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Sep

BIG-Appetizer: Johannes Voigtmann

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir die Story über Johannes Voigtmann aus BIG #89 für euch.

Hirn, Herz, Haltung

Johannes Voigtmann gilt als bester Spielmacher unter den deutschen Big Men. Der Center von ZSKA Moskau könnte bei dieser WM neben Dennis Schröder als Stretch-Five-Spieler eine entscheidende Rolle für die deutsche Nationalmannschaft spielen

Handball hat in Eisenach große Tradition, 31 Jahre spielte die Betriebssportgemeinschaft Eisenach erfolgreich in der DDR-Oberliga: In den 50er-Jahren löste die BSG mit zwei Vizemeistertiteln im Hallenhandball und dem Gewinn der Meisterschaft im Feldhandball etwas aus, was wir heute als Boom bezeichnen würden. Johannes Voigtmann kam als Eisenacher Junge am Handball nicht vorbei und spielte zwischen den Lebensjahren fünf und 15 mit Harz und Kempa anstatt mit Sneakern und Spalding. Das handballerische Einsatzgebiet Rückraum links und Kreisläufer Mitte sollte für aufmerksame Voigtmann-Beobachter keine Überraschung sein – er konnte schon immer aus der Distanz werfen und im Nahkampf austeilen.

Zum ganz großen Wurf, der ostdeutschen Meisterschaft, reichte es aufgrund der zahlreichen Handball-Konkurrenz in Ostdeutschland nicht, mehrfache Thüringer Landestitel waren dennoch eine respektable Leistung.

Nach seinen Basketball-Jugendjahren bei Science City Jena rückte Voigtmann 2010 in den ProA-Kader und erarbeitete sich schrittweise das Vertrauen der Headcoaches Tino Stumpf und Georg Eichler.

„Johannes hat schon vieles mitgebracht, als er 2012 in Frankfurt ankam“, sagt Klaus Perwas, früher deutscher Nationalspieler und seit mehr als einem Jahrzehnt Assistenztrainer der FRAPORT SKYLINERS. „Er hatte damals schon einen guten Körper, um mit den großen Jungs mitzuhalten. Hinzu kamen ein guter Wurf und ein natürliches Spielverständnis, das man auf diese Weise nicht eintrainieren kann.“ Mit regelmäßigen Athletik- und Individualtrainings machte Joe Voigtmann im ersten Jahr besonders im athletischen Bereich einen großen Schritt nach vorn.

„Am Anfang war mir als jungem Spieler unter Muli Katzurin keine Rolle zugeschrieben“, sagt Voigtmann. Einige große Spieler verletzten sich jedoch im Saisonverlauf, sodass er auf knapp zehn Spielminuten pro Partie kam. Mit einer sehr guten Effizienz bei Abschlüssen als abrollender Center und einer soliden Trefferquote bei Sprungwürfen aus der Mitteldistanz überzeugte er den neuen Cheftrainer, Gordon Herbert. 30 Spiele machte Voigtmann 2013/2014 für Herbert von Beginn an, mehr als 21 Minuten waren (und sind) in der athletischen und körperlich-physischen easyCredit BBL für einen 21-Jährigen eine Seltenheit. Zum Vergleich: In der abgelaufenen Saison kamen mit Leon Kratzer und Niklas Kiel lediglich zwei U22-Spieler über 18 Spielminuten – und das ebenfalls bei den FRAPORT SKYLINERS.

„Die Einsatzzeit und die Spielanteile von Gordie haben mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben“, sagt Voigtmann. „Wir sollten den Ball immer bewegen, den richtigen Pass finden. Und wenn man sich einen Ballverlust geleistet hat, war das natürlich ärgerlich, aber führte trotzdem nicht direkt zur Auswechslung.“

