09
Dez

BIG-Appetizer: Christian Standhardinger

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch den Artikel über Christian Standhardinger aus der BIG #36.

CHRISTIAN STANDHARDINGER galt als Mega-Talent und ging ans College. Dann begann eine zermürbende Suche nach sich selbst. Er flog raus, stand vor dem Karriere-Ende, arbeitete in einer Bar - und kehrte dann doch in die Halle zurück. Und jetzt ist er wer: Bei den Wölfen vom MBC rockt er die Liga, rückt in dies Visier von Top-Klubs

Dieser Mann, der in der Halle in Weißenfels vor uns steht, ist kein Talent mehr: 2,03 Meter, 100 Kilo, breite Schultern. Christian Standhardinger, heute 25, war 2009 als schmächtiger, schmaler Jugendlicher in die USA gegangen. Jetzt könnte er auch als Holzfäller durchgehen.

Vor fünf Jahren haben viele Experten in Standhardinger einen neuen deutschen Top-Spieler gesehen. Manche verglichen seine Möglichkeiten sogar mit denen eines Nowitzki. Das war hoch gegriffen.

Zwischendurch tauchte Standhardinger ab. In den USA gab es ein Auf und Ab. Gerüchte über sein Karriere-Ende kamen auf. Doch nichts da.

Jetzt ist Standhardinger endlich in der Beko BBL angekommen. Seit dieser Saison zeigt er, was wirklich in ihm steckt.

Der Small Forward, der inzwischen aussieht wie ein Power Forward, schloss sich im Sommer dem MBC an. Seine erste Station als Profi. Eine überraschend kleine Nummer, aber eine, die zu Standhardinger passt. Weil sie ein bisschen anders ist.

Und was heißt schon klein. Mit 18,5 Punkten pro Spiel katapultierte Standhardinger seine Wölfe auf Anhieb zu drei Siegen in Serie und sich selbst auf Platz drei der besten Scorer der Liga. Mit knapp 31 Minuten pro Partie stand er so lange auf dem Feld wie kein anderer Wolf. Beim Spiel in Braunschweig gewann er die Verlängerung fast im Alleingang, erzielte zwölf Punkte.

Es fällt auf, dass Standhardinger sich reinhängt. Er will Verantwortung übernehmen, er hat Spaß daran. Das belegen 37 (!) Freiwürfe, die er in vier Spielen zugesprochen bekam. 26 traf er. Es klappt noch nicht alles – aber schon sehr viel.

Die Wölfe-Fans erleben einen – wie heißt es so schön – gereiften Standhardinger. Einen, der erkannt hat, was für ein Privileg es ist, als Basketball-Profi zu leben.

Da gab es auch ganz andere Zeiten.

Den ersten kleinen Absturz erlebte Standhardinger in den USA. Nach zwei Jahren in der NBBL spielte er noch eine Saison für den ProB-Ligisten Ehingen, ehe er an die University of Nebraska wechselte. Das war 2011.

Dort schmiss er nach zwei Jahren das Handtuch, weil sich weder seine noch die Erwartungen der Verantwortlichen an ihn erfüllten. „Ich war damals noch sehr dünn, war eher auf der Position des Small Forwards beheimatet. Mein damaliger Headcoach wollte aus mir aber einen Center machen und forderte, dass ich 30 Kilo zunehme.“ Der geplante Wechsel an die erzkonservative La Salle University in Philadelphia zerschlug sich, weil er sich eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses einhandelte. Eine Episode in seinem Leben, über die Standhardinger nicht mehr sprechen will, die für seinen Ex-Coach Ralph Junge aber sowieso überbewertet wird. „La Salle und sein Headcoach hatten damals eine Menge anderer Probleme, da kam ihnen dieser Vorfall ganz recht, um Christian abzuservieren.“

Es begann „die schlimmste Zeit meines Lebens“, wie sie Standhardinger nennt. „Ich bin nach Hause nach München zurückgekehrt und habe mich fünf Monate lang eingeschlossen, eine Unmenge an Büchern gelesen und viel über mich nachgedacht.“

