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Jul

BIG-Appetizer: Mike Taylor

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir das Interview mit Mike Taylor aus BIG #87 für Euch.

„Wir müssen die Basketball-Euphorie in Hamburg nutzen“

Mike Taylor hat die Hamburg Towers in seiner ersten Saison als Cheftrainer auf Anhieb in die BBL geführt. Außerdem führte der 46-jährige Amerikaner Polen erstmals seit über einem halben Jahrhundert wieder zu einer WM. Mit BIG sprach Taylor über sein außergewöhnliches Jahr


Mike, das Saisonende in der ProA ist jetzt wenige Wochen her. Konntest du schon realisieren, was du im vergangenen Jahr alles erreicht hast? Erst die WMQualifikation mit Polen, jetzt der Aufstieg mit den Hamburg Towers …

Ja, es war ein wilder Ritt in den vergangenen Monaten. (lacht) Wir, das Nationalteam von Polen und die Towers, haben uns vor der Saison die höchstmöglichen Ziele gesetzt. Umso schöner, dass wir beide erreichen konnten. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass uns sowohl die Qualifikation als auch der Aufstieg in die BBL gelungen ist.

Dabei hattest du noch vor dem Saisonbeginn der ProA betont: „You can’t guarantee an Aufstieg …“

So war es ja auch. Wir haben nicht die beste reguläre Saison gespielt. Chemnitz war bärenstark, auch Rostock hat alles andere als wie ein Aufsteiger aus der ProB gespielt.

In den Playoffs ging es dann im Halbfinale gegen Chemnitz. Spiel drei habt ihr mit 21 Punkten Differenz verloren und lagt damit in der Serie 1:2 zurück. Später hast du gesagt, dieses Spiel war der Schlüssel zur Meisterschaft. Warum?

Weil wir in diesem Spiel unheimlich schlecht waren und uns danach geschworen haben, dass uns das nicht noch einmal passieren wird. Wir standen mit dem Rücken zur Wand, Chemnitz war zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon einen Tick zu selbstbewusst … Auch als wir in der Serie mit 1:2 hinten lagen und zwei Do-or-die-Spiele hatten, um aufzusteigen, habe ich immer an mein Team geglaubt. Wir hatten eine unglaublich tolle Teamchemie, das hat uns in diesen Phasen enorm geholfen.

Marvin (Willoughby, Sportlicher Leiter der Towers, d. Red.) hat uns gesagt, die Schlüssel zum Aufstieg waren dein Enthusiasmus und deine stets positive Art. Gab es keinen Moment, in dem du gezweifelt hast?

Eigentlich nicht. Ich denke immer positiv – oder versuche es zumindest. Im Basketball ist es doch so wie im Leben: Manchmal gewinnst du, manchmal verlierst du. Wichtig ist, nie den Kopf hängen zu lassen, sondern die richtigen Schlüsse aus einer Niederlage zu ziehen. Ich bin ein Trainer, der immer versucht, seine Jungs zu motivieren, auch wenn es einmal nicht so gut läuft. Basis dafür ist eine gute Beziehung zu deinen Spielern. Ich versuche immer, auf menschlicher Ebene einen guten Draht zu jedem Einzelnen aufzubauen. Wenn du den einmal hast, ist es viel leichter, die Jungs auf dem Spielfeld zu erreichen und sie zu überzeugen. Dabei erreichst du mit positiver Energie viel mehr, als wenn du immer haderst.

Warst du von Anfang an so ein positiver Typ als Trainer? Oder hast du dir das angeeignet?

Ich war schon immer so, das ist nun mal meine Natur. Bei mir ist das Glas stets halb voll und nicht halb leer. (lacht) Ich bin davon überzeugt, dass es gerade für einen Trainer sehr wichtig ist, immer positiv zu bleiben, weil man stets auch Vorbild ist. Wenn der Coach nicht an den Sieg oder die Meisterschaft glaubt, tun es die Spieler erst recht nicht. Es ist ganz normal, dass es im Laufe einer langen Saison einige Ups and Downs gibt. Wir hatten im Januar eine Phase, in der es nicht gut lief. Umso wichtiger war unser Sieg in Rostock Anfang Februar, durch den wir neues Selbstvertrauen tanken konnten. Während der Saison geht es nie um das, was du am Ende möglicherweise erreichen kannst, sondern um den Prozess, die Spieler individuell und als Mannschaft immer weiterzuentwickeln – um dann am Ende deinen erfolgreichsten Basketball spielen zu können.

