07
Dez

BIG-Appetizer: Isaiah Hartenstein

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Portrait über Isaiah Hartenstein aus BIG #58

Isaiah Hartenstein zog vor der Saison aus Quakenbrück nach Kaunas. BBL-Angebote schlug der Sohn von Ex-Profi Florian Hartenstein aus, stattdessen will er sich bei Euroleague-Teilnehmer Zalgiris zum NBA-Kandidaten trimmen. Fährt das 2,10-Meter-Talent damit wirklich richtig?

Text: Thilo Neumann

Begabter im Baltikum

"Hello, it’s me.“ Die Lautsprecher tragen den Welthit von Adele über die leeren Ränge der Cido Arena, als Isaiah Hartenstein zum ersten Mal das Parkett betritt; die Digitaluhr auf dem Videowürfel zeigt 17.29 Uhr. In einer Stunde beginnt die neue Saison von Zalgiris Kaunas, seinem Verein, mit einem Auswärtsspiel. Hier in Panevezys, im grauen Norden von Litauen, zwischen einer Tankstelle und einem Kindergarten. Erstmals bei Zalgiris im Kader: ihr 18-jähriges Top-Talent aus Deutschland, Isaiah „Hartensteinas“, wie sie ihn nennen. In grünem Shirt und weißen Shorts absolviert er sein Aufwärmprogramm; in der ersten Reihe glucksen drei kleine Jungen, als er vor ihnen zu Dehnübungen ansetzt. Die Partie gegen Lietkabelis Panevezys ist auch Hartensteins Hello im Profiteam des litauischen Basketballmeisters und Euroleague-Teilnehmers.

Für Hartenstein geht an diesem Spätsommerabend Ende September eine beschwerliche Reise zu Ende. Über ein halbes Jahr hatte der NBA-Aspirant verletzungsbedingt ausgesetzt, seit Anfang des Jahres wartete er auf einen Pflichtspieleinsatz. Seine letzte Partie für die Artland Dragons, bei denen er trotz Vertrag in Kaunas 15/16 noch auflief, datiert vom 10. Januar; ein 70:68-Auswärtssieg in Wolfenbüttel, ProB. Hartensteins letzte Amtshandlung im Dragons-Trikot: ein Foul gegen Lars Lagerpusch, sein fünftes, knapp drei Minuten vor Spielende. Im Anschluss flog er nach Kaunas, zum ANGT-Qualifikationsturnier; dem Adidas Next Generation Tournament, bei dem sich die besten Nachwuchsmannschaften Europas duellierten. Hartenstein, obwohl ohne Spielpraxis mit seinen Teamkollegen, dominierte im Zalgiris-Trikot: 23,5 Punkte, 11,3 Rebounds, 3,3 Blocks, 2,8 Assists, 1,8 Steals. ANGT-MVP? Isaiah Hartenstein.

Fünf Tage nach dem Finalerfolg des Zalgiris-Nachwuchsteams gaben die Artland Dragons eine Pressemitteilung heraus: Isaiah Hartenstein freigestellt. Auf eigenen Wunsch verlasse der Forward den Verein in Richtung Baltikum. „Die Entscheidung, nicht nach Quakenbrück zurückzukommen, hatte ich schon vor dem ANGT getroffen“, sagt Hartenstein beim BIG-Besuch in Litauen. Es habe eine Reihe an Gründen gegeben, warum er die Saison nicht in Niedersachsen zu Ende spielen wollte. Die Dragons beschränkten sich auf ihrer Homepage allerdings auf ein wenig schmeichelhaftes Motiv. „Uns wurde erklärt, dass Isaiah nicht mehr bereit ist, die Saison für die Artland Dragons zu Ende zu spielen, da er u.a. seine persönlichen Statistiken gefährdet sieht“, wird Dragons-Geschäftsführer Marius Kröger auf der Vereins-Webseite zitiert.

„Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Hartenstein rückblickend. Er möchte über die Situation von damals nicht viel sagen. Nur: „Ich bin letzte Saison nur deshalb in Quakenbrück geblieben, weil ich der Mannschaft helfen wollte. Wenn der Verein dann einen Satz rausgibt, den ich so nie gesagt habe, hinterlässt das schon ein ungutes Gefühl.“

Acht Monate später hört Isaiah Hartenstein in Panevezys, 1118 Kilometer nordöstlich von Quakenbrück, den Hallensprecher seinen Namen aufrufen, lässig läuft er mit zum Abklatschen erhobenen Händen an seinen Teamkollegen vorbei. An Paulius Jankunas, dem Anführer. Renaldas Seibutis, Robertas Javtokas. Seine litauischen Mitspieler und Lehrmeister. Es ist der Startschuss in eine Saison, an deren Ende für Hartenstein die NBA-Draft stehen könnte. Trotz langer Pause wird er weiter als sicherer Erstrundenpick gehandelt. Hier, in Litauen, will Hartenstein 16/17 den nächsten Schritt hin zum Basketball-Schlaraffenland machen.