Fünf Monate ohne Basketball. Standhardinger: „Ich habe keinen Basketball in der Hand gehabt. Ich war an einem Punkt, an dem ich mich gefragt habe: Was willst du in deinem Leben erreichen? Und was willst du für ein Mann sein?“ Er dachte an das Ende einer Karriere, die noch gar nicht begonnen hatte. „Ich habe in einer Bar gearbeitet und sogar überlegt, den Sport ganz an den Nagel zu hängen. Ich habe mich richtig herausgeputzt und meine feinsten Klamotten angezogen, bin in den Laden marschiert und habe gefragt, ob es hier keinen Job für mich gebe. Ich habe wirklich alle Register gezogen, habe beispielsweise argumentiert, dass ich dank meiner Größe überall zum Putzen drankäme. Ich bekam einen Job, aber eher als Handlanger.“

Die Monate vergingen und Standhardinger bekam langsam neue Lust, doch wieder in die Halle zu wechseln: „Im Endeffekt hätte ich es mir nie verziehen, wenn ich nicht alles versucht hätte, um der beste Basketballer zu werden, der ich sein kann. Und ich habe mir vorgenommen, positiv zu sein und zu versuchen, die Menschen um mich herum besser zu machen.“

Dann kam das Angebot aus dem Urlaubsparadies. Das Angebot der University of Hawai?i at Manoa war für ihn ein Glücksfall. Zwar musste er aufgrund der NCAA-Regularien ein Jahr aussetzen, stieg aber wieder voll ins Training ein. In den zwei Saisons darauf entwickelte er sich dann zum unumstrittenen Leader der Rainbow Warriors. „Ich war in fast allen meiner Teams der Go-to-Guy, von daher war das für mich nichts Ungewöhnliches.“ In seinem Senior-Jahr stand er über 31 Minuten im Schnitt auf dem Feld, erzielte 18,1 Punkte und holte 8,4 Rebounds pro Spiel. Parallel schloss er sein Studium erfolgreich ab und genoss ansonsten die Vorzüge, die Hawaii zu bieten hat. „Es ist sehr viel einfacher, hart zu trainieren, wenn man weiß, dass man hinterher am Strand relaxen kann.“

Sein College war weit weg. Vielleicht flog Standhardinger auch deshalb unter dem Radar vieler Scouts. Sein Ruf, ein schwieriger Charakter zu sein, dürfte ebenfalls manchen Klub davon abgehalten haben, ihn nun zu verpflichten, obwohl er zum ersten Mal auf dem Markt ist.

Aber was ist denn nun dran am komplizierten Standhardinger?

Fabian Winter war Standhardingers Trainer bis zur U18 bei der DJK München. Zu BIG sagt er: „Christian ist eines der größten deutschen Talente des Jahrgangs 1989, von Anfang an ein Leader und ein Kämpfer. Er hat diesen Hunger, den man jemandem nicht beibringen kann.“ Winter weiß aber auch, dass der Sohn einer philippinischen Mutter und eines deutschen Vaters seinen ganz eigenen Kopf hat: „Er ist keine Schachfigur, die man hin- und herschieben kann. Er ist ein Paradiesvogel, der nicht in jeder Mannschaft funktioniert.“

„Christian ist speziell“, sagt Ralph Junge. Der Headcoach des ProA-Ligisten Nürnberg kennt Standhardinger seit Jugendtagen. In den ersten beiden NBBL-Jahren, 2007 und 2008, hatte Junge den damals 17-Jährigen unter seinen Fittichen. Mit ihm als Anführer gewann das Team Urspring zweimal die deutsche U19-Meisterschaft. „Christian war damals ein echter Heißsporn. Und er hat damals schon nicht so gedacht wie ein ,normaler‘ deutscher Basketballer. Er war immer sehr analytisch, hat beim ersten Tip-off schon überlegt, wie er aus dem ersten Angriff punkten kann. Christian hat eine faszinierende Denke.“ Junge kritisiert: „Viele, mit denen ich mich über Christian unterhalten habe, haben ihre Meinung über ihn, obwohl sie ihn gar nicht persönlich kennen.“

Na, ja: Spezieller Paradiesvogel mit faszinierender Denke. Würden Sie diesen Spieler in Ihren Kader aufnehmen?