Im Finale gegen Nürnberg konntet ihr euch schließlich die Meisterschaft holen. Stimmt es, dass dein Vater anschließend am Telefon mit dir darüber reden wollte, welche Fehler ihr im letzten Spiel gemacht habt?

Oh Mann, ja, das stimmt. (lacht) Mein Vater war früher auch Basketballcoach (der heute 76-Jährige war einst im Trainerstab der New York Knicks, d. Red.), und er verfolgt alle Spiele der Towers. Nach dem letzten Spiel hat er gesagt: Herzlichen Glückwunsch, Junge – aber was habt ihr da in der Defense gespielt? Ich hab nur geantwortet: Dad, heute nicht, wir sind gerade Meister geworden. Mach dir eine Flasche Champagner auf und trink auf uns. (lacht) Grundsätzlich ist mein Vater aber sehr wichtig für mich. Wir skypen fast jeden Tag, und er gibt mir viele Tipps. Im Juni wird er aus Virginia, wo er lebt, kommen und mich besuchen, darauf freue ich mich – auch wenn er sicher wieder etwas zu kritisieren haben wird. (lacht)

Vom Team der Towers werden nicht alle den Weg in die BBL mitgehen können. Ist es hart für dich, Spielern zu sagen, dass sie nicht mehr Teil des Teams sein werden?

Klar ist das hart. Wir waren viele Monate wie eine Familie, waren immer zusammen und haben viel gemeinsam erreicht. Die vergangene Saison war für mich auch deshalb speziell, weil wir, wie eben schon gesagt, eine unglaublich tolle Teamchemie entwickelt haben. Am liebsten würde ich mit allen in die Erste Liga gehen – aber auf diesem Niveau müssen wir ein paar Veränderungen vornehmen, um unsere Ziele zu erreichen. Ich hoffe, dass wir den Kern des letztjährigen Teams behalten können, es ist immer ein schmaler Grat, wie viele Spieler man nach einem Aufstieg austauscht.

Talent Justus Hollatz hat gerade seinen ersten Profivertrag bei den Towers unterschrieben, er wird bleiben. Der 18-Jährige wurde in den Playoffs unerwartet zu einem Faktor für euch.

Justus ist ein toller Kerl. Es ist klasse, dass er die nächsten Jahre bei uns bleibt. Er ist als Identifikationsfigur ganz wichtig für uns – aber auch sportlich. Er hat als Point Guard eine gute Größe, er versteht es zu passen, und er ist ein harter Arbeiter. Ich glaube, wir werden auch in der Ersten Liga viel Freude an ihm haben.

Wie willst du in der BBL spielen lassen? Behalten die Towers ihren Stil aus der ProA bei? Grundsätzlicher gefragt: Suchst du Spieler für dein System, oder passt du es an die Spieler an, die du bekommst?

Hmm, gute Frage. Grundsätzlich denke ich, dass jeder Coach seine eigene Spielidee und Philosophie hat, wie er spielen lassen möchte. Ich versuche eigentlich immer, Line-ups zu finden, mit denen ich sowohl groß als auch klein spielen lassen kann. Für jedes Match-up eine Lösung zu haben, ist mein Ziel. Dafür brauche ich athletische und flexible Spielertypen, die möglichst mehrere Positionen bekleiden können. In der BBL sind außerdem eine gute Physis und Schnelligkeit wichtig. Marvin und ich werden in den nächsten Wochen schauen, was für die Towers drin sein wird. Wir werden im Juli zur NBA Summer League nach Las Vegas fliegen und dort nach potenziellen Zugängen Ausschau halten.

Wie läuft bis dahin die Kaderzusammenstellung? Du bist seit dem Saisonende in deiner Heimat in Florida, Marvin in Hamburg. Wird er dich in den USA besuchen?

