20
Jan

BIG-Appetizer: Interview mit Johan Roijakkers

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Johan Roijakkers aus BIG #59.

„Ich weiß, dass ich kein einfacher Typ bin“. Johan Roijakkers ist seit 2012 Trainer bei der BG Göttingen. Für den Niederländer dreht sich 24 Stunden am Tag alles um Basketball – zwangsläufig, denn in Ermangelung eines Assistant Coaches beginnt sein Tag schon im Morgengrauen. Im BIG-Interview spricht er über kalte Schulturnhallen, seinen hohen Verbrauch an Datenvolumen und die Tatsache, warum er nie mit seinem Bruder zusammenarbeiten könnte

Text: Jan Finken

 

 

 


Johan, als wir uns für dieses Interview verabredet haben, hast du gesagt, du seist am besten morgens, ab 7 Uhr, in deinem Büro zu erreichen. Beginnt dein Arbeitstag immer um diese Zeit?

In der Regel bin ich sogar schon um 6.45 Uhr im Office. (lacht) Und es stimmt, ich bin jeden Tag so früh in meinem Büro, oft auch am Wochenende. Ich bin Frühaufsteher und deshalb macht es mir nichts aus, um diese Zeit den Arbeitstag zu beginnen. Abgesehen davon habe ich auch keine andere Wahl, denn ich habe keinen Assistant Coach, der mir Arbeit abnehmen könnte. Deshalb verbringe ich den Morgen meist mit Videoanalysen, dem Scouting des nächsten Gegners und der Vorbereitung der kommenden Trainingseinheit. Im ersten Jahr in Göttingen hatte ich einen Assistenten, aber sein Honorar ging von meinem Spieler-etat ab. Deshalb investiere ich das Geld lieber in einen Spieler, obwohl man auf Bundesliganiveau ohne Hilfe auf der Trainerbank eigentlich nicht professionell arbeiten kann. So muss ich schauen, dass ich alles allein erledige. Das soll jetzt aber nicht so klingen, als würde ich mich beschweren: Für mich ist das keine Arbeit, sondern etwas, was mir riesigen Spaß macht. Ich lebe und esse Basketball.

Klingt, als würdest du keinen großen Wert auf ein Privatleben legen.
Ich lebe gern allein und vermisse nichts. Wenn ich abends zu Hause bin, schaue ich niederländisches Fernsehen, habe Kontakt mit meinen Freunden in meiner Heimat und relaxe ein bisschen. Für mich ist das ein Lifestyle, mit dem ich sehr glücklich bin.

Es heißt, du nutzt sogar dein persönliches Fitnesstraining, um zu arbeiten.

Ja, ich habe auf meinem Laufband einen kleinen Monitor, wo ich mir Basketballspiele anschaue. Nur zu laufen, ohne dabei etwas anderes Nützliches zu tun, ist für mich vertane Zeit. Weil ich so viel arbeite, auch wenn ich unterwegs bin, habe ich extra einen Internetvertrag mit 15 Gigabyte pro Monat. Mehr gibt es derzeit leider nicht.

Fehlen dir ohne Assistent nicht der Austausch und das Feedback zu Fragen, die deine Arbeit mit dem Team betreffen?

In der Tat vermisse ich einen Assistenten, um mich im Training und beim Spiel mit ihm auszutauschen. Allerdings bekomme ich bei der Spielvorbereitung wertvolle Unterstützung von unserem Mitarbeiter Seyed Tarrah, der vor Kurzem die Trainer-A-Lizenz erworben hat. Leider kann er bei Spielen und im Training nie dabei sein. Wir haben im Klub außerdem eine tolle Kombination von Gesellschaftern, die alle sehr clever sind und nüchtern analysieren können. Mit ihnen tausche ich mich regelmäßig aus.

Apropos nüchtern: Man sagt dir nach, dass deine Begeisterungsfähigkeit nicht sonderlich ausgeprägt und es schwer ist, mit dir warm zu werden …

Ich bin eben, wie ich bin. Ich weiß, dass ich kein einfacher Typ bin und es schwer ist, mich wirklich kennenzulernen. Ich gebe nicht gern Persönliches von mir preis und poste deshalb auch nichts auf Facebook oder Twitter. Ich glaube aber, dass die Fans in Göttingen nach vier Jahren inzwischen wissen, wie ich ticke und was sie an mir haben.