Silvano Poropat tat es. Nach zehn Tagen Probezeit.

Poropat hat ein kleines Budget und eine gute Nase. Er sagt zu BIG: „Christian ist unglaublich ehrgeizig. Er will alles besser machen, und das am liebsten sofort. Manchmal muss ich ihn bremsen.“

Standhardinger war die letzte Neuverpflichtung und rutschte nur in den Kader, weil die Mitteldeutschen den Vertrag mit Johannes Lischka aufgelöst hatten. Poropat: „Der Name Christian Standhardinger war mir natürlich geläufig. Zu meiner Ludwigsburger Zeit spielte er mit Urspring oft gegen unseren Nachwuchs, da war sein großes Talent schon offensichtlich.“ Aber warum ging Poropat das Risiko ein? „Christians Motor ist immer an. Mit seiner Energie ist er genau der Spieler, den wir brauchen. Er passt perfekt in die Mannschaft, die aus sehr vielen Werfern besteht. Da brauchen wir einen wie Christian, der jedes Mal zum Korb zieht und jedem Rebound hinterhergeht.“ Auch Poropat ist nicht entgangen, dass „er ein sehr individueller Typ ist. Beispielsweise wollte ich nach einem Testspiel über seine Laufwege sprechen und ihm erklären, was er noch besser machen kann. Das hatte Christian dann aber schon selbst analysiert, und es war im Grunde alles richtig. Ich brauchte ihn nur noch auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen.“

Standhardinger gibt die Komplimente gern zurück: „Was gibt es Tolleres, als für den zweimaligen Trainer des Jahres spielen zu dürfen? Ich habe in der kurzen Zeit, in der ich unter Silvano trainiere, so viel gelernt wie schon lange nicht mehr.“

Das klingt alles gut, aber die Saison ist noch jung. Genau wie Standhardinger.

Er hat gerade erst angefangen, Profi zu sein. Jetzt hat er sich vorgenommen, durchzustarten – und dafür zu leben.

„Ich tue alles, was in meiner Macht steht, um so erfolgreich zu sein wie möglich.“ Mindestens eine Stunde zusätzliches Wurftraining pro Tag, 300 bis 400 zusätzliche Würfe: „Ich will sagen können, dass ich mich vor einem Spiel bestmöglich vorbereitet habe. Ich könnte es nicht ertragen, wenn wir verlieren und ich beim Blick in den Spiegel feststellen muss, dass ich vorher hätte härter arbeiten können.“ Anders als heute? „Ich glaube ganz ehrlich, dass ich mehr und länger als jeder andere in dieser Liga laufen kann …“

Dazu gehört, sich gesund zu ernähren. Er achtet auf mindestens acht Stunden Schlaf und trinkt keinen Alkohol. Standhardinger: „Ich habe vor zwei Jahren damit begonnen, meine Ernährung umzustellen. Ich hatte damals lange Gespräche mit mehreren Doktoren, unter anderem mit Dr. Dietmar Schubert, dem Teamarzt von Ehingen, mit dem ich sogar die richtigen Lebensmittel einkaufen gegangen bin. Ich wollte wissen, wie ich die meiste Energie durch Ernährung gewinnen kann. So habe ich meine Zufuhr von Kohlehydraten begrenzt, einzig an Tagen vor einem Spiel haue ich richtig rein. Für mich hat sich das als ungeheuer effektiv herausgestellt. Außerdem fühle ich mich nicht mehr so oft erschöpft oder down wie früher.“

Trotzdem: Irgendetwas wühlt in Standhardinger weiter.

