26
Feb

BIG-Appetizer: Nelson Weidemann

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir die Story mit Nelson Weidemann aus BIG #93 für euch.

Auf der Suche nach dem richtigen B

Nelson Weidemann ist in Berlin geboren. Doch bei seinem Heimatklub bot sich für ihn ebenso wenig die Chance zum BBL-Durchbruch wie beim FC Bayern München. Bei brose bamberg findet er nun optimale Bedingungen vor – weshalb er im Sommer sogar ein Angebot von ALBA BERLIN ausschlug

Als Nelson Weidemann vor dem Auswärtsspiel in Oldenburg am 2. Dezember aus dem Brose-Bus steigt, ist er voller Selbstvertrauen. Der Wechsel von den Bayern nach Bamberg hat sich für den 20-Jährigen gelohnt, das steht zu diesem Zeitpunkt längst fest. Denn nachdem er in München in den vergangenen Jahren nur zu drei BBL-Kurzeinsätzen gekommen war, ist der 1,92 Meter große Point Guard in Bamberg nun sogar Starter. Noch wichtiger: Der gebürtige Berliner bekommt bei den Franken genügend Spielzeit, um sich zu entwickeln. Gegen die EWE Baskets will er sich nun erneut beweisen. Bereits nach neun Sekunden scort er das erste Mal per Korbleger, auch in der Defense hängt er sich voll rein. Immerhin sehnt er sich nicht nur nach Einsatzzeit – Weidemann will auch Spiele gewinnen und dabei am besten mit Highlight-Plays glänzen.

Beim Stand von 46:37 gelingt ihm genau das. Nach einem Cut von der Baseline bekommt er von Paris Lee den Ball, während Assem Marei bereits für das High Pick’n’Roll bereitsteht. Dabei realisiert Weidemann sofort: Gegenspieler Braydon Hobbs ist spät dran. Obwohl Weidemann seinen Move noch nicht angedeutet hat, will der Oldenburger Guard sich schon über den Block zwängen. Auch Center Rasid Mahalbasic hat sich als Hilfe positioniert, um Weidemann den Zug zum Korb über seine rechte Seite wegzunehmen. Doch da Hobbs bereits über den Block geht, ist der Weg über links einen kurzen Augenblick möglich, was Weidemann perfekt liest. Ein schneller erster Schritt und zwei Dribblings später hebt er ab, bevor er den Ball beidhändig durch die Oldenburger Reuse stopft, sich am Ring hochzieht und das spektakulärste Play seiner jungen Profikarriere feiert. Es ist ein Dunk mit Statement-Charakter. Weidemann ist endlich in der BBL angekommen, nachdem das Talent bei den Bayern nicht zum Zug gekommen war.

Für diese Chance hat Weidemann im vergangenen Sommer viel Zeit investiert. Von einer Änderung hat er dabei besonders profitiert: Zum ersten Mal seit der Offseason 2015 verzichtete er auf ein Engagement bei der Nachwuchsnationalmannschaft, weil er das Gefühl hatte, sich so besser entwickeln zu können. „Ich wusste, wie wichtig dieser Sommer für mich wird. Deshalb habe ich mich früh dazu entschieden, nicht für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich war im Sommer dadurch immer vier bis sechs Wochen unterwegs und hatte kaum die Zeit, mich von der Saison zu regenerieren“, erklärt Weidemann im BIG-Gespräch. „In diesem Jahr hatte ich diese Möglichkeit und war danach topmotiviert, um im Kraftraum an meinem Körper zu arbeiten.“

Und genau das tat Weidemann auch. Disbalancen wurden ausgemerzt, die Muskeln gestärkt. So bringt er bei einer Körpergröße von 1,92 Metern mittlerweile 90 Kilo auf die Waage. Langsamer ist er deshalb allerdings nicht geworden, denn Weidemann hat im Sommer gleichzeitig verbissen an seiner Schnellkraft gearbeitet. Richtungswechsel gelingen ihm jetzt noch schneller, auch sein erster Schritt ist explosiver geworden. Doch nicht nur das. In einer Trainingsgruppe mit Karim Jallow und Joshua Obiesie absolvierte er ein spezielles Korbleger-Work-out, bei dem vor allem Abschlüsse nach Kontakt auf dem Programm standen. „Ich wusste, dass ich meinen Körper auf das nächste Level bringen muss, damit ich in der BBL bei einem Klub wie Bamberg mithalten kann“, sagt Weidemann, der neben Christian Sengfelder von allen Bambergern am meisten Extraschichten schiebt. 60 Minuten vor dem Work-out ist er spätestens im Brose-Trainingszentrum in Strullendorf. Nach einem zehnminütigen Dehnprogramm stehen 20 Minuten Athletiktraining auf dem Plan, ehe Weidemann mit Individualtrainer Stefan Weissenböck eine halbe Stunde lang am Ballhandling und an seinem Wurf arbeitet.

