29
Mai

BIG-Appetizer: Johannes Voigtmann

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir das Interview mit Johannes Voigtmann aus BIG #85 für Euch.

„Wir können die Besten schlagen“

Johannes Voigtmann hat mit der Nationalmannschaft bei der WM im Spätsommer große Ziele. Der Baskonia-Center spricht über das beste deutsche Team für China, seine Zukunft und zeigt sich begeistert vom aktuellen Bayern-Kader


Johannes, du warst als Kind zunächst Handballer und bist dann zum Basketball gewechselt. Warum funktioniert Handball in Deutschland besser als Basketball? Bei der WM im Januar haben bei den Spielen der Deutschen in der Spitze fast zwölf Millionen TV-Zuschauer zugesehen.

Es ist schon erstaunlich, dass bei einer anderen Sportart außer Fußball so viele Leute in den Bann gezogen werden. Das ist generell erst mal eine schöne Sache. Wahrscheinlich hat die gute Quote etwas damit zu tun, dass Handball in Deutschland tiefer verwurzelt ist. Auch die Tradition ist größer. In vielen Regionen ist die Sportart die klare Nummer zwei. Es gibt viele Standorte in Deutschland, die als Spitzensportart nur Handball haben. Ein weiterer Vorteil ist die Stärke der deutschen Liga, die als weltbeste bezeichnet werden kann. Das bedeutet, dass die größten Stars der Sportart zu einem Großteil in Deutschland auflaufen, auch wenn einige der stärksten Teams der Welt aus Paris oder Barcelona kommen. Außerdem war die Nationalmannschaft bei der WM, die teilweise im eigenen Land stattgefunden hat, sehr erfolgreich. Allerdings muss ich auch sagen: Es gab in der jüngeren Vergangenheit auch schlechtere Turniere, bei denen die Quoten bei Weitem nicht so hoch waren.

Was muss passieren, damit es für das DBB-Team zukünftig ähnliche Quoten gibt?

Wir müssen vor allen Dingen erfolgreich sein. Das ist zwar einfach gesagt, doch es steht und fällt alles mit dem Erfolg. Ich kann mich beispielsweise nicht daran erinnern, wann die Fußball-Nationalmannschaft mal bei zwei Turnieren in Folge kein gutes Ergebnis erzielt hat. Deshalb muss es uns gelingen, bei internationalen Turnieren stets oben mit dabei zu sein. Wenn wir immer mindestens im Viertelfinale oder sogar im Halbfinale sind, wird das der Entwicklung des Basketballs in Deutschland ungemein helfen. Dass das keine einfache Aufgabe ist, ist klar. Doch wir müssen sie bestmöglich erledigen. Einen anderen Weg, nachhaltig mehr Interesse für unsere Sportart zu generieren, sehe ich nicht.

Ist eine Viertelfinal- oder Halbfinalteilnahme schon bei der WM dieses Jahr ein realistisches Ziel? Es warten Frankreich, die Dominikanische Republik sowie Jordanien in der Vorrunde und Litauen, Kanada oder Australien in der Zwischenrunde. Im Viertelfinale könnte es dann zu einem Duell mit den Amerikanern kommen.

Trotzdem muss das Viertelfinale unser Minimalziel sein. Wir wollen uns für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren. Dafür müssen wir mindestens unter die besten acht Teams kommen. Schon bei der letzten EM haben wir gezeigt, dass wir die Besten schlagen können. Hinzu kommt, dass wir uns als Mannschaft in den vergangenen beiden Jahren auf keinen Fall verschlechtert haben. Ganz im Gegenteil. Wenn wir uns in diesem Jahr noch ein bisschen steigern, können wir angreifen.

Dafür müssten aber die besten Spieler dabei sein. Bei einigen Leistungsträgern könnten Vertragsverhandlungen dazwischenkommen. Erleben wir in China wirklich das beste Team, das Deutschland zu bieten hat?

Das ist schwer zu prognostizieren. Denn wenn ein Spieler die Möglichkeit hat, einen hoch dotierten Vertrag bei einem NBA-Team zu unterschreiben, die Organisation aber auf einem WM-Verzicht beharrt, muss er eine schwerwiegende Entscheidung treffen. Aber die Frage ist auch: Was ist wirklich das beste Team? Besteht es tatsächlich aus den bestmöglichen Einzelkönnern oder aus Spielern, die optimal miteinander harmonieren? Darüber wird sich Bundestrainer Henrik Rödl in den nächsten Wochen seine Gedanken machen.

Auch dein Vertrag läuft aus. Bist du bei der WM dabei?

Ich werde alles dafür geben. Allerdings gibt es maximal sechs Leute auf den großen Positionen, die mit nach China fahren. Wenn wirklich alle Top-Spieler an der Vorbereitung teilnehmen, wird der Konkurrenzkampf extrem groß werden.

Unabhängig davon wirst du auch in der nächsten Saison bei einem Top-Team unter Vertrag stehen. Wie stellst du dir deine Zukunft vor?