Er liest viel („Ich bin davon überzeugt, dass jedes Problem schon in einem Buch behandelt und gelöst wurde“), seinen Fernseher hat er abgeschafft. Sein Kommentar dazu: „Warum schauen wir Fernsehen, warum? Ich sehe darin keinen Sinn mehr. Ich schaue seit drei Jahren kein TV mehr. Es gibt 1000 sinnvollere Dinge, die man in dieser Zeit machen kann. Sich weiterbilden, zum Beispiel, oder der alten Frau von nebenan die Einkaufstaschen hochtragen. Ich konnte zu meiner College-Zeit auch meine Mitspieler nicht verstehen, deren Leben sich ausschließlich um Basketball drehte. Nach dem eigenen Spiel haben sie an der Spielekonsole NBA 2K gezockt und sich abends im Fernsehen noch NBA-Spiele reingezogen. Ich persönlich kann das nicht.“

Als BIG mit ihm spricht, ist das Abendtraining gerade vorbei, die Einkäufe im Supermarkt sind erledigt. Eigentlich Zeit, um zu relaxen, doch der Forward scheint ständig unter Strom zu stehen. Ein Besessener, so der Eindruck, der von dem Willen, der Beste zu sein, getrieben wird. „Ich stehe unter einem unglaublichen Druck. Druck, den ich mir selbst mache“, erklärt Standhardinger, der mit seiner Mutter und zwei Schwestern in einfachen, aber nicht ärmlichen Verhältnissen in München aufgewachsen ist. „Ich bin zwar schon 25 Jahre alt, aber ich fühle und spiele wie ein Jugendlicher. Ich laufe so viel und so schnell ich kann, ich kämpfe, ich bin emotional.“

Standhardinger erklärt diese Haltung mit den Erfahrungen von vor drei Jahren, als alles auf dem Spiel stand: „Als ich damals in meinem Zimmer in München saß und ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte, war meine größte Angst die Antwort auf die Frage ‚Was wäre, wenn …?‘: Was wäre, wenn ich mir hinterher Vorwürfe gemacht hätte, nicht doch auf die Karte Basketball zu setzen? Wie gut hätte ich werden können? Diese Angst, die mein ständiger Begleiter ist, macht mich zu einem besseren Spieler. Ich bin inzwischen überzeugt davon, dass wir Ängste, die uns im Leben weiterbringen, behalten und nicht bekämpfen sollten.“

In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde Standhardinger mit dem Satz zitiert: „Es gibt Menschen, die lieben Basketball. Ich nicht.“ Das habe er so nicht gesagt, wehrt er ab. „Aber Basketball ist, wie jeder Sport, für mich vor allem ein Mittel, mich mit anderen zu messen.“ Und dafür ist ihm auch ein Ausflug zum Boxen recht. „Ich möchte der Typ Mann sein, der sich und seine Familie, seine Freunde oder die Partnerin beschützen kann. Ich wollte lernen, wie ich geliebte Menschen im Ernstfall verteidigen kann. Meine letzte Saison auf Hawaii war zu Ende und ich habe überlegt, wie ich mich fit halten könnte. Ein Freund hat mich dann zum Boxen mitgenommen. Zwei Monate habe ich trainiert, ehe mein erster Amateur-Kampf anstand. Mein Gegner wog 30 Kilo mehr und in dem Moment, als ich ihm im Ring gegenüberstand, hatte ich echt Angst. Aber auch da habe ich mich an meine Zeit zuvor in München erinnert. Also habe ich meine Angst überwunden. Ich habe bei diesem Kampf echt gut kassiert, aber immerhin bin ich nicht k.o. gegangen, also denke ich, dass es durchaus ein Erfolg war. Eigentlich will ich jetzt aber auch nicht mit einem Rekord von null Siegen bei einer Niederlage abtreten …“

Alles ein bisschen strange, alles ganz schön bunt. Aber klar ist: Mit dem nächsten Boxkampf darf sich Standhardinger erst mal Zeit lassen. Denn jetzt geht er als Wolf auf die Gegner los. In der Beko BBL, die diesen Typen gut gebrauchen kann.



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