Doch der Auftakt misslingt, in doppelter Hinsicht. Denn während Zalgiris-Center Augusto Lima den Ball beim Tip-off unglücklich zu einem Gegenspieler bugsiert, nimmt Hartenstein am Ende der Bank Platz. Und beobachtet von dort mit konzentriertem Blick, wie seine Teamkollegen einen Fehler an den nächsten reihen. In der Defense bekommen sie die Schützen von Lietkabelis nicht verteidigt, in der Offense leisten sie sich immer wieder leichte Turnover. An der Seitenlinie flucht und gestikuliert sich Headcoach Sarunas Jasikevicius in Rage – die lebende Basketballlegende trainiert ihren Heimatverein seit Anfang des Jahres. Vor allem Kevin Pangos, der kanadische Aufbau, der aus Gran Canaria nach Litauen kam, bekommt vom Trainer sein Fett weg. Zur Halbzeit liegt Kaunas mit 13 Punkten zurück, am Ende steht ein 90:86 für Lietkabelis – eine Blamage für den haushohen Favoriten. Die Zalgiris-Profis schleichen mit hängenden Köpfen vom Parkett, vorbei an Lietkabelis-Center Ksystof Lavrinovic. Mit geballter Faust posiert der Europameister von 2003 neben strahlenden Anhängern für Selfies, euphorisiert von dem unerwarteten Triumph über den Serienmeister.

Eine halbe Stunde nach Verklingen der Schlusssirene kommt Isaiah Hartenstein als einer der Ersten aus der Gästeumkleide, im Schlepptau eine Tasche mit den verschwitzten Trikots seiner Mitspieler. Auch sein eigenes Jersey, das mit der Nummer 55, ist in dem Klumpen aus Schweiß und Stoff – dabei bedürfte es eigentlich keiner Wäsche. „Saras“, wie Trainer Jasikevicius in Litauen gerufen wird, hatte im Auftaktspiel elf seiner zwölf Spieler eingesetzt. Einzige Ausnahme: Hartenstein. „Das Spiel war zu eng“, meint der Jungprofi die Begründung für sein DNP zu kennen. „Bei einer deutlichen Führung hätte ich wohl gespielt.“ Vor der Halle wartet bereits der Mannschaftsbus mit laufendem Motor. „Lass uns morgen in Kaunas treffen“, sagt er, schultert die Tasche und bewegt sich schwerfällig nach draußen.

Am nächsten Tag steht Hartenstein in schwarzer Kapuzenjacke und grauer Jogginghose auf der Rolltreppe eines Einkaufszentrums, unter den neugierigen Blicken tütenbehangener Passanten. Sein Ziel: ein Restaurant im Obergeschoss; die Bedienung nickt ihm wissend zu, als er sich an einen freien Tisch setzt. „Ich bin fast jeden zweiten Tag hier“, erzählt Hartenstein schmunzelnd und bestellt Ananassaft und Salat mit Hühnchen. Zu Hause mache er sich ab und an „Eier und Bacon, einfache Dinge, obwohl ich eigentlich mehr kann“. 110 Kilogramm wiege er mittlerweile, die weit geschnittene Kleidung verdeckt die muskulösen Arme, die er in den letzten Monaten bekommen hat. Wer die Bilder von der JBBL-Meisterschaft 2014 noch vor Augen hat, erinnert sich an einen spindeldürren Jungen mit spinnenähnlichen Extremitäten und kindlichen Gesichtszügen – nun sitzt hier ein athletischer Mann beeindruckenden Ausmaßes am Tisch. Auch heute hat er guten Appetit, die Niederlage vom Vortag ist verdaut, trotz kurzer Nacht: Nach der 90-minütigen Rückfahrt bat Jasikevicius noch zur Videoanalyse, fast zwei Stunden. Ob ihn das Nachsitzen genervt habe, wo er doch gar nicht gespielt hat? „Nein, das ist okay. Ich lerne ja viel dabei.“

Viel lernen, es ist das Motto für Hartensteins Engagement in Litauen. Und der Grund, warum er sich im Sommer 2015 für das Abenteuer Kaunas entschieden hat. Damals lag dem dann 17-Jährigen die halbe Basketballwelt zu Füßen. Zusammen mit Vater Florian besuchte der Junge Barcelona und Vitoria, wurde mit Bamberg, italienischen Vereinen und zahlreichen Colleges in Verbindung gebracht. Am Ende stellte der Ex-Profi aus Gießen und Quakenbrück für seinen Sohn eine Liste mit allen potenziellen Kandidaten und ihren Vor- und Nachteilen auf. Schließlich unterschrieb Hartenstein bei Zalgiris einen Dreijahresvertrag, trotz finanziell deutlich lukrativerer Angebote.

„Ich wollte zu einer Mannschaft, bei der ich das Haupttalent bin“, erklärt Hartenstein, während ihm die Bedienung den nächsten Gang bringt, Eiernudeln mit Schweinefleisch. „In Barcelona, wo ich öfter zu Besuch war, wäre ich zum Beispiel nur einer von vielen gewesen – hätte ich mich dort verletzt, wäre ich vielleicht einfach durch das nächste Talent ersetzt worden. Kaunas hat mir hingegen das Gefühl gegeben, dass sie viel mit mir vorhaben und mich auch fest in der Rotation einplanen.“ Möglichst viel Einsatzzeit auf hohem Niveau – für Hartenstein eines der wichtigsten Kriterien. Und ein weiteres Motiv, warum er Deutschland den Rücken kehrte, trotz Gesprächen mit Branchenprimus Bamberg, wo man Hartenstein langsam an die Bundesligamannschaft heranführen wollte. „Nicht falsch verstehen: ProA und ProB sind gute Ligen, aber auf Dauer wollte ich das nicht mehr“, sagt Hartenstein dazu. „Keiner von den größeren Bundesligavereinen konnte mir versprechen, dass ich Spielzeit in der Ersten Liga bekomme. Zu der Zeit, als ich mich entscheiden musste, drängte sich auch kein Verein damit auf, jungen Spielern viele Minuten zu geben.“