Das kann ich derzeit noch gar nicht sagen. Erst zum Ende des Frühjahrs werde ich anfangen, mir detailliert Gedanken darüber zu machen. Meine erste Saisonhälfte war nicht besonders stark, weshalb ich gut damit gefahren bin, mich komplett auf den Basketball zu konzentrieren. Dadurch bin ich aus diesem Loch herausgekommen.

Wie genau hast du das geschafft?

Ich habe trotzdem die Chance bekommen, viel Verantwortung zu übernehmen. Das hatte leider aber auch etwas mit der Verletzung von Tornike Shengelia zu tun. Meine Rolle wurde dadurch sogar noch etwas größer, und mein Selbstvertrauen ist wieder gewachsen. Selbstvertrauen ist für einen Spieler einfach enorm wichtig – gerade in einer so starken Liga wie der ACB.

Dort spielst du nun schon fast drei Jahre. War der Wechsel aus der BBL nach Spanien der richtige Schritt?

Auf jeden Fall, die drei Jahre hier haben mir bei meiner Entwicklung als Spieler sehr geholfen. Ich habe schließlich in der besten Liga Europas gespielt und dazu noch in der EuroLeague. Zweimal haben wir es dort sogar in die Playoffs geschafft. Ich konnte mich also stets auf einem sehr hohen Level beweisen, was ungemein wichtig ist. Deshalb kann ich auf jeden Fall sagen: Was auch immer die Zukunft für mich bringt, meine Zeit hier bei Baskonia hat mich gut darauf vorbereitet.

Auch weil du sehr flexibel eingesetzt wurdest? Du hast nicht nur auf der Center-Position, sondern oft auch als Power Forward gespielt.

Am Anfang der Saison habe ich sogar nur auf der Vier gespielt. Aktuell komme ich aber wieder auf beiden Positionen zum Einsatz. Ich fühle mich auf der Fünf ein bisschen wohler, aber letztlich hängt die Rolle auf einer Position auch immer vom System einer Mannschaft ab. Wenn auf der Vier spielen heißt, dass ich die ganze Zeit nur in der Ecke stehe und auf einen freien Wurf warte, ist das nichts für mich. Denn ich bin ein Spieler, der den Ball auch in der Hand haben muss, um effektiv zu sein. Mir kommt es auch auf die Ballbewegung an. Wenn mir das auf der Vier ermöglicht wird, gibt es für mich keinen großen Unterschied zwischen diesen beiden Positionen. Dann macht es Sinn, dass ich als Power Forward auflaufe. Die größte Umstellung gibt es in der Verteidigung, da die meisten Spieler auf der Vier ein bisschen leichter und dadurch auch ein bisschen schneller sind.

Ein Blick auf die Stats zeigt: Du bist als Starter deutlich effektiver. Warum ist es für dich so wichtig, in der ersten Fünf zu stehen?

Das ist es gar nicht. In einem Spiel kommt es aber sehr wohl darauf an, wie groß das Selbstvertrauen eines Spielers gerade ist. Wie anfangs gesagt, war es bei mir zu Saisonbeginn nicht wirklich groß. Zu diesem Zeitpunkt habe ich einfach nicht das geleistet, was ich kann und von mir erwarte. Dadurch bekam ich weniger Chancen, Fehler zu machen. Mit der Zeit habe ich wieder mehr Vertrauen in mein Spiel bekommen und wurde zum Starter. Dank mehr Minuten auf dem Feld wurden mir auch Fehler verziehen. Das hat das Spiel für mich leichter gemacht, ich wurde wieder effektiver.

In der ACB gehört ihr wieder zu den Top-Teams, in der EuroLeague hattet ihr lange Probleme. Wie ist dieser Unterschied zu erklären?

Das Niveau ist einfach noch höher. Die ACB ist gut besetzt, aber in der EuroLeague hat man jede Woche ein Top-Spiel. Vor allem um die Auswärtspartien zu gewinnen, muss ein Team einen guten Tag erwischen und darf kaum Fehler machen. Die EuroLeague-Mannschaften sind individuell sehr stark besetzt und extrem diszipliniert, weshalb jeder kleine Fehler sofort bestraft wird. Bestehen kann man gegen sie nur mit sehr viel Energie und dem nötigen Engagement. Am Anfang der Saison ist uns das nicht gelungen. Aktuell haben wir einfach einen besseren Rhythmus und das nötige Selbstvertrauen. Das hilft ungemein. Zwar haben wir in jeder Woche immer noch einen richtig guten Gegner, aber viele Teams begegnen uns nun mit deutlich mehr Respekt. Als wir mit Frankfurt gegen Bayern München gespielt haben, hatten wir auch viel Respekt. Einige Leute sagen dann: Dann legt ihn doch einfach ab. Aber das ist nicht so einfach.

Hatte der schlechte Saisonstart auch etwas mit dem Druck aus dem Umfeld zu tun? Das EuroLeague-Final-Four findet dieses Jahr in Vitoria statt.