FIBA-Europe-Cup-Sieger 2016 mit Frankfurt, Champions-League- und spanischer Supercup-Gewinner 2017 mit Teneriffa und die EuroCup-Trophäe 2019 mit Valencia – der Kanadier Aaron Doornekamp weiß, wie man Titel gewinnt. Zur Saison 2014/2015 wechselte der Scharfschütze an den Main, und das hatte einen sehr positiven Einfluss auf Joe Voigtmann. Eine ordentliche Sprungwurf-Trefferquote von 41 Prozent schnellte bei Voigtmann nach Doornekamps Ankunft auf exzellente 48 Prozent hoch. „Die beiden haben keine Gelegenheit zum Wurftraining ausgelassen, selbst wenn wir mehrere Spiele pro Woche hatten“, erinnert sich Perwas. „Und das waren nicht dreimal zehn Schuss, sondern eher Einheiten zwischen 30 und 45 Minuten.“ 53 Spiele absolvierten die Frankfurter in der Bundesliga und der FIBA EuroChallenge, in der sie bis ins Top Four kamen. Das Skillset von Voigtmann hatte sich dank des regelmäßigen Individualtrainings mit Herbert um eine Fähigkeit erweitert: An der Seite von Danilo Barthel spielte Voigtmann häufig gegen kleinere Power Forwards, die er in jener Saison äußerst effizient per Post-up-Spiel attackierte. Bei knapp vier Angriffen pro Spiel ging der Ball zu Voigtmann inside, jeder zweite Abschluss war erfolgreich, und die Erfolgswahrscheinlichkeit bei Pässen auf die Mitspieler verbesserte sich gegenüber dem Vorjahr ebenfalls deutlich.

Kai Nürnberger dribbelt den Ball über die Mittellinie, elf Sekunden zu spielen, Russland führt im EM-Finale 1993 mit zwei Punkten. Cross-over auf links, Dribbling auf der Stelle, dann der explosive Antritt zum Korb. Nürnberger legt ab auf Center Christian Welp, und der macht sein Ding: Dunking, Foul gezogen, Freiwurf trocken reingeworfen – Europameister!

Ungefragt ziehen Dirk Bauermann, mit Bayer Leverkusen und Welp als Center in den Neunzigerjahren überaus erfolgreich, und Perwas den Vergleich zwischen Voigtmann und Welp. „Der Chris Welp war ein tougher Typ“, sagt Perwas. „Der machte sein Ding, genauso wie Joe!“

In seiner letzten Frankfurt-Saison, 2015/2016, bewies Voigtmann dies äußerst beeindruckend: Elf Punkte, sechs Rebounds und fast zweieinhalb Assists legte er in 24 Minuten auf – und war mit seiner souveränen Spielweise einer der Garanten für den Gewinn des FIBA Europe Cups. Mit ihm auf dem Feld erzielten die Frankfurter in der Bundesliga sechs Punkte mehr als der Gegner, Giannis Antetokounmpo war in dieser NBA-Saison hochgerechnet nur marginal besser.

„Keep cool and carry on“ scheint das Motto von Voigtmann zu sein, mit konstanter Weiterentwicklung reifte er in vier Frankfurter Jahren zu einem EuroLeague-Spieler. „Das Skillset, die Variabilität und die Passfähigkeiten sind äußerst selten und erinnern mich taktisch an Christian Welp“, sagt Dirk Bauermann. „Johannes ist für jede Mannschaft sehr wertvoll, mit ihm und einem abrollenden Center wie Daniel Theis, Danilo Barthel oder Maxi Kleber kann man immer den schwächeren Verteidiger attackieren. Oder man attackiert per Pick’n’Pop mit fünf Außenspielern, dann ist Dennis Schröder kaum zu verteidigen. Man ist mit Voigtmann taktisch einfach breiter aufgestellt.“ Eine große Passfähigkeit von Voigtmann kam bei Kirolbet Baskonia zum Tragen: der Secondary Assist, also der Pass zum entscheidenden Pass.

