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Sep

BIG-Appetizer: Interview mit Peyton Siva

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Peyton Siva aus BIG #56.

„Ich danke Gott, dass er nicht abgedrückt hat“: Peyton Siva soll in der kommenden Saison das Spiel von Alba Berlin organisieren. Der 25-jährige Point Guard war mit Louisville NCAA-Champion und kommt vom italienischen Klub Juve Caserta. BIG sprach mit ihm über seine neue Aufgabe, seine Körpergröße von 1,83 Metern und darüber, wie er seinen Vater vom Selbstmord abhielt.

Peyton Siva, Sie sind in Seattle aufgewachsen. Kennen Sie Detlef Schrempf?

Ja, ich habe ihn spielen sehen, als ich aufwuchs. Meine Großmutter liebte die Sonics und ich habe daher viele Spiele gesehen. Daher kenne ich ihn.

Was wissen Sie sonst über deutschen Basketball und die BBL?

Ich habe mit einigen Spielern gesprochen. Die Liga ist sehr ausgeglichen, es gibt viele gut ausgebildete Spieler, vor allem auf den großen Positionen. Ich hatte ein Work-out gegen Dennis Schröder, als ich für die NBA-Draft gemeldet hatte. Nach dem, was ich gehört habe, ist es eine tolle Liga mit großartigen Fans. Ich habe Spieler gesprochen, die schon für Alba gespielt haben, denen hat es dort sehr gefallen. Aber ehrlich gesagt, weiß ich noch nicht so viel über die BBL. Aber ich freue mich darauf, es selbst zu erleben.

Mit wem haben Sie über Alba und die BBL gesprochen?

Mit Jordan Taylor, aber auch mit Bobby Brown, der ja früher auch für Alba spielte.

Jordan Taylor wird Alba wieder verlassen. Der Klub zog die Option, den Vertrag nach einer Saison zu lösen. Sie werden ihn praktisch ersetzen. Wie gut kennen Sie ihn?

Ich kenne ihn ganz gut, seit dem College. Wir sprechen ab und zu.

Was hat Ihnen Jordan Taylor über Alba erzählt?

Er mochte es sehr. Ihm haben das Leben und der Basketball dort gefallen. Er sagte, die Fans sind toll.

Er und Will Cherry waren vergangene Saison die Point Guards. Alba fehlte es oft an Struktur und Spielaufbau. Was können Sie mit Ihrem Spiel anders machen?

Ich sehe mich als echten Point Guard, der seine Mitspieler ins Spiel bringen will. Ich liebe es, zu passen, meinen Kollegen offene Würfe zu ermöglichen. Ich will das Spiel kontrollieren. Natürlich werde ich auch selbst abschließen, wenn die Möglichkeit da ist. Ich bin aber ein sehr uneigennütziger Spieler. Ich liebe es, in den Passwegen zu spielen, zu verteidigen.

Haben Sie mit Jordan Taylor gesprochen, nachdem klar war, dass er nicht zu Alba zurückkehrt?

Nein. Ich habe auch erst vor Kurzem erfahren, dass Alba ihn nicht hält. Ich wünsche ihm aber das Beste und bin überzeugt, er findet einen guten Klub.

Hatten Sie schon die Chance, mit dem neuen Coach Ahmet Caki zu sprechen?

Noch nicht. Ich hatte aber Kontakt zum Athletikcoach, um fit für die Vorbereitung zu sein. Den Trainer werde ich dann in Berlin treffen.

Sie hatten ein großartige College-Karriere. Sie wurden 2013 mit Louisville NCAA-Champion. Sie steuerten im Finale gegen Michigan 18 Punkte und vier Steals bei. Was war das für eine Erfahrung für Sie?

Es war großartig. Diesen Titel zu gewinnen, war ein surreales Gefühl. Man träumt als Kind immer davon und für mich  ist es noch heute verrückt, dass wir damals Champion geworden sind. Dahinter steckte jedoch viel Arbeit. Doch auch der Weg dahin war eine tolle Erfahrung.

Was ziehen Sie noch heute aus diesem Erfolg?