Ich habe schon das Gefühl, dass der Druck sehr hoch ist. Allerdings wird dieser eher von außen an die Mannschaft herangetragen. Für mich persönlich war das Final Four lange Zeit überhaupt kein Thema. Es war auch nicht so, dass sich vor dem Spiel jemand hingestellt und gesagt hat: „Okay, wir müssen dieses Spiel gewinnen, um ins Final Four zu kommen.“ Dennoch war der Druck von außen immer mehr zu spüren. Die Erwartungshaltung der Fans ist riesig und vielleicht auch ein Stück weit zu groß. Das ist verständlich. Wir müssen realistisch an die Sache herangehen: Wenn wir dieses Jahr ins Final Four kämen, wäre das eine absolute Sensation. Es wäre eine ähnlich große Sache wie 2016, als Vitoria unter die letzten vier in Berlin kam. Denn was den Spieleretat angeht, gehören wir eher in die zweite Tabellenhälfte. Trotzdem werden wir alles dafür geben, es irgendwie zu schaffen.

Die Fans erwarten den Final-Four-Einzug. Und die Vereinsführung?

Wir haben nicht wirklich viel darüber gesprochen. Als Spieler haben wir aber natürlich den Wunsch, ein EuroLeague-Final-Four vor heimischem Publikum zu spielen. Das wäre etwas richtig Großes, einfach unglaublich. Ich bin mir auch sicher, dass jeder Spieler, der bei uns im Sommer einen Vertrag unterschrieben hat, dieses Turnier im Hinterkopf hatte. Aber wie gesagt: Als Team haben wir nie viel darüber gesprochen, es ist wie eine Art ungeschriebenes Gesetz.

Neben euch hatten auch die Bayern bis zuletzt Chancen, das Viertelfinale zu erreichen. Ist die aktuelle Münchener Mannschaft das beste BBL-Team aller Zeiten?

Ich denke schon, dass die Bayern das beste BBL-Team aller Zeiten sind. Die Bamberger hatten vor einigen Jahren zwar auch schon mal ein sehr starkes Team, aber die aktuelle Mannschaft der Münchener hat schon sehr viel Qualität. Sie sind tief besetzt und haben einen guten Coach, der stark verteidigen lässt. Das hat ihnen vor allem in der EuroLeague ungemein geholfen. Viele Teams waren überrascht, wie stark die Bayern wirklich sind. Sie hätten ihnen nicht zugetraut, um den Viertelfinal-Einzug mitzuspielen.

Ihr X-Faktor ist Derrick Williams. Gab es in der BBL schon mal solch einen athletischen Spieler?

Ich glaube nicht. Bei einem Transfer dieser Art kann es aber in die eine oder die andere Richtung gehen. Doch Williams hat alle Erwartungen übertroffen, so wie er gerade spielt. Er ist nicht nur unglaublich athletisch, sondern auch ein sehr vielseitiger Scorer. Solch ein Spielertyp hat den Bayern einfach noch gefehlt, er ergänzt sich auf dem Feld sehr gut mit Danilo Barthel. Insgesamt spielen die Bayern einen guten Basketball.

Dir gefällt ihr Spiel?

Ja, sie spielen ähnlich wie wir damals in Frankfurt. Sehr strukturiert und nicht ganz so schnell wie der EuroLeague-Durchschnitt. Ihr Fokus liegt eher auf der Verteidigung und der Rebound-Arbeit. Das gefällt mir schon gut.

Aber nicht so gut wie das Spiel in der ACB?

Genau, deshalb bin ich damals auch gewechselt. Die ACB hat eine noch höhere Qualität an Spielern. Fast alle hier haben einen sehr hohen Basketball-IQ. Fehler werden in der spanischen Liga etwas schneller bestraft als in der BBL. Auf der anderen Seite läuft das Spiel in der Bundesliga insgesamt ein bisschen schneller und ist athletischer.

Profitiert die ACB davon, dass dort nur zwei Amerikaner eingesetzt werden dürfen?

Diese Regel ist sehr gut. Statt vieler Amerikaner sind die besten EU-Ausländer in der ACB. Viele Spieler aus dem ehemaligen jugoslawischen Raum wie Serben und Kroaten, dazu Balten und natürlich die besten Spanier. Bei vielen von ihnen stand die technische Ausbildung im Vordergrund. In der Bundesliga wird hingegen mehr auf Amerikaner zurückgegriffen, die nicht ganz so gut ausgebildet sind, dafür aber eben durch ihre Athletik überzeugen.

Andi Obst hat im BIG-Interview gefordert, die Regel in der BBL entsprechend anzupassen. Stimmst du zu?

Ja, zu 100 Prozent. Eine solche Änderung wäre sehr sinnvoll, auch wenn sie nicht von einem auf das andere Jahr durchgesetzt werden kann. Aber nach und nach könnte eine solche Regelung eingeführt werden. Denn dadurch würde auf Dauer nicht nur das Level der Deutschen und der EU-Ausländer steigen, sondern auch das der nach Deutschland kommenden US-Amerikaner. Zusätzlich zur anfangs besprochenen Stärke der Nationalmannschaft kann auch dieser Schritt helfen, um den deutschen Basketball und unsere einheimischen Spieler dauerhaft besser zu machen. Ein Schritt, der der Aufmerksamkeit für die Liga nur guttun kann.

Interview: Alexander Büge


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