Das ist derzeit nicht geplant und auch nicht zwingend notwendig. Wir werden, wie gesagt, nach Vegas fliegen, bis dahin werden wir jeden Tag telefonieren oder skypen – wir sind ständig in Kontakt.

Verfolgst du in Florida auch die BBL-Playoffs?

Klar, ich sehe die meisten Spiele. Vechta spielt als Liganeuling sehr beeindruckend, die EWE Baskets Oldenburg finde ich bärenstark. Die Meisterschaft wird wahrscheinlich nur über Titelverteidiger München laufen, aber die Leistungsdichte in der BBL ist schon sehr groß.

In der Saisonvorbereitung wird es wieder die Situation geben, dass du einige Wochen bei den Towers verpassen wirst, weil du Polen bei der WM coachen wirst. Die WM dauert vom 31. August bis 15. September, alles in allem wirst du drei Wochen nicht bei den Towers sein können. Ist das kein Problem in der heißen Phase der Preseason?

Überhaupt nicht. Mit Polen werde ich Mitte August am VTG Supercup in Hamburg teilnehmen, sodass ich mich in dieser Zeit auch um die Towers kümmern kann. Wir hatten dieselbe Situation bereits in der vergangenen Saison während der WM-Qualifiers, in der Zeit hat mich mein Assistent Benka Barloschky bestens vertreten.

So wird es auch Ende August, Anfang September sein?

Ja. Wir werden den Plan für die Vorbereitung bis ins kleinste Detail durchsprechen. Ich habe vollstes Vertrauen zu Benka, er hat schon vorige Saison bewiesen, dass er Verantwortung übernehmen kann.

Ist das auch der Grund, warum er ab der kommenden Saison zusätzlich noch Headcoach von Hamburgs Kooperationspartner SC Rist Wedel wird?

Ja, Benka wollte auch wieder als Cheftrainer arbeiten. Die künftige Konstellation mit ihm als Headcoach in Wedel und als Assistenztrainer bei den Towers ist ideal, um eine enge Verzahnung zwischen beiden Klubs zu gewährleisten. Mit Austen Rowland (spielte 06/07 und 09/10 unter Taylor in Ulm, d. Red.) wird außerdem noch ein weiterer Co-Trainer zu den Towers kommen, der den Fokus auf das Athletiktraining legen wird.

Für die Towers ist es trotzdem eine weniger gute Nachricht, dass du die WMQualifikation geschafft hast – für Polen umso mehr: Das Land war das letzte Mal vor über 50 Jahren bei einer Basketball-Weltmeisterschaft dabei.

Deshalb ist es für das Team, die Fans und das ganze Land etwas ganz Besonderes, dass wir uns qualifizieren konnten – noch dazu in einer so starken Gruppe, mit Kroatien, Litauen und Italien. Die Jungs haben so hart dafür gearbeitet, ich freue mich für sie. Die WM wird etwas sein, was uns immer verbinden wird.

Anschließend beginnt für die Towers die erste BBLSaison ihrer noch jungen Vereinsgeschichte. Marvin hat bereits angekündigt, dass ihr nicht nur um den Klassenerhalt spielen wollt.

Ich glaube, dass wir mit einem gesunden Selbstvertrauen in der Ersten Liga antreten können. Wir haben es uns sportlich verdient, unsere Fans stehen hundertprozentig hinter uns, und in Hamburg herrscht gerade eine richtige Basketballeuphorie – die müssen wir nutzen.

Mit euren Kaderplanungen seid ihr noch am Anfang, aber wenn du dir einen Spieler aus der BBL wünschen könntest: Wer wäre das?

Puh, schwere Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Darf es nur einer sein?

Von mir aus kannst du dir ein Mike-Taylor-Allstar- Team zusammenstellen …

Gut, dann nehme ich John Bryant als Big Man. Will Cummings als Point Guard. David Krämer aus Ulm. Rickey Paulding, weil er eine Legende ist. Und Louis Olinde, weil er hier in Hamburg groß geworden ist …

… und zur neuen Saison wieder dorthin zurückkehrt?

Let’s see what happens!


Interview: Jan Finken


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