Eine Routine, die sich für Weidemann auszahlt. Zwölf Minuten Einsatzzeit bekommt er bisher pro Partie, in denen dem Bamberger Neuzugang im Schnitt 6,2 Punkte gelingen. „Dass es direkt so gut läuft, hätte ich trotz der harten Arbeit natürlich nicht erwartet. Natürlich wusste ich nach den Gesprächen mit Coach Roel Moors, dass ich die Chance bekomme, wenn ich mich im Training gut präsentiere. Er hat mir gesagt, dass ich spielen werde, wenn ich ihm beweise, dass ich gut genug bin“, erinnert er sich an die ersten Gespräche mit seinem neuen Headcoach. „Aber mir war klar: Bei einem Klub wie Brose Bamberg bekomme ich nichts geschenkt. Umso glücklicher bin ich, dass ich in dieser tollen Mannschaft so viel Spielzeit bekomme.“

Als er mit dem Basketball angefangen hat, träumte Weidemann noch davon, für eine andere Mannschaft aufzulaufen. Immerhin wuchs der Guard in Berlin unweit der Max-Schmeling-Halle auf. Und weil er die Sportart wegen seines sieben Jahre älteren Cousins Bill Borekambi bereits als Siebenjähriger lieb gewonnen hatte, meldete ihn seine Mutter ein Jahr später bei ALBA BERLIN an. „Je älter ich wurde, desto mehr Spaß hatte ich am Basketball“, sagt Weidemann, der bei der deutschen U14-Meisterschaft 2013 im Halbfinale gegen Breitengüßbach einen Schlüsselmoment hatte. „In diesem Spiel habe ich 40 Punkte gemacht und realisiert, dass ich mit den besten Spielern in Deutschland nicht nur mithalten, sondern auch gegen sie bestehen kann. Danach stand für mich fest: Ich will Profi werden.“

Den Weg ins Berliner Profiteam fand Weidemann in den Jahren danach allerdings nicht. Im Gegenteil: Zur Mannschaft des damaligen Cheftrainers Sasa Obradovic gab es kaum Kontakt. Eine Perspektive, beim Hauptstadtklub zum Profi zu werden, sah Weidemann deshalb nicht. „Ich habe mich mit dem Verein zu dieser Zeit nicht mehr identifizieren können. Doch das ging nicht nur mir so. Spieler wie Filip Stanic oder Badu Buck, mit denen ich bei ALBA groß geworden bin und die zu meinen Kumpels geworden sind, haben den Klub verlassen“, sagt Weidemann. „Das war natürlich sehr schade, denn meiner Meinung nach gibt es in Berlin nach wie vor die meisten Basketballtalente, die das Potenzial haben, eines Tages Profi zu werden.“

Statt bei ALBA zu bleiben, entschied Weidemann sich im Sommer 2015 für einen Wechsel zu den Nürnberg Falcons. Dessen damaliger NBBL-Trainer Mario Dugandzic hatte wie ProA-Headcoach Ralph Junge längst ein Auge auf das Guard-Talent geworfen. Neben seinen Einsätzen in der Nürnberger Nachwuchsmannschaft kam Weidemann deshalb auch auf ProA-Niveau zum Einsatz. Zudem knüpfte er als Nürnberger Spieler erste Kontakte zum FC Bayern, weil er als Gastspieler mit dem Münchner NBBL-Team am Adidas Next Generation Tournament teilnahm.

Und da er dabei für die Bayern mit 17,5 Punkten, 7,5 Rebounds und 3,0 Assists pro Partie zum effektivsten Spieler wurde, hinterließ er bei den Münchner Verantwortlichen einen bleibenden Eindruck. In der Offseason 2016 wechselte Weidemann auch deshalb erneut den Verein. „Ich habe direkt eine große Wärme gespürt, die mir der Klub entgegengebracht hat. Marko Pesic hat zu mir gesagt, dass ich etwas Besonderes sei. Er wollte mich unbedingt haben“, schildert Weidemann. „Daher ist mir die Entscheidung relativ leicht gefallen.“

Ein fester Bestandteil des BBL-Teams wurde er allerdings auch in München nicht. Stattdessen befand Weidemann sich in einer Lage, die seiner Situation in Berlin ähnelte. Zwar spielte er auf ProB-Niveau eine große Rolle und trainierte mit der ersten Mannschaft – in die Rotation des BBL-Teams konnte er sich in den folgenden drei Jahren jedoch nicht spielen. Deshalb war in der vergangenen Offseason klar: Um sich optimal weiterentwickeln zu können, muss Weidemann erneut den Verein wechseln.

