als Ziel ergeben sich so noch wichtige Nebenprojekte mit der Förderung und Ausbildung, übrigens ein mir wichtiges Aushängeschild des Klubs. Wir haben hier einige junge Leute, die das Zeug zum NBA-Spieler haben (z.B. Sitraka Raharimanantoanina). Sie zu entwickeln, ihnen Spielanteile zu geben und den Aufstieg zu schaffen ist eine Herausforderung. Ich bin mir aber sicher, dass ich nicht nur den jungen, sondern auch den älteren Spielern wie Gelabale (38 J., Anm.d. Red.) noch etwas beibringen kann.

Anschließend ergab sich auch kurz die Gelegenheit mit Leo De Rycke, dem ehemaligen Sportdirektor von Brose Bamberg, zu sprechen, der seit April diesen Jahres für Elan Chalon arbeitet.

Warum war Sebastian der beste Trainer für dein Team?

Wir wollten einen kompletten Wechsel im Verein. Der war nach dem Abstieg in der letzten Saison nötig. Und wenn der Trainer schon nicht aus Frankreich kommt, dann muss er zumindest Französisch sprechen. Ich wusste, dass Sebastian bereits in Frankreich gespielt hat und die Sprache beherrscht. So ist die Wahl auf ihn gefallen.

Kannst du in drei Worten … beschreiben:

- dein Leben in Frankreich: arbeitsreich – neue Heimat – tun, was man liebt

- deine Zusammenarbeit mit Sebastian: typisch deutsch - gelassen – intelligent

- dein Team: ausgeglichen – talentiert - vielseitig

- deine Wünsche für die Zukunft für dich selbst: der direkte Aufstieg – mehr Freizeit – mehr Zeit für die Familie

Elan Chalon hat das Heimspiel in der fast ausverkauften Halle „Le Colisée“ (4500 Zuschauer in der Pro B) gegen Lille an diesem Abend übrigens gewonnen und ist auf Platz 3 der Tabelle vorgerückt. Der eingeschlagene Weg ist also wohl der richtige.



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