Das bereitete mich auf die großen und wichtigen Momente vor. Ich habe keine Angst, vor vielen Tausend Menschen zu spielen. Wir hatten im Finale über 70 000 Zuschauer. Es ist gut zu wissen, dass man sein Team zu einer Meisterschaft führen kann. Man ist ein Gewinner und kann diese Kultur auch zu einem neuen Team bringen. Das hat mir sehr geholfen. Ich bin sehr dankbar für das, was ich in Louisville und von Coach Pitino gelernt habe.

Welche Rolle hat Rick Pitino in Ihrer Karriere gespielt? Er gehört zu den großen College-Coaches.

Ein sehr wichtige. Er hat mir auf und neben dem Court viel beigebracht. Er hat mich auch als Mensch und Spieler stabiler, ausgeglichener gemacht. Er hat mich gelehrt, härter und mehr Defense zu spielen, als ich es zuvor tat. Er hat mich zu einem echten Point Guard gemacht, der seine Mitspieler ins Spiel bringt und offene Würfe für sie kreiert.

Sie haben viele Auszeichnungen erhalten. Ein ungewöhnlicher Preis war der Frances-Pomeroy-Naismith-Award. Der geht an Spieler, die auf dem Court trotz ihrer relativ geringen Körpergröße außergewöhnliche Leistungen zeigten. Sie sind 1,83 Meter groß. War die Körpergröße jemals ein Problem in Ihrer Karriere?

Damit habe ich mich nie beschäftigt. Für mich war das nie ein Faktor. Ich hatte immer Gegner, die größer und auch älter waren als ich.  Die Größe spielt für mich keine Rolle. Was zählt, ist dein Wille, dein Herz. Mein älterer Bruder ist größer und ich habe immer versucht, ihn auf dem Court zu schlagen. Daher schüchtert mich da nichts mehr ein. Basketball ist Basketball. Die Gegner müssen auch mich erst einmal stoppen. Man muss seine Stärken kennen. Wenn der Gegner größer ist, bin ich meist schneller als er. Das muss ich dann nutzen. Für mich war die Größe nie ein Nachteil.

Sie haben also nie gehört: Der ist zu klein, den wollen wir nicht?

Ja, das gab’s schon. Doch ich denke, das spielt im Basketball heute eine immer kleinere Rolle. Wenn man sieht, wer alles in der NBA spielt und spielte. Wie Isaiah Thomas, Nate Robinson. Es geht wie gesagt um deinen Antrieb, deinen Willen. Du musst einfach smarter sein, deine Stärken und Schwächen gut kennen. Da hilft es, Guards wie Steve Nash oder Jason Kidd zu beobachten. Sie waren nicht die größten Athleten, aber sie waren smarter als die anderen, wussten das Spiel zu spielen. Ich hatte die Chance, mit Chauncey Billups zu spielen und zu lernen. Wie er sich mit Video-Studium vorbereitet. Wie er Pick’n’Roll-Situationen liest. Das unterscheidet gute von außergewöhnlichen Spielern.

Nach der College-Karriere wurden Sie von den Detroit Pistons gedraftet und machten 24 Spiele in der NBA. Warum hat es dort am Ende nicht geklappt?

Schwer zu sagen. Es war eine tolle Chance, aber vielleicht war ich nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Doch jetzt ist für mich die beste Option, nach Deutschland zu Alba zu gehen und meine Karriere dort fortzusetzen.

Sie haben dann noch rund eineinhalb Jahre in der D-League gespielt. Wie schwer war der Schritt im vergangenen Sommer nach Italien zu Juve Caserta?

Das war schwer. Da war die Sprachbarriere, der ganze Umzug mit Familie. Ich denke aber, es lief dann ganz gut. Auch wenn ich in der Saison leider mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Das Schwerste dort war aber vielleicht, nur ein Spiel in der Woche zu haben.  Die Zeit zwischen den Spielen ist zu groß. Bei Alba spielen wir Eurocup, haben zwei Partien die Woche. Das ist besser. Zu lange auf das nächste Spiel zu warten, kann frustrierend sein. Doch für mein erstes Jahr im Ausland war es eine gute Erfahrung, ich habe tolle Menschen kennengelernt.

Zweimal die Woche zu spielen ist besser als trainieren.