Kommentaren aus Bamberg, Hartenstein habe mit Litauen eben eine „kurzfristige“ Lösung gewählt, entgegnet er: „Das ist deren Meinung. Aber: Es ist mein Leben und ich muss gucken, was für mich am besten ist. Und das habe ich in Kaunas gesehen.“

Nach der ersten Saisonvorbereitung als Legionär bereut Hartenstein seinen Entschluss nicht, im Gegenteil: Er fühlt sich wohl, die Leute sind freundlich, die Bedingungen perfekt, die Lernkurve steil. „Was den Lernfaktor angeht, gibt es wohl keinen Verein, der besser zu mir passen würde“, sagt er. „In jeder Einheit lerne ich neue Dinge. Dabei hilft mir die große Erfahrung des ganzen Kaders, angefangen bei den Coaches. Jasikevicius war in der NBA, hat die Euroleague gewonnen. (Co-Trainer Darius, d. Red.) Songaila hat lange in der NBA gespielt. Dazu kommen die vielen älteren Spieler im Team, von denen ich mir viel abschauen kann. Und dann noch Guards wie Leo Westermann, der auch schon seit sechs, sieben Jahren auf hohem Niveau spielt. Sie vermitteln mir die kleinen Dinge, die es braucht, um Spiele zu gewinnen.“

Was er damit meine, den kleinen Dingen? Hartenstein blickt von seinen Nudeln auf, schaut in die Weite. „Das, was die guten Spieler ausmacht, was sie perfekt beherrschen: Wie man sich frei macht. Wie man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Wie man dirty spielt, wenn es darauf ankommt. Wie man ab und an ein Zeichen setzt. Oder die Tatsache, dass man nicht den Kopf hängen lässt, wenn es mal nicht so läuft, denn der Gegenspieler merkt das sofort. Auf solche Dinge legt Jasikevicius großen Wert. Gestern in Panevezys haben wir das komplett missachtet und prompt verloren.“

Doch der misslungene Auftakt tut der guten Stimmung der Nachwuchshoffnung keinen Abbruch. Vielmehr schwärmt er von dem, was ihm hier in Kaunas geboten werde: ein fast asketisches Leben eines Basketballlegionärs. Er hat rund um die Uhr Zugang zur Trainingshalle, die im Kellergeschoss der Heimstätte, der Zalgirio Arena, untergebracht ist. Seine Unterkunft liegt fünf Minuten Fußweg von seinem Arbeitsplatz entfernt, getrennt nur durch das Einkaufszentrum, in dem er gerade sitzt. Sein Arbeitsweg führt ihn durch das Shopping-Center, eine Rolltreppe rauf, quer über das Parkdeck, vorbei an Hausfrauen und Geschäftsleuten, die Einkäufe und Aktentaschen in den Kofferräumen ihrer Autos verstauen. Dann trennt Hartenstein nur noch eine Brücke von der Zalgirio Arena, die auf einer kleinen Insel mitten im Fluss Memel steht. Für Hartenstein eine Insel der Glückseligkeit. „Es gibt keine Ablenkungen, ich kann mich voll auf Basketball konzentrieren“, sagt er. Abseits von Training und Spielen gehe er ab und an mit Kevin Pangos essen oder zocke auf der Konsole, das sei alles. Ansonsten: Basketball, Basketball, Basketball.

Klar, die Familie vermisse er, aber dafür gebe es ja soziale Medien. Bliebe aber noch die Sache mit der Einsatzzeit, die ihm vor dem Wechsel zugesagt wurde. „Ich werde weiter hart arbeiten, dann bekomme ich hoffentlich meine Minuten.“ Die Saison wird lang, neben der Liga spielt Kaunas in der Euroleague, in der 30 Spiele garantiert sind. „Da werde ich schon meine Chancen bekommen“, sagt Hartenstein, schält seine 2,10 Meter aus der Sitzbank und schlendert zu seiner Wohnung, in einem unscheinbaren Haus, mit Topfpflanze im Treppenhaus und Blick auf den Busbahnhof. Kurz ausruhen vor dem Nachmittagstraining, am Folgetag steht bereits das nächste Spiel an, zu Hause, gegen Juventus Utena.

Doch statt vor den eigenen Fans zu debütieren, schuftet das Talent am nächsten Tag in der Trainingshalle, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Trainerteam hatte sich für zwölf andere Spieler entschieden, dem Ex-Dragon bleibt nur Einzeltraining mit Co-Trainer Darius Songaila. Der spielte acht Jahre in der NBA, als Power Forward – für Hartenstein also eine Sonderschicht mit einem Lehrmeister, dessen Karriereweg er nacheifern möchte. Songaila lässt den Jungen leiden, scheucht ihn in Sprints über den Court, drückt sich mit einem Schaumstoffpolster bei einer Post-up-Übung in Hartensteins Rücken. Dessen Atem wird von Minute zu Minute schwerer, am Ende läuft er, leicht gebückt und mit gefletschten Zähnen, die letzten Suicide-Drills – 45 Minuten vor Tip-off ist sein Arbeitstag dann vorbei. Als kurz vor Spielbeginn die litauische Nationalhymne intoniert wird, steht Hartenstein frisch geduscht und in grauem Poloshirt am Spielfeldrand.