Du bist 2012 in Göttingen Trainer geworden und hast den Verein von der ProA zurück in die BBL geführt. Vor Kurzem hast du deinen Vertrag bis 2018 verlängert. Es scheint also, du weißt auch, was du an diesem Verein hast.

Auf jeden Fall. Als ich vor rund vier Jahren hier angefangen habe, hätte der Klub nach ein paar Monaten seine Ausstiegsklausel nutzen können, wenn er der Meinung gewesen wäre, ich sei nicht der Richtige für den Job. Er hat es nicht getan, und jetzt arbeiten wir mindestens bis 2018 zusammen – und ich glaube, da kommen noch einige Jahre hinzu!

Damals bist du kurz vorher mit Prievidza in der Slowakei Meister geworden. Warum dann der Schritt in die 2. Liga Deutschlands?

Der Name Göttingen hat in Basketballeuropa einen guten Klang. Die Verantwortlichen hatten einen klaren Plan, ein sicheres Budget und den Willen, nach zwei Jahren wieder in die 1. Liga aufzusteigen. Das haben wir geschafft, und mir gefällt, dass wir hier im Klub jeden Tag einen Schritt nach vorn machen. Nicht zuletzt haben wir leidenschaftliche Fans, die immer hinter uns stehen. Ohne sie hätten wir beispielsweise kürzlich das Derby in Braunschweig nicht gewonnen (77:75 für Göttingen, Anm. d. Red.).

Der nächste große Schritt für den Verein ist die Eröffnung seines neuen Basketballzentrums. Du sagst, in Deutschland habe kein anderer Klub etwas Vergleichbares.

Für uns ist die Trainingshalle ein Quantensprung. Die Spieler können jederzeit trainieren und sind nicht mehr an unsere bisherigen Hallenzeiten gebunden. Auf 600 Quadratmetern werden außerdem hochprofessionelle Möglichkeiten für Athletik- und Krafttraining geschaffen. Die Geschäftsstelle wird hier einziehen, außerdem eine Physiotherapie-Praxis. Es gibt eine Sauna, eine Lounge mit Playstation und anderen Spielen, wo unsere Spieler relaxen können, wo aber auch unsere Jugendspieler beispielsweise ihre Hausaufgaben erledigen können. Außerdem gibt es einen Raum für Videoanalysen, der mit Kinosesseln bestückt ist. Im Locker Room hat jeder Spieler an seinem Platz einen USB-Port.

Warst du an der Planung der Halle beteiligt?

Ja, wir haben rund zwei Jahre so gut wie jeden Tag an den Plänen gearbeitet. Mir waren vor allem die Details sehr wichtig, etwa die Breite der Linien auf dem Spielfeld, die Höhe der Videoleinwand, damit auch die Spieler in den hinteren Reihen alles sehen können, solche Dinge. Auch für mich wird das Trainingszentrum eine unglaubliche Arbeitserleichterung darstellen. Bislang bin ich von der Geschäftsstelle kreuz und quer durch die Stadt zu unseren Trainingshallen gefahren. Dort durfte ich nicht eher in die Halle, bis der Schulsport beendet war, und musste in einer Umkleidekabine warten. In unserem bisherigen Videoraum mussten sich die Spieler praktisch übereinanderstapeln, weil er so klein war. Was die Trainingsbedingungen angeht, waren diese bei meinen bisherigen Stationen noch nie so schlecht wie in Göttingen – mancher Viertligist hat da bessere Bedingungen. Es war in unserer Halle teilweise so kalt, dass die Spieler Longsleeves und Pullover tragen mussten. Deswegen musste ich übrigens auch mit dem elektronischen Spieler-Tracking aufhören.

Du sprichst von der Erfassung von Bewegungs- und Fitnessdaten von jedem Spieler. Du nutzt als Einziger in der BBL dieses System.