Spieler wie Al Horford, Marc Gasol oder Nikola Jokic zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie nicht den direkten Assist für die eigenen Statistiken suchen, sondern die taktisch sinnvolle Entscheidung treffen. Bei allen Spielern steigt die generelle Assistrate der eigenen Mannschaft erheblich an, und Joe Voigtmann gehört genau in diese Spielerkategorie. Unter allen Forwards und Centern bediente einzig Madrids Gustavo Ayon seine Mitspieler (minutenbereinigt) häufiger als Voigtmann, der mit fortlaufender Dauer seiner Karriere ein immer besserer Passgeber wurde. „Das Spiel auf EuroLeague-Level ist zwar superschnell, aber es muss sich langsam anfühlen“, sagt der 27-Jährige. „Es ist vergleichbar mit einem Quarterback, der kennt auch seine vier bis fünf Optionen und den genauen taktischen Ablauf.“ Im Videostudium legt er sich vor dem Spiel einen individuellen Plan zurecht und geht nach dem Spiel alle Entscheidungen noch mal kritisch in der Analyse durch. Einen Titel konnte Voigtmann mit Baskonia zwar nicht gewinnen, das dreimalige Erreichen der EuroLeague-Playoffs und ein Vizemeistertitel gegen Luka Doncics Madrilenen sprechen dennoch für eine erfolgreiche Zeit.

Vitoria-Gasteiz, 19. Mai 2019, 23.45 Uhr: Dimitris Itoudis hat gerade mit ZSKA Moskau das Final Four der EuroLeague gewonnen und betritt den Raum der Pressekonferenz. Im Halbfinale gegen Real Madrid lag sein Team in der zweiten Halbzeit bereits mit 14 Punkten hinten, Itoudis veränderte die Verteidigungsstrategie und erwischte Madrid damit auf dem falschen Fuß. Im Finale zwang er Anadolu-Efes-Top-Scorer Shane Larkin mit einer aggressiven Pick’n’Roll-Verteidigung zum frühzeitigen Pass und machte damit die Center Tibor Pleiß und Adrien Moerman zu ungewohnten Spielmachern. Die wenigsten Trainer haben auf Pressekonferenzen nach extrem wichtigen Spielen Redebedarf, und taktische Fragen beantworten sie nur sehr spärlich – aber Itoudis tickt anders. Er bedankt sich mehrfach für eine Taktikfrage, referiert selbst nach der Pressekonferenz noch Taktikfeinheiten und tauscht sich bereitwillig über Live-Analytics aus.

Itoudis lebt Basketball, ist immer auf der Suche nach neuen taktischen Varianten und kreiert jedes Jahr das wahrscheinlich umfangreichste Playbook aller EuroLeague-Coaches. Nando De Colo, Sergio Rodriguez und Cory Higgins sind balldominante Pick’n’Roll-Spieler, die ZSKAs Basketball in den vergangenen Jahren geprägt haben, aber diese Art von Spieler sieht man im derzeitigen Kader mit Janis Strelnieks, Darrun Hilliard und Ron Baker nur bedingt. Kurzum, die ZSKA-Offensive könnte in der nächsten Saison vorrangig über die Power-Forward- und die Center-Position im Stil der Denver Nuggets mit Nikola Jokic als Offensivanker laufen – und damit eine kleine Taktik-Revolution in Europas Königsklasse bedeuten. Damit Johannes Voigtmann dieses Privileg genießen darf, sollte er in zwei technisch-taktischen Bereichen noch bessere Zahlen auflegen: Während die freien Würfe bei einer 39-prozentigen Trefferquote eine absolute Spezialdisziplin sind, wirft er bei Versuchen gegen den Mann ganze sieben Prozent schlechter und hat hier besonders auf EuroLeague-Level Entwicklungsbedarf. Die Passrate aus dem Post-up ist bei Volumen und Effizienz vergleichbar mit der von Draymond Green oder Luke Sikma, aber das Mismatch gegen kleinere Spieler muss er noch deutlich besser ausnutzen.

Und diese Weltmeisterschaft könnte für den 2,14 Meter großen Stretch-Five-Spieler schon der erste Stresstest sein. Voigtmann ist ein brillanter Passgeber, der Ball ist in seinen Händen als Kreativspieler sehr gut aufgehoben. Diese Fähigkeit kann die deutsche Nationalmannschaft auf ein höheres taktisches Level bringen. Wenn Voigtmann sein Ding macht, könnte sie das Überraschungsteam dieser WM werden.


Text: Jens Leutenecker


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