Zwei Spiele, zweimal nur Zuschauer: ein schleppender Saisonstart für einen Spieler, der es im kommenden Sommer als potenzieller Lottery-Pick in die NBA schaffen könnte. Und der nach Litauen kam, um viele Minuten zu bekommen. „Es wird schon aufwärts gehen“, sagt Hartenstein mit mildem Gesicht nach dem 90:70-Sieg seiner Mannschaft in den Katakomben der Zalgirio Arena. Er werde nach seiner Verletzung langsam herangeführt, das sei schon in Ordnung. Die Worte klingen echt, aus seiner Stimme ist keine Bitterkeit herauszuhören. Hartenstein lehnt sich neben der Tür zur Zalgiris-Umkleide an die dunkle Backsteinwand, winkelt ein Bein an und schaut durch den Hallenumlauf. Wenige Meter weiter belagern drei Dutzend Fans Spielmacher Kevin Pangos, der von der PR-Abteilung des Vereins für ein Meet&Greet abgestellt wurde. „Ich warte auf ihn, wir gehen noch was essen“, sagt Hartenstein und nickt in Richtung des grün-weißen Pulks.

Als das letzte Selfie gemacht und das letzte Autogramm geschrieben ist, nimmt sich Kevin Pangos noch kurz Zeit für den Reporter aus Deutschland. Ihn wundere nicht, dass Hartenstein momentan als Erstrundenpick gehandelt wird. „Ich denke, er hat eine sehr gute Chance, das zu schaffen“, sagt der Kanadier, der an der Gonzaga University unter anderem mit Elias Harris zusammenspielte. „Ich rede täglich mit Isaiah darüber, was es aus meiner Sicht braucht, um es nicht nur in die NBA zu schaffen, sondern dort auch eine gute Rolle zu spielen, denn am Ende soll es ja auch eine solide NBA-Karriere werden. Er ist auf dem richtigen Weg, arbeitet hart und ist noch sehr jung, sprich, er hat noch viel Zeit, um sich zu entwickeln.“ Kaunas sei dafür der ideale Ort, meint Pangos weiter, die Trainingsbedingungen seien optimal, das Niveau dank der Euroleague-Teilnahme immer hoch.

Dann verschwindet Pangos hinter der grünen Tür mit dem Vereinslogo, in die Umkleide. Minuten später schwingt sie erneut auf, Sarunas Jasikevicius tritt hinaus, grüßt freundlich. Hartenstein? „Er ist ein sehr talentierter Junge“, beginnt Saras in fast akzentfreiem Englisch. „Es ist beachtlich, dass der Verein in der Lage war, ein Talent von seinem Kaliber zu verpflichten.“ Was Zalgiris von anderen Klubs unterscheide? „Wir sind von unserer Jugendarbeit überzeugt. Die Hälfte unserer Spieler wurde im Verein ausgebildet. Am liebsten hätten wir das ganze Profiteam aus selbst ausgebildeten Spielern, aber das ist in einem kleinen Land wie Litauen sehr schwierig, weswegen wir auch Ausländer unter Vertrag nehmen müssen. Wir schaffen ein tolles Umfeld für Nachwuchsspieler, um sich zu entwickeln. Allein die Tatsache, dass die Jungen 24 Stunden Zugang zur Halle haben, findet man so nicht überall.“

Jasikevicius entschuldigt sich, seine Familie warte. Eine Ergänzung habe er aber noch. „Isaiah wird nur so gut werden, wie er bereit ist, an Arbeit zu investieren. Aber ich denke, dass er das tun wird. Wir werden versuchen, ihm langsam und behutsam so viel Spielzeit wie möglich zu geben.“ Sein Handy vibriert, er muss los.

Als der viel gelobte Isaiah Hartenstein eine Viertelstunde nach seinem Trainer in türkisfarbenen Sneakers vor die Halle tritt, streckt ihm ein kleiner Junge einen Filzstift entgegen, das Kind reicht ihm bis zum Bauchnabel. Lächelnd signiert der Basketballer eine freie Seite im Heft des kleinen Verehrers. Dann entschwindet auch er, zusammen mit Kevin Pangos, als Letzter seiner Mannschaft in die Nacht von Kaunas.

Vier Tage später steht für Zalgiris bereits das nächste Spiel auf dem Programm, bei BC Siauliai, einem Leichtgewicht. Jasikevicius schont Jankunas, Seibutis, Javtokas – und befördert Isaiah Hartenstein vom Ende der Bank in die Starting Five. Gegen den besseren Sparringspartner aus dem Nordwesten des Landes steht die deutsche Nachwuchshoffnung 24 Minuten auf dem Parkett, kommt am Ende auf neun Punkte, sechs Rebounds, zwei Blocks. Und: fünf Fouls. Genau wie in seinem letzten Spiel für die Dragons Mitte Januar. Seit der Partie in Wolfenbüttel hat Isaiah Hartenstein den nächsten Schritt vollzogen auf seinem Weg hin zu seinem Traum, der NBA. Geht er ihn weiter mit der Konsequenz der letzten Monate, könnte er vielleicht schon in einem Jahr die nächste Premiere feiern: sein erstes „Fouled Out“ in der NBA.