Soweit ich weiß, ja. In den USA ist diese Technik längst im Trainings-alltag der Profi-Klubs angekommen, hier in Deutschland ist sie noch nicht so verbreitet. Über einen ins Trikot eingenähten Sensor wird jede Drehung, jede Beschleunigung, jeder Sprung aufgezeichnet. Mir hilft das sehr bei der Steuerung der Trainingsbelastung. Ich kann erkennen, bei welchem Spieler ich die Intensität zurückfahren muss und wo ich sie erhöhen kann. Zur Vorbeugung von Verletzungen ist diese Technik Gold wert.

Derzeit kannst du sie aber nicht nutzen?

Richtig, die Sensoren können in die Longsleeves nicht eingearbeitet und genutzt werden, aber ich kann meinen Spielern ja schlecht sagen, dass sie frieren müssen, weil ich ihre Daten brauche. Diese Messungen hatten beispielsweise einen wesentlichen Anteil an unserem Aufstieg von der ProA in die 1. Liga. Wir hatten damals noch einen Sportwissenschaftler in London, mit dem wir regelmäßig zusammengearbeitet haben. Seine Ergebnisse und Hinweise haben dazu beigetragen, dass unser Team damals das mit Abstand fitteste in der Liga war. Aus Kostengründen mussten wir auch diese Zusammenarbeit beenden, sodass ich die Daten jetzt allein analysiere und meine Schlüsse daraus ziehe. Ich kenne mich gut aus, aber die Technik entwickelt sich ständig weiter. Um all ihre Möglichkeiten nutzen zu können, bräuchte ich Unterstützung, beispielsweise durch einen Assistant Coach. Einen zu finden und finanzieren zu können, ist die nächste große Aufgabe für unseren Verein.

Dein Bruder ist Trainer beim ProB-Ligisten Stahnsdorf. Wäre er kein Kandidat als Assistenztrainer von dir?

Um Gottes willen, nein! (lacht) Familie und Job unter einen Hut zu nehmen, wäre zumindest in unserem Fall keine gute Idee. (grinst) Thomas ist in Sachen Basketball noch viel verrückter, als ich es bin. Was nicht heißen soll, dass wir uns nicht gut verstehen; miteinander zu arbeiten, kann ich mir aber eher nicht vorstellen.

Du bist sehr analytisch, was die Vorbereitung auf eure Gegner angeht.

Ich habe immer eine klare Meinung, wie man das jeweils gegnerische Team schlagen kann. Von meinem Gameplan weiche ich auch während des Spiels selten ab, weil ich vom Ergebnis meiner Analyse total überzeugt bin. Sollte sich aber abzeichnen, dass wir auf diesem Wege nicht zum Erfolg kommen, nehme ich natürlich auch Anpassungen vor; die grundsätzliche Ausrichtung bleibt jedoch dieselbe.

Aber wäre es nicht auch dafür hilfreich, sich mit jemandem über die richtige Strategie auszutauschen? Was ist, wenn du falsch liegst?

Klar hilft es, während des Spiels Feedback zu Taktik und Auswechslungen zu bekommen. Ich hoffe auch, dass dies in naher Zukunft der Fall sein wird. Selbstverständlich muss ich aber genauso davon überzeugt sein, dass mein Gameplan zu 100 Prozent funktionieren wird.

Dann müsstet ihr ja eigentlich jedes Spiel gewinnen.

Geht es um die reine Taktik, weiß ich, dass wir immer den richtigen Plan haben, um die Schwachstellen des Gegners auszunutzen. Wenn ich mich auf diese konzentriere, muss ich umgekehrt die Stärken des Gegners akzeptieren; ich nenne das „You have to pick your Poison“.

Glauben deine Spieler so kompromisslos an diese Statistiken wie du selbst?

Manche waren natürlich auch kritisch. Ich erinnere mich an das Spiel in Ludwigsburg vergangene Saison. Ich wusste, dass wir eine Chance haben zu gewinnen, wenn wir die Ludwigsburger bei unter zehn Assists halten. Zur Pause hatten sie schon acht, und ich wusste, dass wir verlieren werden. Für den Lernprozess sind solche Spiele hilfreich: Verteilt Ludwigsburg 16 Assists und wir gewinnen trotzdem, fragen sich meine Spieler zu Recht, was für einen Quatsch ihr Coach erzählt. Ich weiß aber, dass wir Spiele gewinnen, in denen wir unseren Gameplan umsetzen können.