Ja, das ist wahr. Man steht immer im Wettbewerb und ein schlechtes Spiel kann man gleich wiedergutmachen. Jeder will doch am liebsten Basketball spielen. Natürlich muss man trainieren, sich verbessern. Doch ich liebe es einfach, zu spielen.

Betrachtet man Ihren Distanzwurf, scheint der von Saison zu Saison sehr unterschiedlich zu sein. Ist das eines der Dinge, an denen Sie arbeiten müssen?

Ja, hier kann ich mich steigern. Ich würde sagen, ich habe bisher nicht sehr gut geschossen, aber auch nicht ganz miserabel. Ich muss einfach konstanter werden. Es gibt Spiele, wo die Dreier fallen, dann wieder nicht. Ich muss die richtigen Würfe nehmen, es nicht erzwingen. Das wird meinem Distanzwurf helfen. Daran arbeite ich auch das ganze Jahr über.

Glauben Sie, mit Spielern wie Steph Curry verändert sich das Spiel, ist mehr auf Guards zugeschnitten?

Ich denke schon. Die Guard-Position war aber immer zentral. Allein schon aus dem Grund, weil sie oft den Ball in der Hand haben. Wenn man Steph Curry sieht, wie er wirft und passt – die Guard-Position ist einfach wichtig. Wie gesagt, ich arbeite weiter an meinem Wurf. Der Gegner muss auch deinen Jumpshot respektieren, damit man mehr Möglichkeiten hat, etwas zu kreieren. Man kann zum Korb ziehen oder, wenn die Defense sich zurückzieht, den Jumpshot wählen. Oder, wenn man zwei Verteidiger auf sich zieht, mit dem Kickout-Pass einen guten Wurf für einen Mitspieler ermöglichen. Wie gesagt, als Guard hat man den Ball in den Händen, kreiert für seine Mitspieler. Das zeigt die Bedeutung der Position.

Sie sind ein guter Balldieb. Das scheint eine Ihrer Stärken zu sein.

Ja. Das konnte ich schon immer. Da hat mir die Zeit in Louisville geholfen. Ich habe gelernt, die Offense des Gegners zu lesen. Als Point Guard muss man smart sein. Man muss wissen, wann man in die Passwege geht, um einen leichten Steal zu bekommen.

Denken Sie, es ist ein Vorteil, bei Alba zu einem Team zu kommen, dass nach einem Trainerwechsel jetzt neu startet?

Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein. Wir werden Zeit brauchen, um uns als Team kennenzulernen, die Rollen zu finden. Doch dafür ist die Vorbereitung da. Wenn ich mir den Kader bisher anschaue, denke ich jedoch, das sind alles gute Jungs. Ich habe mit Jordan auch über die Mitspieler gesprochen. Er sagte, jeder stellte sein Ego hintan. Alle kamen gut miteinander aus. Das ist das Wichtigste: Die Team-Chemie muss stimmen. Sonst werden Spiele egoistisch, alles fällt auseinander. Wir müssen also auf einer Wellenlänge sein, jeder muss seine Rolle kennen.

Bei Alba werden Sie mit Engin Atsür einen erfahrenen Point Guard an Ihrer Seite haben. Kennen Sie ihn?

Nein, ich habe aber gelesen, dass er kommt. Ich kenne aber Niels Giffey. Wir haben am College gegeneinander gespielt, als er bei UConn war. Ich freue mich darauf, nun mit ihm in einem Team zu sein. Ich konnte ihn schon sprechen. Wir freuen uns beide darauf.

Was sind Ihre Ziele mit Alba? Mit München und Bamberg gibt es zwei starke Teams in der Liga.

Ich weiß. Doch ich will zunächst immer Spiele gewinnen. Hoffentlich werden es ein paar mehr als in der vergangenen Saison. Natürlich will man auch immer Titel holen. Meine Einstellung ist: Wenn man Spiele gewinnt, kommt auch der persönliche Erfolg. Man muss zunächst alles für die Mannschaft geben. Wenn man gewinnt, kommt alles andere von allein. Ich habe schon gehört, dass es eine große Rivalität mit Bayern gibt. Ich freue mich schon auf diese Duelle.

Sie haben nicht in der Summerleague gespielt. Warum nicht?