 

Begabter im Baltikum
ISAIAH HARTENSTEIN zog vor der Saison aus Quakenbrück nach Kaunas.
BBL-Angebote schlug der Sohn von Ex-Profi Florian Hartenstein aus, stattdessen will er sich bei Euroleague-Teilnehmer Zalgiris zum NBA-Kandidaten trimmen. Fährt das 2,10-Meter-Talent damit wirklich richtig?
Text und Fotos: THILO NEUMANN
Hello, it’s me.“ Die Lautsprecher tragen den Welthit von Adele über die leeren Ränge der Cido Arena, als Isaiah Hartenstein zum ersten Mal das Parkett betritt; die Digitaluhr auf dem Videowürfel zeigt 17.29 Uhr. In einer Stunde beginnt die neue Saison von Zalgiris Kaunas, seinem Verein, mit einem Auswärtsspiel. Hier in Panevezys, im grauen Norden von Litauen, zwischen einer Tankstelle und einem Kindergarten. Erstmals bei Zalgiris im Kader: ihr 18-jähriges Top-Talent aus Deutschland, Isaiah „Hartensteinas“, wie sie ihn nennen. In grünem Shirt und weißen Shorts absolviert er sein Aufwärmprogramm; in der ersten Reihe glucksen drei kleine Jungen, als er vor ihnen zu Dehnübungen ansetzt. Die Partie gegen Lietkabelis Panevezys ist auch Hartensteins Hello im Profiteam des litauischen Basketballmeisters und Euroleague-Teilnehmers.
Für Hartenstein geht an diesem Spätsommerabend Ende September eine beschwerliche Reise zu Ende. Über ein halbes Jahr hatte der NBA-Aspirant verletzungsbedingt ausgesetzt, seit Anfang des Jahres wartete er auf einen Pflichtspieleinsatz. Seine letzte Partie für die Artland Dragons, bei denen er trotz Vertrag in Kaunas 15/16 noch auflief, datiert vom 10. Januar; ein 70:68-Auswärtssieg in Wolfenbüttel, ProB. Hartensteins letzte Amtshandlung im Dragons-Trikot: ein Foul gegen Lars Lagerpusch, sein fünftes, knapp drei Minuten vor Spielende. Im Anschluss flog er nach Kaunas, zum ANGT-Qualifikationsturnier; dem Adidas Next Generation Tournament, bei dem sich die besten Nachwuchsmannschaften Europas duellierten. Hartenstein, obwohl ohne Spielpraxis mit seinen Teamkollegen, dominierte im Zalgiris-Trikot: 23,5 Punkte, 11,3 Rebounds, 3,3 Blocks, 2,8 Assists, 1,8 Steals. ANGT-MVP? Isaiah Hartenstein.
Fünf Tage nach dem Finalerfolg des Zalgiris-Nachwuchsteams gaben die Artland Dragons eine Pressemitteilung heraus: Isaiah Hartenstein freigestellt. Auf eigenen Wunsch verlasse der Forward den Verein in Richtung Baltikum. „Die Entscheidung, nicht nach Quakenbrück zurückzukommen, hatte ich schon vor dem ANGT getroffen“, sagt Hartenstein beim BIG-Besuch in Litauen. Es habe eine Reihe an Gründen gegeben, warum er die Saison nicht in Niedersachsen zu Ende spielen wollte. Die Dragons beschränkten sich auf ihrer Homepage allerdings auf ein wenig schmeichelhaftes Motiv. „Uns wurde erklärt, dass Isaiah nicht mehr bereit ist, die Saison für die Artland Dragons zu Ende zu spielen, da er u.a. seine persönlichen Statistiken gefährdet sieht“, wird Dragons-Geschäftsführer Marius Kröger auf der Vereins-Webseite zitiert.
„Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Hartenstein rückblickend. Er möchte über die Situation von damals nicht viel sagen. Nur: „Ich bin letzte Saison nur deshalb in Quakenbrück geblieben, weil ich der Mannschaft helfen wollte. Wenn der Verein dann einen Satz rausgibt, den ich so nie gesagt habe, hinterlässt das schon ein ungutes Gefühl.“
Acht Monate später hört Isaiah Hartenstein in Panevezys, 1118 Kilometer nordöstlich von Quakenbrück, den Hallensprecher seinen Namen aufrufen, lässig läuft er mit zum Abklatschen erhobenen Händen an seinen Teamkollegen vorbei. An Paulius Jankunas, dem Anführer. Renaldas Seibutis, Robertas Javtokas. Seine litauischen Mitspieler und Lehrmeister. Es ist der Startschuss in eine Saison, an deren Ende für Hartenstein die NBA-Draft stehen könnte. Trotz langer Pause wird er weiter als sicherer Erstrundenpick gehandelt. Hier, in Litauen, will Hartenstein 16/17 den nächsten Schritt hin zum Basketball-Schlaraffenland machen.