In der neuen Saison gelingt auch das bislang ganz gut: Von den ersten zehn Spielen konntet ihr fünf gewinnen. Was ist der Unterschied zur vergangenen Spielzeit, als ihr bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg gekämpft habt?

Das Team! Wir haben jetzt bessere Jungs dabei. Letzte Saison hatten wir einige Spieler, die der Meinung waren, dass der Verein dankbar sein müsste, dass sie für den Klub spielen. Jetzt wissen alle die Möglichkeit zu schätzen, die ihnen Göttingen bietet. Ein Spieler-Klub-Verhältnis kann nie nur eine Einbahnstraße sein; es ist ein Geben und Nehmen. Es mögen bei anderen Vereinen höhere Gehälter gezahlt werden, aber das ist nicht alles. Auf der anderen Seite ist das Gras nicht immer grüner … Das ist auch der Grund, warum viele Spieler nach Göttingen zurückkehren, wenn sie zwischendurch anderswo gespielt haben.

Aktuelles Beispiel ist Alex Ruoff, der jetzt aus Ludwigsburg zurückkam …

… sowie Adam Waleskowski, der zuletzt auch in Ludwigsburg gespielt hat und 2010/2011 schon einmal in Göttingen unter Vertrag stand. Vorher waren es Khalid El-Amin und Harper Kamp. Und es gab noch weitere Spieler, die gern zu uns zurückgekehrt wären.

Warum ist Ruoff zurückgekehrt? Die finanziellen Anreize werden es nicht gewesen sein.

Alex war mit seiner Rolle in Ludwigsburg nicht zufrieden, mehr kann ich dazu nicht sagen. Er kann auf mehreren Positionen spielen und soll bei uns genauso eingesetzt werden wie vor zwei Jahren, als er in 32 Minuten rund 15 Punkte, vier Rebounds und fünf Assists pro Spiel erzielt hat. Dass wir neben ihm noch Spieler wie Benas Veikalas und Adam Waleskowski verpflichten konnten, ist neben dem zusätzlichen Engagement einiger Sponsoren der Verletzung von Andrej Mangold zu verdanken.

Die Neuverpflichtung aus Bonn hat sich das Kreuzband gerissen und fällt noch bis kommendes Jahr aus.

Ja, eine bittere Situation für Andrej, aber im Nachhinein muss man sagen, dass seine Verletzung unser Team und die Ausrichtung auf die Saison komplett geändert hat.

Wie meinst du das?

Es war mir zu riskant, nur mit drei Deutschen in die Saison zu gehen. Parallel dazu ergab sich zeitgleich die Möglichkeit, Adam, der einen deutschen Pass hat, und Benas zu verpflichten, weil sie auf dem Markt waren. Außerdem hatten wir die Möglichkeit, den Try-out-Vertrag von Melsahn Basabe zu kündigen, den ich unter anderen Umständen sicher behalten hätte, aber wir mussten die Balance im Team wiederherstellen. Wir haben diese Deals in drei Tagen durchgezogen und hatten danach ein Team mit einer komplett anderen Ausrichtung.

Wie hat sich eure Spielphilosophie durch die vielen kurzfristigen Wechsel geändert?

Ich kann jetzt noch mehr als vorher auf eine Open Offense setzen, weil ich die dafür notwendigen intelligenten Spieler habe. Ich mag außerdem ein Team, das viele Assists spielt. Letzte Saison waren wir schon das beste Team, was das Verhältnis von Punkten und Assists angeht. Auch für unsere Set-Offense ergeben sich vor allem durch Alex, Benas und Adam neue Optionen. Generell bin ich mit unserem aktuellen Team sehr glücklich. In einer Woche habe ich hier so viel Spaß wie in der gesamten letzten Saison.

Das heißt, für Göttingen ist in dieser Saison mehr drin als nur Abstiegskampf?

Wir bleiben realistisch. Angesichts unseres Budgets geht es für uns in erster Linie darum, in der Liga zu bleiben. Ich hätte nichts dagegen, wieder im letzten Spiel der Saison um den Klassenerhalt zu spielen! Daneben ist der Einzug in unser Trainingszentrum, der Ende des Jahres vollzogen werden soll, ein Meilenstein für uns. Für mich fühlt sich das an wie ein Neustart in Göttingen.


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