„Ich habe für mich erkannt, dass ich noch nicht so weit bin. Sportdirektor Daniele Baiesi hat das genauso gesehen. Er hat gesagt: Die ProB ist nicht mehr das Niveau, auf dem du dich messen solltest. Wenn du es aber gleichzeitig noch nicht schaffst, Teil der ersten Mannschaft zu sein, geben wir dir die Chance, dich anderswo zu entwickeln“, sagt Weidemann, der wenig später von einem Angebot der Bamberger erfuhr. Nach einer kurzen Rücksprache mit seinem Kumpel Maodo Lo war ihm schnell klar: Bamberg ist für ihn die richtige Wahl. „Er hat mir sehr viele gute Sachen über den Standort vermittelt, weshalb mir die Entscheidung, nachdem ich mir vor Ort alles genau angeguckt hatte, echt leichtgefallen ist.“

Einige Tage später kam die Leihe schließlich zustande, weshalb Weidemann nun bis 2021 an Bamberg gebunden ist. Allerdings hatte der gebürtige Berliner nicht nur ein Angebot des Brose-Klubs vorliegen. Auch ALBA wollte Weidemann in der Offseason haben. Doch obwohl er in der Hauptstadt aufgewachsen ist, entschied er sich gegen die Berliner Offerte – aus gutem Grund. „Ich glaube, ich könnte in Berlin den Fokus verlieren. Vielleicht wären es nur fünf bis acht Prozent, doch das kann eben den Unterschied machen“, erklärt Weidemann seine Entscheidung. „Die Gelegenheiten, Mist zu bauen, sind dort einfach zu vielfältig. Denn ich habe in Berlin sehr viele Freunde, und in der Stadt ist immer etwas los. Ich würde Gefahr laufen, mich darauf zu konzentrieren, anstatt so hart es geht an mir zu arbeiten.“

Im Gegensatz dazu kann Weidemann sich in Bamberg voll auf Basketball konzentrieren. Langweilig wird es ihm dort allerdings nicht. Im Gegenteil: Er genießt die Atmosphäre der 78 000-Einwohner-Stadt. „Hier wird Basketball wirklich gelebt. Denn im Gegensatz zu anderen Städten ist die Sportart in Bamberg für die Menschen von großer Bedeutung“, schildert Weidemann seine Eindrücke. „In München genießen Basketballer eine gewisse Anonymität – das ist hier ganz anders. Wenn ich zum Beispiel in einen Supermarkt einkaufen gehe, kann es sein, dass ich von einem Verkäufer angesprochen werde. Oder an den Tankstellen: Da hängen riesengroße Brose-Bamberg-Sticker an der Tür. Diese Basketballbegeisterung gefällt mir einfach extrem gut.“

Dass Weidemann dem Klub länger als zwei Jahre erhalten bleibt, scheint dennoch ziemlich unrealistisch zu sein. Und zwar nicht nur, weil der FC Bayern für die Saison 2021/2022 eine Option hat, das Talent nach München zurückzuholen. Vielmehr hat Weidemann hohe Ziele: „Ich hoffe, dass es bei mir ähnlich läuft wie bei Paul Zipser, Maxi Kleber oder Daniel Theis. Ich möchte gern in der NBA spielen. Wenn das nicht klappen sollte, will ich mich als Spieler in der EuroLeague etablieren.“ Einen ersten großen Schritt in diese Richtung hat Weidemann in dieser Saison bereits gemacht. Nun wird er alles daransetzen, dass es in den nächsten Monaten und Jahren weiter in diesem Tempo vorangeht.


TEXT: Alexander Büge



BIG Abo

Jeden Monat BIG als erstes lesen, druckfrisch in Deinem Briefkasten für nur 40 Euro!

Jetzt Abo bestellen

BIG Probeabo

Vier Ausgaben BIG zum Probierpreis von 15 Euro!

Jetzt Abo bestellen

BIG Geschenkabo

Das größte Geschenk: BIG für nur 40 Euro verschenken, keine Kündigung erforderlich!

Jetzt Abo bestellen



BIG Sonderheft 19/20

Sonderheft 2019/20 (BIG #90) einzeln bestellen, ohne Abschluss eines Abos.

Jetzt bestellen

BIG als ePaper

BIG auf mobilen Endgeräten für Android und Apple!

Jetzt ePaper bestellen

BIG - Leseproben

 





BIG Facebook Feed

BIG Player


   


BIG Social

BIG auf Facebook

big facebook

BIG auf Twitter

BIG auf Instagram




BIG Kontakt

BIG | Das Magazin
Tieckstrasse 28
10115 Berlin

Fon: 030 / 85 74 85 8 - 50
Fax: 030 / 85 74 85 8 - 58

Öffnungszeiten des Büros:

Montag - Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr

E-Mail senden