Doch der Auftakt misslingt, in doppelter Hinsicht. Denn während Zalgiris-Center Augusto Lima den Ball beim Tip-off unglücklich zu einem Gegenspieler bugsiert, nimmt Hartenstein am Ende der Bank Platz. Und beobachtet von dort mit konzentriertem Blick, wie seine Teamkollegen einen Fehler an den nächsten reihen. In der Defense bekommen sie die Schützen von Lietkabelis nicht verteidigt, in der Offense leisten sie sich immer wieder leichte Turnover. An der Seitenlinie flucht und gestikuliert sich Headcoach Sarunas Jasikevicius in Rage – die lebende Basketballlegende trainiert ihren Heimatverein seit Anfang des Jahres. Vor allem Kevin Pangos, der kanadische Aufbau, der aus Gran Canaria nach Litauen kam, bekommt vom Trainer sein Fett weg. Zur Halbzeit liegt Kaunas mit 13 Punkten zurück, am Ende steht ein 90:86 für Lietkabelis – eine Blamage für den haushohen Favoriten. Die Zalgiris-Profis schleichen mit hängenden Köpfen vom Parkett, vorbei an Lietkabelis-Center Ksystof Lavrinovic. Mit geballter Faust posiert der Europameister von 2003 neben strahlenden Anhängern für Selfies, euphorisiert von dem unerwarteten Triumph über den Serienmeister.
Eine halbe Stunde nach Verklingen der Schlusssirene kommt Isaiah Hartenstein als einer der Ersten aus der Gästeumkleide, im Schlepptau eine Tasche mit den verschwitzten Trikots seiner Mitspieler. Auch sein eigenes Jersey, das mit der Nummer 55, ist in dem Klumpen aus Schweiß und Stoff – dabei bedürfte es eigentlich keiner Wäsche. „Saras“, wie Trainer Jasikevicius in Litauen gerufen wird, hatte im Auftaktspiel elf seiner zwölf Spieler eingesetzt. Einzige Ausnahme: Hartenstein. „Das Spiel war zu eng“, meint der Jungprofi die Begründung für sein DNP zu kennen. „Bei einer deutlichen Führung hätte ich wohl gespielt.“ Vor der Halle wartet bereits der Mannschaftsbus mit laufendem Motor. „Lass uns morgen in Kaunas treffen“, sagt er, schultert die Tasche und bewegt sich schwerfällig nach draußen.
Am nächsten Tag steht Hartenstein in schwarzer Kapuzenjacke und grauer Jogginghose auf der Rolltreppe eines Einkaufszentrums, unter den neugierigen Blicken tütenbehangener Passanten. Sein Ziel: ein Restaurant im Obergeschoss; die Bedienung nickt ihm wissend zu, als er sich an einen freien Tisch setzt. „Ich bin fast jeden zweiten Tag hier“, erzählt Hartenstein schmunzelnd und bestellt Ananassaft und Salat mit Hühnchen. Zu Hause mache er sich ab und an „Eier und Bacon, einfache Dinge, obwohl ich eigentlich mehr kann“. 110 Kilogramm wiege er mittlerweile, die weit geschnittene Kleidung verdeckt die muskulösen Arme, die er in den letzten Monaten bekommen hat. Wer die Bilder von der JBBL-Meisterschaft 2014 noch vor Augen hat, erinnert sich an einen spindeldürren Jungen mit spinnenähnlichen Extremitäten und kindlichen Gesichtszügen – nun sitzt hier ein athletischer Mann beeindruckenden Ausmaßes am Tisch. Auch heute hat er guten Appetit, die Niederlage vom Vortag ist verdaut, trotz kurzer Nacht: Nach der 90-minütigen Rückfahrt bat Jasikevicius noch zur Videoanalyse, fast zwei Stunden. Ob ihn das Nachsitzen genervt habe, wo er doch gar nicht gespielt hat? „Nein, das ist okay. Ich lerne ja viel dabei.“
Viel lernen, es ist das Motto für Hartensteins Engagement in Litauen. Und der Grund, warum er sich im Sommer 2015 für das Abenteuer Kaunas entschieden hat. Damals lag dem dann 17-Jährigen die halbe Basketballwelt zu Füßen. Zusammen mit Vater Florian besuchte der Junge Barcelona und Vitoria, wurde mit Bamberg, italienischen Vereinen und zahlreichen Colleges in Verbindung gebracht. Am Ende stellte der Ex-Profi aus Gießen und Quakenbrück für seinen Sohn eine Liste mit allen potenziellen Kandidaten und ihren Vor- und Nachteilen auf. Schließlich unterschrieb Hartenstein bei Zalgiris einen Dreijahresvertrag, trotz finanziell deutlich lukrativerer Angebote.
„Ich wollte zu einer Mannschaft, bei der ich das Haupttalent bin“, erklärt Hartenstein, während ihm die Bedienung den nächsten Gang bringt, Eiernudeln mit Schweinefleisch. „In Barcelona, wo ich öfter zu Besuch war, wäre ich zum Beispiel nur einer von vielen gewesen – hätte ich mich dort verletzt, wäre ich vielleicht einfach durch das nächste Talent ersetzt worden. Kaunas hat mir hingegen das Gefühl gegeben, dass sie viel mit mir vorhaben und mich auch fest in der Rotation einplanen.“ Möglichst viel Einsatzzeit auf hohem Niveau – für Hartenstein eines der wichtigsten Kriterien. Und ein weiteres Motiv, warum er Deutschland den Rücken kehrte, trotz Gesprächen mit Branchenprimus Bamberg, wo man Hartenstein langsam an die Bundesligamannschaft heranführen wollte. „Nicht falsch verstehen: ProA und ProB sind gute Ligen, aber auf Dauer wollte ich das nicht mehr“, sagt Hartenstein dazu. „Keiner von den größeren Bundesligavereinen konnte mir versprechen, dass ich Spielzeit in der Ersten Liga bekomme. Zu der Zeit, als ich mich entscheiden musste, drängte sich auch kein Verein damit auf, jungen Spielern viele Minuten zu geben.“