Ich habe entschieden, meinem Körper eine Pause zu gönnen. Ich habe früh bei Alba unterschrieben und konzentriere mich darauf. Ich will ganz gesund werden und nicht versuchen, in der Summerleague etwas zu erzwingen oder mich sogar zu verletzen.

Sie plagt noch eine Verletzung?

Ich hatte eine Oberschenkelverletzung. Doch das ist schon viel besser. Zum Trainingsauftakt bin ich ganz fit. Ich will jetzt einfach nichts riskieren.

Sie haben Wurzeln in Samoa. Das kommt von der Seite Ihres Vaters, Peyton Sr., richtig?

Das stimmt. Meine Großeltern kommen aus Samoa. Sie zogen nach Seattle, als er klein war.

Wie hat Sie diese Kultur in Ihrem Charakter geprägt?

Vielleicht meine Energie auf dem Court. Samoaner gelten als furchtlos. Viele spielen auch Football. Ich spiele hart und liebe es, den Korb zu attackieren. Ich habe keine Angst vor Kontakt. Ich bin sicher nicht der größte und kräftigste Athlet aus Samoa. Da kennt man ja ganz andere Sportler. Aber meine Leidenschaft und meine Begeisterung auf dem Court rühren vielleicht daher.

Bleiben wir bei Ihrem Vater. Da ist diese Geschichte, auf die man sofort stößt, wenn man über Sie recherchiert. Sie sind in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen und haben Ihren Dad vom Selbstmord abgehalten. Darüber sprechen Sie erstaunlich offen. Warum?

Es ist für mich kein großes Ding, darüber zu reden. Es sind einfach Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe. Viele, mit denen ich aufwuchs, waren in einer ähnlichen Situation wie ich. Ich hatte Glück, Gott hat mein Leben gerettet. Für mich ist es leicht, darüber zu sprechen, weil ich weiß, dass viele Ähnliches durchmachen. Dass ich es aus diesem Leben herausgeschafft habe, ist anderen vielleicht ein Vorbild und eine Hilfe. Viele haben meine Geschichte gelesen oder gesehen, deren Vater oder Sohn auch drogenabhängig ist. Ich will den Leuten zeigen, dass ein Licht in der Dunkelheit ist. Du kannst es schaffen, man darf nicht aufgeben.

Ihr Vater war drogenabhängig und Sie bewahrten ihn davor, sich das Leben zu nehmen. Würden Sie diese dramatische Situation auch uns noch einmal schildern?

Das war eine schlimme Situation. Mein Dad war schon einige Jahre abhängig. Eines Tages fehlte eine Waffe. Ich habe ihn dann mit meiner Mutter gesucht. Glücklicherweise fanden wir ihn. Er stand unter Drogen. Wir sprachen im Auto miteinander. Er hatte die Pistole und wollte nicht mehr leben. Ich sagte ihm, das wäre sehr selbstsüchtig. Er habe drei Kinder, auf die er aufpassen sollte. Auch wenn meine Mutter und er getrennt waren, ist er immer noch mein Vater. Ich danke Gott, dass er nicht abgedrückt hat. Seitdem macht er sich sehr gut. Er lebt in Louisville, wo auch ich lebe. Er ist weg von den Drogen. Mein Dad ist ein sehr geselliger Mensch. Er findet schnell Anschluss, versucht, Menschen zu helfen. Es war am Ende also alles gut. Mein Vater war dann dabei, als ich NCAA-Champion wurde und in der NBA spielte. Seitdem ist er für mich da.

Sie haben seitdem eine besondere Beziehung?

Ja, auf jeden Fall.

Es scheint, als habe Ihr Vater in dieser Situation vor allem von Ihnen gelernt. Doch was hat dieses Erlebnis mit Ihnen gemacht?

Ich habe gelernt, dass man immer Menschen braucht, die einen durch schwere Zeiten führen. Menschen haben dunkle Momente, Tiefpunkte, an denen man manchmal nicht weiterweiß. So eine Situation kann man allein meist nicht meistern. Meine ganze Familie hat dadurch viel gelernt. Ich bin sehr gläubig, glaube an Gott. Ich versuche einfach, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen. Man kann nie wissen, was der andere gerade durchmacht. Ich will allen Menschen mit dem gleichen Respekt und der gleichen Liebe begegnen.




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