Kommentaren aus Bamberg, Hartenstein habe mit Litauen eben eine „kurzfristige“ Lösung gewählt, entgegnet er: „Das ist deren Meinung. Aber: Es ist mein Leben und ich muss gucken, was für mich am besten ist. Und das habe ich in Kaunas gesehen.“
Nach der ersten Saisonvorbereitung als Legionär bereut Hartenstein seinen Entschluss nicht, im Gegenteil: Er fühlt sich wohl, die Leute sind freundlich, die Bedingungen perfekt, die Lernkurve steil. „Was den Lernfaktor angeht, gibt es wohl keinen Verein, der besser zu mir passen würde“, sagt er. „In jeder Einheit lerne ich neue Dinge. Dabei hilft mir die große Erfahrung des ganzen Kaders, angefangen bei den Coaches. Jasikevicius war in der NBA, hat die Euroleague gewonnen. (Co-Trainer Darius, d. Red.) Songaila hat lange in der NBA gespielt. Dazu kommen die vielen älteren Spieler im Team, von denen ich mir viel abschauen kann. Und dann noch Guards wie Leo Westermann, der auch schon seit sechs, sieben Jahren auf hohem Niveau spielt. Sie vermitteln mir die kleinen Dinge, die es braucht, um Spiele zu gewinnen.“
Was er damit meine, den kleinen Dingen? Hartenstein blickt von seinen Nudeln auf, schaut in die Weite. „Das, was die guten Spieler ausmacht, was sie perfekt beherrschen: Wie man sich frei macht. Wie man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Wie man dirty spielt, wenn es darauf ankommt. Wie man ab und an ein Zeichen setzt. Oder die Tatsache, dass man nicht den Kopf hängen lässt, wenn es mal nicht so läuft, denn der Gegenspieler merkt das sofort. Auf solche Dinge legt Jasikevicius großen Wert. Gestern in Panevezys haben wir das komplett missachtet und prompt verloren.“
Doch der misslungene Auftakt tut der guten Stimmung der Nachwuchshoffnung keinen Abbruch. Vielmehr schwärmt er von dem, was ihm hier in Kaunas geboten werde: ein fast asketisches Leben eines Basketballlegionärs. Er hat rund um die Uhr Zugang zur Trainingshalle, die im Kellergeschoss der Heimstätte, der Zalgirio Arena, untergebracht ist. Seine Unterkunft liegt fünf Minuten Fußweg von seinem Arbeitsplatz entfernt, getrennt nur durch das Einkaufszentrum, in dem er gerade sitzt. Sein Arbeitsweg führt ihn durch das Shopping-Center, eine Rolltreppe rauf, quer über das Parkdeck, vorbei an Hausfrauen und Geschäftsleuten, die Einkäufe und Aktentaschen in den Kofferräumen ihrer Autos verstauen. Dann trennt Hartenstein nur noch eine Brücke von der Zalgirio Arena, die auf einer kleinen Insel mitten im Fluss Memel steht. Für Hartenstein eine Insel der Glückseligkeit. „Es gibt keine Ablenkungen, ich kann mich voll auf Basketball konzentrieren“, sagt er. Abseits von Training und Spielen gehe er ab und an mit Kevin Pangos essen oder zocke auf der Konsole, das sei alles. Ansonsten: Basketball, Basketball, Basketball.
Klar, die Familie vermisse er, aber dafür gebe es ja soziale Medien. Bliebe aber noch die Sache mit der Einsatzzeit, die ihm vor dem Wechsel zugesagt wurde. „Ich werde weiter hart arbeiten, dann bekomme ich hoffentlich meine Minuten.“ Die Saison wird lang, neben der Liga spielt Kaunas in der Euroleague, in der 30 Spiele garantiert sind. „Da werde ich schon meine Chancen bekommen“, sagt Hartenstein, schält seine 2,10 Meter aus der Sitzbank und schlendert zu seiner Wohnung, in einem unscheinbaren Haus, mit Topfpflanze im Treppenhaus und Blick auf den Busbahnhof. Kurz ausruhen vor dem Nachmittagstraining, am Folgetag steht bereits das nächste Spiel an, zu Hause, gegen Juventus Utena.
Doch statt vor den eigenen Fans zu debütieren, schuftet das Talent am nächsten Tag in der Trainingshalle, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Trainerteam hatte sich für zwölf andere Spieler entschieden, dem Ex-Dragon bleibt nur Einzeltraining mit Co-Trainer Darius Songaila. Der spielte acht Jahre in der NBA, als Power Forward – für Hartenstein also eine Sonderschicht mit einem Lehrmeister, dessen Karriereweg er nacheifern möchte. Songaila lässt den Jungen leiden, scheucht ihn in Sprints über den Court, drückt sich mit einem Schaumstoffpolster bei einer Post-up-Übung in Hartensteins Rücken. Dessen Atem wird von Minute zu Minute schwerer, am Ende läuft er, leicht gebückt und mit gefletschten Zähnen, die letzten Suicide-Drills – 45 Minuten vor Tip-off ist sein Arbeitstag dann vorbei. Als kurz vor Spielbeginn die litauische Nationalhymne intoniert wird, steht Hartenstein frisch geduscht und in grauem Poloshirt am Spielfeldrand.
Zwei Spiele, zweimal nur Zuschauer: ein schleppender Saisonstart für einen Spieler, der es im kommenden Sommer als potenzieller Lottery-Pick in die NBA schaffen könnte. Und der nach Litauen kam, um viele Minuten zu bekommen. „Es wird schon aufwärts gehen“, sagt Hartenstein mit mildem Gesicht nach dem 90:70-Sieg seiner Mannschaft in den Katakomben der Zalgirio Arena. Er werde nach seiner Verletzung langsam herangeführt, das sei schon in Ordnung. Die Worte klingen echt, aus seiner Stimme ist keine Bitterkeit herauszuhören. Hartenstein lehnt sich neben der Tür zur Zalgiris-Umkleide an die dunkle Backsteinwand, winkelt ein Bein an und schaut durch den Hallenumlauf. Wenige Meter weiter belagern drei Dutzend Fans Spielmacher Kevin Pangos, der von der PR-Abteilung des Vereins für ein Meet&Greet abgestellt wurde. „Ich warte auf ihn, wir gehen noch was essen“, sagt Hartenstein und nickt in Richtung des grün-weißen Pulks.
Als das letzte Selfie gemacht und das letzte Autogramm geschrieben ist, nimmt sich Kevin Pangos noch kurz Zeit für den Reporter aus Deutschland. Ihn wundere nicht, dass Hartenstein momentan als Erstrundenpick gehandelt wird. „Ich denke, er hat eine sehr gute Chance, das zu schaffen“, sagt der Kanadier, der an der Gonzaga University unter anderem mit Elias Harris zusammenspielte. „Ich rede täglich mit Isaiah darüber, was es aus meiner Sicht braucht, um es nicht nur in die NBA zu schaffen, sondern dort auch eine gute Rolle zu spielen, denn am Ende soll es ja auch eine solide NBA-Karriere werden. Er ist auf dem richtigen Weg, arbeitet hart und ist noch sehr jung, sprich, er hat noch viel Zeit, um sich zu entwickeln.“ Kaunas sei dafür der ideale Ort, meint Pangos weiter, die Trainingsbedingungen seien optimal, das Niveau dank der Euroleague-Teilnahme immer hoch.
Dann verschwindet Pangos hinter der grünen Tür mit dem Vereinslogo, in die Umkleide. Minuten später schwingt sie erneut auf, Sarunas Jasikevicius tritt hinaus, grüßt freundlich. Hartenstein? „Er ist ein sehr talentierter Junge“, beginnt Saras in fast akzentfreiem Englisch. „Es ist beachtlich, dass der Verein in der Lage war, ein Talent von seinem Kaliber zu verpflichten.“ Was Zalgiris von anderen Klubs unterscheide? „Wir sind von unserer Jugendarbeit überzeugt. Die Hälfte unserer Spieler wurde im Verein ausgebildet. Am liebsten hätten wir das ganze Profiteam aus selbst ausgebildeten Spielern, aber das ist in einem kleinen Land wie Litauen sehr schwierig, weswegen wir auch Ausländer unter Vertrag nehmen müssen. Wir schaffen ein tolles Umfeld für Nachwuchsspieler, um sich zu entwickeln. Allein die Tatsache, dass die Jungen 24 Stunden Zugang zur Halle haben, findet man so nicht überall.“
Jasikevicius entschuldigt sich, seine Familie warte. Eine Ergänzung habe er aber noch. „Isaiah wird nur so gut werden, wie er bereit ist, an Arbeit zu investieren. Aber ich denke, dass er das tun wird. Wir werden versuchen, ihm langsam und behutsam so viel Spielzeit wie möglich zu geben.“ Sein Handy vibriert, er muss los.
Als der viel gelobte Isaiah Hartenstein eine Viertelstunde nach seinem Trainer in türkisfarbenen Sneakers vor die Halle tritt, streckt ihm ein kleiner Junge einen Filzstift entgegen, das Kind reicht ihm bis zum Bauchnabel. Lächelnd signiert der Basketballer eine freie Seite im Heft des kleinen Verehrers. Dann entschwindet auch er, zusammen mit Kevin Pangos, als Letzter seiner Mannschaft in die Nacht von Kaunas.
Vier Tage später steht für Zalgiris bereits das nächste Spiel auf dem Programm, bei BC Siauliai, einem Leichtgewicht. Jasikevicius schont Jankunas, Seibutis, Javtokas – und befördert Isaiah Hartenstein vom Ende der Bank in die Starting Five. Gegen den besseren Sparringspartner aus dem Nordwesten des Landes steht die deutsche Nachwuchshoffnung 24 Minuten auf dem Parkett, kommt am Ende auf neun Punkte, sechs Rebounds, zwei Blocks. Und: fünf Fouls. Genau wie in seinem letzten Spiel für die Dragons Mitte Januar. Seit der Partie in Wolfenbüttel hat Isaiah Hartenstein den nächsten Schritt vollzogen auf seinem Weg hin zu seinem Traum, der NBA. Geht er ihn weiter mit der Konsequenz der letzten Monate, könnte er vielleicht schon in einem Jahr die nächste Premiere feiern: sein erstes „Fouled Out“ in der NBA.

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